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Schlagartig alt, aber ewig jung
Ewig alt, von links: Herr Ruchter (Michael Ruchter), Frau Kornprobst (Jennifer Kornprobst), Herr Guglielmetti (Andreas Guglielmetti), Frau Beyer (Franziska Beyer), Herr Schnicke (Patrick Schnicke). Dazwischen, im aseptischen Weiß der durchtriebene Unschuldsengel ihrer Pflegekraft Laura (Laura Sauer).Bild:LTT
Premiere am LTT

Schlagartig alt, aber ewig jung

In „ Ewig jung“ sind fünf LTT-Schauspieler und ein Pianist dank Maskenabteilung und Mimenkunst schlagartig um 50 Jahre älter, leben im zum Altersheim umgewidmeten ehemaligen LTT und rebellieren mit hoher Liedkunst gegen Schwester Laura.

05.12.2016
  • Peter Ertle

Sie heißen Frau Beyer, Herr Guglielmetti, Frau Kornprobst, Herr Krämer, Herr Ruchter und Herr Schnicke. Sie leben in einem Altersheim, das einmal Theater war – wer braucht im Jahr 2066 noch Theater? – das Theater, in dem sie vor 50 Jahren gespielt haben. Schön erfunden. Und doch so wahr. In der Premiere am Freitag spielten: Andreas Guglielmetti Herrn Guglielmetti. Jennifer Kornprobst Frau Kornprobst. Oliver Krämer Herrn Krämer. Michael Ruchter Herrn Ruchter. Und Patrick Schnicke? Herrn Schnicke.

Die Modellierung der Figuren (Bühne, Kostüme: Katrin Busching) legt es nahe, ausnahmsweise mal das gesamte LTT-Team Maske namentlich aufzuzählen: Peter Hering, Anne Kondschak, Kerstin Walter, Magdalena Moßner.

Langsam, schleppend, geschlagen mit allerlei Gebrechen, jede Gelegenheit für einen Haltegriff nutzend, stolpern sie herein, eine Armada der Hinfälligen. Herrn Krämers zahnloses Genuschel versteht niemand. Herr Ruchter spricht zu seinem Goldfisch im Glas. Die fürchterlich grimassierende Frau Kornprobst hat ihre Zunge nicht im Griff. Bei Herrn Schnicke ist es der Schließmuskel. Frau Beyer juchzt „Ich bin
die Möwe“ und liest 50 Jahre alte Probenpläne vor, in denen sie stets prominent vertreten ist. Herr Guglielmetti –

Lassen wir das. Das Publikum schüttelt sich schon. Die meisten vor Lachen. Ein kleiner Teil, weil er von so viel derber Altersparodie abgestoßen ist.

Halt – es fehlen ja noch ein paar: Herr Weckherlin, Frau Sterr und Herr Weber hängen in großen Porträts an der Wand wie im großen Senat die Ölbildnisse der ehemaligen Unikanzler.

Joints rauchen, Sex haben

Und dann gibt es noch Schwester Laura. Sie singt mit den Alten nette Lieder und christlich bewegte Zuversichtssongs zum Mitklatschen, zynische Ausgeburten freundlichster Ignoranz. Schwester Laura kommt und geht durch ein schauderhaft durch Mark und Bein knarzendes Höllentor im eisernen Vorhang. Oh Tod! Hier ist dein akustischer Stachel.

Kaum ist die Schwester weg, erwachen die Alten zu einem neuen, anderen Leben. Herr Krämer spielt auf dem Klavier, die Alten singen zu den Pop- und Rocksongs ihrer Jugend, rauchen Joints, fassen sich an den Po, klettern auf die Sessel oder in der Erinnerung auf Bäume, von denen sie auf Polizisten herunterpissen– wann, bei welcher Demo war das nochmal?

Weit hergeholt? Ja. Es hat auch noch niemand bemängelt, dass ein Holländer auf einem Teppich fliegt oder sich tote Rockstars im Jenseits begegnen – wie in „Forever 27“. „Ewig jung“ ist ein Songdrama, die dick aufgetragene Komödie
mit ihrer märchenhaft-trashigen Handlung ist in erster Linie Staffage für die Lieder. Dass der Chor der Hinfälligen plötzlich mitreißende, mehrstimmig-diffizile Gesangskünste bietet , ohne unglaubwürdig zu werden – das gemeistert zu haben ist die große Leistung des neuen musikalischen Leiters Tobias Hofmann.

