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Die Eisenbahnbrücken zeugen von Geschichte

Schienenwege über Stahl und Stein

DUSSLINGEN. Die eine spannt sich in drei schönen steinernen Bögen über die Steinlach, die andere überbrückt als schlichtes Zweckbauwerk die B 27. Wahrgenommen werden die beiden Dußlinger Eisenbahn-Brücken von Zug- und Autoreisenden gleichermaßen wenig.

07.12.2005
  • Susanne Mutschler

Als Passagier im Regionalexpress sieht man das Dußlinger Steinviadukt überhaupt nicht. Autofahrer gibt es auf der Uferstraße, von der aus die alte Eisenbahnbrücke zu sehen ist, nur sehr wenige und als Spazierweg ist der Feldweg unter der Brücke hindurch weder besonders geeignet noch beliebt. Dabei – so findet Guido Motika, pensionierter Dienststellenleiter von Balingen und passionierter Eisenbahnkenner – sei die Dußlinger Brücke immerhin „die zweitschönste Brücke“ auf der ganzen Strecke von Tübingen bis Sigmaringen.

Seine persönliche Favoritin unter den Zollern-Alb-Eisenbahnbrücken ist und bleibt das hochbeinig-elegante Viadukt über den Meßstettener Talbach bei Albstadt-Lautlingen. Motika hat in vier dicken Manuskripten „Schienen an der Zollernalb“ in Wort und Zahl alles festgehalten, was es über die Eisenbahn der Region zu wissen gibt.

Mit dem Bau der Dußlinger Brücke wurde 1867 begonnen. Die technische Leitung für diesen Bauabschnitt der Zollernbahn hatte Oberbaurat Ludwig von Gaab, der aber im August 1868 starb. Damals gehörten noch zwei weitere Steinbrücken zu seinen Bauaufgaben, die Öhrnbachbrücke bei Belsen und die gewölbte Steinlachbrücke vor Mössingen.

Beide Brücken wurden im Frühjahr 1945 gesprengt. Damit Mössingen mit dem Zug angefahren werden konnte, baute man gleich im Sommer „Auf der Dachtel“ einen hölzernen Behelfsbahnhof und hinter der Bahnhofsgaststätte einen Fußgängersteg über die Steinlach. „Die Waggons aus Tübingen wurden von der Lok geschoben, damit der Zug für die Rückfahrt gleich richtig stand“, erklärt Motika das Provisorium.

Ende 1945 war die ganze Strecke über Notbrücken wieder passierbar, heute stehen an Stelle der Steinviadukte unscheinbare Betonbögen. Nur die Dußlinger Brücke entging der Zerstörungswut der Deutschen. Möglicherweise hing das gerade mit ihrer versteckten Lage zusammen, mutmaßt der Balinger Eisenbahner. „Das waren ja keine örtlichen Sprengkommandos, die sich in der Gegend auskannten“, erklärt er.

Das Viadukt hat drei durch Steinquader markant eingefasste Bögen. Der 18 Meter breite in der Mitte wölbt sich über die Steinlach, die schmalen, hohen Bögen an beiden Seiten überbrücken zwei Feldwege, die parallel zum Wasser verlaufen. Das Gemäuer ist 43 Meter lang. Im einem handgeschriebenen „Brückenbuch“ von 1931 fand Martin Schmolke, Pressesprecher der DB, dass damals 1850 Kubikmeter Stein verbaut wurden. Für die Widerlager wurde Kalkstein, für die Hauptgewölbe und die Stirnmauer Dettenhäuser Stubensandstein verwendet.

Die zweite Dußlinger Eisenbahnbrücke ist eine unspektakuläre Stahl-Konstruktion aus Doppel-T-Profilen. „Solche gibt es grad’ genug“, kommentiert Motika. Und doch dokumentiert auch sie ein Stück Geschichte. Gebaut wurde sie im Zuge des Ausbaus der damals „Fernverkehrsstraße Nr. 27“ genannten Verbindung nach Rottweil.

Wer heute auf der B 27 kurz vor dieser „Blechträgerbrücke“ zum Stehen kommt, hat vielleicht schon an den vom Rost halb weggefressenen Buchstaben auf dem Stahlträger gerätselt. Es ist die Signatur der 1845 gegründeten Maschinenfabrik Esslingen. Bei Stau besteht sogar die Chance, an der Wand im Brückendurchlass die Jahreszahl 1935/36 zu lesen und zu entdecken, dass die abgekratzten Überreste auf dem runden Stein-Emblem ursprünglich ein Hakenkreuz-Symbol trugen.

Brücken seien eigentlich nicht das Hauptgebiet der Esslinger Maschinenfabrik gewesen, erklärt Motika, sondern Lokomotiven, Dampfmaschinen und Turbinen, die in die ganze Welt geliefert wurden. Er erinnert sich gut daran, wie er 1961 im Werk Esslingen/Mettingen einmal die Probeläufe einer Zahnradbahn-Zugmaschine für Indonesien beobachtete.

Bis 1920 stammte der gesamte Lokomotiven-Park der KWSE aus Esslingen, erst seit der Vereinigung zur Reichsbahn fuhren Loks norddeutscher Fabrikate bis in den deutschen Süden. Auch bei der einfachen Dußlinger Eisenbahn-Brücke sind Materialien aus dem ganzen Reich verarbeitet. Von 74,8 Tonnen Stahl berichtet das alte Brückenbuch. Die Hauptträger sind aus Baustahl aus Burbach, die Brückenlager aus Mühlheim und der Rest ist aus Gusseisen aus Oberhausen.

Nur der Muschelkalk-Schotter kam aus der Nähe, aus Rottenburg. Die Stahlkonstruktion lagert auf Stein-Fundamenten, die „mit einem zwölf Zentimeter starken, mit Bitumenmörtel versetzten Klinkermantel“ umgeben wurden. Als Begründung dafür führt das Brückenbuch den Schwefeltrioxyd-Gehalt des Dußlinger Grundwassers an.

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07.12.2005, 12:00 Uhr

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