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Führung durch die Pausa-Sammlung

Schatzkammer der Stadt

Unter der Pausa-Bogenhalle lagert die größte Sammlung an Dekorationsstoffmustern Europas, vielleicht sogar der ganzen Welt. Im Rahmen der Veranstaltungen zum Mössinger Kulturherbst führte Museumsleiter Hermann Berner eine Besuchergruppe in die textile Schatzkammer der Stadt.

17.09.2012
  • Susanne Mutschler

Mössingen. Die bunten Stoffmuster, die sich im Untergeschoss der Bogenhalle stapelweise dicht an dicht reihen, verlocken unwillkürlich zum Anfassen. „Darf man da auch blättern?“, war gleich die erste Frage, die die Teilnehmer/innen der Führung bewegte.

Man durfte, und so wurde bewundert, befühlt, gestreichelt und geschnüffelt. Jedes einzelne Stoffteil hat ein anderes Muster oder wenigstens eine andere Farbe. In manchen Dekors wurden längst abgelegte Vorhänge wieder erkannt, andere der alten Muster empfand man schon wieder als topaktuell. Die Besucher/innen waren sichtlich begeistert und hatten eine Menge Fragen an den Textil-Designer Engelbert Schramm, der sich derzeit ausschließlich mit alten Stoffen beschäftigt.

100 000 Stoffmuster, 12 700 Entwürfe

Dass er den 57-jährigen früheren Pausaner für die Archivierung der inzwischen rund 100 000 unterschiedlichen Stoffmuster, der ungefähr 12 700 gemalten Entwürfe und der über 700 Musterbücher gewinnen konnte, hält Berner für „einen Glücksfall“. Schramm, der von 1979 bis 1986 in der Pausa Stoffmuster entwarf, ist ein Kenner des Betriebs. Als zweiten „Glücksfall“ nannte Berner die Bereitschaft der Wüstenrot-Stiftung, ein vorzeitig abgebrochenes Promotionsstipendium zur Finanzierung von Schramms Arbeit umzuwidmen. „Es klemmt bei den Zuschüssen“, erklärt der Museumsleiter. Deshalb laufe das Projekt „auf Sparflamme“. Die Fördermittel aus der Kulturstiftung des Bundes und der Denkmalstiftung seien längst aufgebraucht, über neu gestellte Anträge noch nicht entschieden.

Vor drei Jahren begann ein kleines Team um die Stuttgarter Textilrestauratorin Gabriele Braun mit der schier unendlich scheinenden Arbeit an den im ganzen Areal der ehemaligen Textilfabrik verteilten Stoffmassen. Im Jahr 2000 hatte die Firma Pausa Insolvenz angemeldet. Seit 2004 steht die architektonische „Grundgesamtheit samt Inventar“ unter Denkmalschutz. Pausa-Eigentümerin ist inzwischen die Stadt Mössingen.

Manche der Muster waren von Mardern und Mäusen als Matratze benutzt worden. Noch immer lagern Tausende von unappetitlich riechenden Textilfetzen in einem Quarantäneraum. Doch der größte Teil der Stoffmuster hat – dank der legendären Pausa-Qualität und ihrer unverwüstlichen Lichtechtheit – unbeschadet die Jahrzehnte überlebt. Falls nötig, wurden die Stoffe gereinigt, in der ehemaligen Werkskantine mit Exsikkatoren über viele Monate lang entfeuchtet, anschließend fotografiert, mit einer Inventarnummer versehen und mit ihren Wiedererkennungsmerkmalen in einer Datenbank gespeichert.

Bestände stapeln sich bis unter die Decke

Er habe schon 68 386 solcher Nummern vergeben, beschreibt der von ständig nachwachsenden Stoffhäufen umgebene Schramm sein hohes Arbeitstempo. Wenn in 14 Monaten das letzte Wüstenrot-Fördergeld aufgebraucht sein wird, würde er gerne „im Wesentlichen“ fertig sein. Ungefähr 100 000 unbearbeitete Musterstücke stehen noch auf seiner Warteliste.

Die fertig inventarisierten Stoffe werden zwischen Seidenpapierlagen in Kartons gebettet und in einem klimatisierten Raum ordentlich auf Regalen einsortiert. Soweit das Auge reicht, stapeln sich die Kästen bis unter die Decke.

Die Pausa-Sammlung erlaube einen einzigartigen Überblick über Entwürfe, Drucke und Techniken der vergangenen 80 Jahre, erklärt Berner. In den meisten Textilfabriken seien sowohl Entwürfe wie Stoffmuster einfach weggeworfen worden, sobald die aktuelle Kollektion aus der Mode kam und nicht mehr produziert wurde. Man habe den künstlerischen Wert der Entwürfe für Gebrauchstextilien viel zu gering geachtet, bedauert er. „Von der Wäschefabrik Egeria in Tübingen ist nichts übrig geblieben.“

Nach den bewegten Jahren unter den Gebrüdern Löwenstein, den Pausa-Gründern, die bei der Weltausstellung Preise gewannen (siehe Kästle unten), erlebte die Textilfabrik nach dem Zweiten Weltkrieg unter der künstlerischen Leitung von Wilhelm Häussler, der unter seinen Stoffmusterentwerfern viele namhafte Künstler beschäftigte, eine zweite Hochphase.

Da sind haufenweise Felger dabei

„Da sind haufenweise Felger dabei“, erklärte Schramm vor einer Originalzeichnung mit wilden grünen Blättern. Neben den kühnen Farbkompositionen von Andreas Felger, „einem der fleißigsten Stoffmuster-Entwerfer der Pausa“, hatte er beispielhaft Entwürfe von Ilsebil Mathis, Richard Meyer und Berenice Christoph ausgelegt.

Die Archivierung der Stoffe sei ein erster Schritt, bei dem es ums Retten, Bewahren und Wiederfinden gehe, äußerte Berner. Sein Traum wäre ein Mössinger Textilmuseum, das neben den Mustern auch die Drucktechniken und die Firmengeschichte dokumentiert. Auch wenn das, wie er vermutet, „einen langen Atem braucht“, hat er schon vorausschauend begonnen, Interviews mit ehemaligen Pausa-Mitarbeitern zu führen.

Schatzkammer der Stadt
Pausa-Besichtigung beim Mössinger Kulturherbst: Designer Engelbert Schramm zeigt hier den vielen interessierten Frauen einzelne Muster der einzigartigen Stoffsammlung in der früheren Textildruckerei.Bild: Rippmann

1919 hatten die Brüder Felix und Artur Löwenstein die schon seit 1875 bestehende Mössinger Buntweberei übernommen. Damals wurde noch mit traditionellem Holzmodeldruck gearbeitet, führte Museumsleiter Hermann Berner bei der Besichtigung am Freitag aus.
Die innovativen Löwensteins stellten nicht nur auf Siebdrucktechnik um, sondern unterhielten außerdem Beziehungen zu Bauhaus-Künstlern, was Pausa-Entwürfen bei der Weltausstellung in Barcelona Preise einbrachte. 1935 waren die Löwensteins gezwungen, im Vollzug der nationalsozialistischen „Arisierung“ ihren Betrieb weit unter Wert zu verkaufen.

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17.09.2012, 12:00 Uhr

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