Und die Interpretationen sind vom Feisnten. „Scarborough Fair“ wird nach berückender Zartheit zum Reggae. Jennifer Kornprobst piepst mit entzückender Plastikstimme „Barbie Girl“. Der alten Frau Beyers dünnes Stimmchen gewinnt wundersam an Volumen, zum Beispiel wenn sie „All by myself“ anstimmt und das Publikum in ein großes Einsamkeits-Mitgefühl zwingt, man kann sich da nicht erwehren. Die Lieder haben ihre Funktion. „I got you Babe“ zeigt, was ein gemeinsam alt werdendes Paar aneinander haben kann. Und natürlich gibt es jede Menge Wildheit und Sex von „Born to be wild“ bis zu „Sex Bomb“.

Ganz in Weiß, ganz in Schwarz

Was das Schauspiel angeht, liefern sich die Herren Schnicke und Ruchter einen Laurel&Hardy-würdigen Schlagabtausch, wobei viel Asche des bereits verstorbenen Herrn Bringmann verstreut wird. Herr Guglielmetti wirkt als komischer Zauberkünstler und füllt den Begriff Standup-Comedy ganz neu: Ein lange scheiternder, endlich unter stürmischem Applaus gelingender Versuch, von der Bäuchlingslage in die Vertikale zu gelangen.

Solch hochkomödiantisch-theatersportliche Einlagen sind gleichzeitig Allegorien auf die ernsten Handicaps des Alters. Und auch manch anderer Jux – durch einen blöden Missgriff sitzt Frau Beyer plötzlich ohne Perücke da – ist gleichzeitig ein brutal ernstes Symbol für Entwürdigung, wird genau darauf hin inszeniert und kommt haargenau so beim plötzlich mucksmäuschenstillen Publikum an. In solchen Szenen zeigt Tobias Hofmann auch als Schauspielregisseur Qualitäten.

Schwester Laura (Laura Sauer), sonst Dauerlächlerin ganz in Weiß, hat ein Gala-Comingout als Dauerstrahlerin im kleinen Schwarzen. Als Coloratursopranettenartistin schmettert sie ihren Alten zu Bachschen Fugen Worte wie „Ste-he-her-ben“ und „Ver-reck-en“ entgegen, bis Frau Beyer sie erschießt. Beim Schuss fällt Herr Weckherlins Porträt von der Wand. Am Ende spielen die Schauspielgreise ein Erinnerungspotpourri ihrer früheren Stücke, eine irre, wirre Fahrt durch Shakespeare, Tschechow und tutti quanti.

Alles gut? Obwohl das Stück mehr ist als ein Jux übers Alter, weht einen an Erik Gedeons Songdrama etwas zweischneidig an: Vor der Folie einer Gesellschaft, die alte Menschen aufs Abstellgleis schiebt (was immer noch zur Genüge geschieht) wird dieses Songdrama zum gegenläufigen Appell. Nun leben wir aber auch zunehmend in einer Zeit, in der Altsein anders definiert wird, ein anderes Image bekommt, sich alte Menschen anders verhalten als alte Menschen früher, auch in der Werbung wird der aktive, fidele Alte allmählich zum Glaubens- und Markenartikel (so lange Geld von ihm zu holen ist).

Jugendliche Ahnungslosigkeit

Damit aber wird ein Stück wie „Ewig jung“ unversehens auch zum aufgekratzt-gutgemeinten Mainstream junger Menschen, die glauben, dem Alter müsse man nur kräftig die Zunge rausstrecken und mit ewiger Jugend begegnen. Das 15 Jahre alte Songdrama stand bei seiner Uraufführung am Thalia Theater eben noch anders in seiner Zeit. Es könnte sein, dass wirklich alte Menschen sich dieses Stück nicht anschauen wollen, weil ihnen die Ahnungslosigkeit der Jungen wehtut – sie aber nicht als Spaßbremse auftreten wollen.

Unterm Strich

Eine Meisterleistung der Maskenabteilung, eine schöne Visitenkarte des neuen musikalischen Leiters, ein Songdrama übers Alter, das unser aller Hinfälligkeit ernst nimmt und gleichzeitig völlig veralbert (hier können sich die Geister scheiden). Hat ein paar zarte, nachdenkliche Momente, ist zumeist aber deftig pralle Komödie.

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05.12.2016, 01:00 Uhr

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