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Stuttgarter Staatstheater

Schlangestehen für die Maske

Überalterte Technik, schlechte Bausubstanz, Platznot: Wie die Mitarbeiter im sanierungsbedürftigen Stuttgarter Opernhaus täglich herausgefordert werden.

14.01.2017
  • SUSANNE WIEDMANN

Stuttgart. Die Glatze klebt. Jetzt noch abpudern! Balletttänzer Fabio Adorisio sitzt in der Herrenmaske, sieht im Spiegel zu, wie ihm der Maskenbildner mit der Quaste über den Kopf tupft. Auf den restlichen fünf Plätzen werden Adorisios Kollegen für das Ballett „Don Quijote“ zurechtgemacht – geschminkt und frisiert. An der Tür harren weitere Tänzer in einer Warteschlange aus. Nichts ist zu hören, außer den dröhnenden Fönen. Höchstens mal ein „Thank you“, dem ein „toi, toi, toi“ erwidert wird.

Seit dem frühen Morgen arbeiten in diesem schmalen Raum die Maskenbildner. Bis zum späten Nachmittag fertigen sie Masken und Perücken. Danach müssen sie sämtliche Arbeitsmaterialien wegräumen, weil abends die Werkstatt in einen Schminkraum verwandelt wird. Es ist ein tägliches Ein- und Auspacken. Wie auf einer Gastspielreise. „Das ist eigentlich untragbar“, beklagt Maskendirektor Jörg Müller.

Sozialräume: Fehlanzeige

So wie die Werkstatt zugleich Schminkraum ist, muss die Perückenwaschküche, ein winziges Separee am Eingang der Damenmaske, auch als Teeküche herhalten. Also versammeln sich dort außer zwei Perückenwaschmaschinen noch Wasserkocher, Kaffeemaschine und Mikrowelle. Sozialräume: Fehlanzeige. Umkleiden für die Mitarbeiter der Maskenabteilung: ebenso. Sie wechseln ihre Kleidung in den Fluren zwischen ihren Spinden und den stählernen Einbauschränken, die zusehends mehr Fläche erobern.

Es geht nicht nur eng, sondern auch heiß her in der Maskenabteilung. „Im Sommer erhitzen sich die Räume unerträglich“, sagt Müller. Nicht nur durch die Sonne. Auch weil schwitzende Tänzer und Chorsänger gefönt und heiße Lockeneisen eingedreht werden. Zwar hängt an der Decke ein Klimagerät, das kalte Luft hereinbläst. Aber es muss sofort stillstehen, wenn Sänger die Maske betreten, damit sich niemand erkältet. „Wir haben ein Dauerstresslevel durch die räumliche Enge, die Temperaturen und den Lärm.“ Gestank und Dreck der Bundesstraßen dringen durch jede Ritze. „Kein Opernhaus dieser Größe und dieses Rankings hat so schlechte Arbeitsbedingungen für die Maske wie wir“, kritisiert der Maskendirektor.

Werkstätten fehlen

Hauptsächlich sind die Maskenbildner damit beschäftigt, neue Produktionen auszustatten und alte Inszenierungen aufzuarbeiten. „Dafür haben wir aber gar keine Werkstätten“, so Müller. Einige verwinkelte Flurbereiche von seinem Büro entfernt öffnet er die Tür zum Gipsraum. Er entstand nur, weil ein begehbarer Kleiderschrank geopfert wurde. Plastische Gesichtsteile, grausige Nasen, verwarzte Fratzen werden aus Schäumen hergestellt, die gesundheitsschädliche Lösungsmittel enthalten. Bei diesen Arbeiten tragen die Maskenbildner einen Atemschutz, die Abluftanlage rauscht. Müller: „Das können sie ja nicht in Räumen machen, in denen Künstler geschminkt werden.“

Längst ist im Opernhaus auch der Luftraum aufgebraucht. In der Gipskammer wurde eine zweite Etage eingezogen, in der man sich fühlt wie im obersten Bett eines Schlafwagenabteils. Es ist drückend warm. Direkt unter der Decke ist die Tiefziehmaschine aufgebaut, die zusätzliche Wärme abgibt. Daneben brummen Kühlschränke, die Kunstblut frisch halten. „Wir sind überall am Nachverdichten“, erklärt Müller. Was hier passiert, ist nichts anderes als: Zellteilung. Das geflügelte Wort wurde im Opernhaus zum Synonym für die ungesunde Entwicklung.

Der langjährige Physiotherapeut des Stuttgarter Balletts, Richard Gilmore, hat sein Revier gleich mehrfach verloren. Seinen ersten Raum musste er an die Musikalienabteilung abtreten. Als ihm ein zweites Zimmer zugewiesen wurde, musste er es mit der Videoabteilung teilen. Sein drittes Domizil ist zu einer zweiten Mädchengarderobe geworden, weil auch das Corps de Ballet unter Platzmangel leidet. Zwei Massageliegen, nur durch einen Paravent getrennt, stehen in der heutigen Physiotherapeuten-Kammer. „Es gibt keine Privatsphäre, um irgendetwas zu besprechen“, beklagt Gilmore. Dabei darf seine Unterkunft nicht mit einem Wellnessbereich verwechselt werden. „Studien zeigen: In einer Spielzeit leidet jeder Tänzer durchschnittlich an einer Verletzung.“

Ein Gutachten ermittelte ein Flächendefizit von über 10 000 Quadratmetern im Operngebäude am Eckensee. Allein zwei Drittel davon wegen gesetzlichen Vorschriften. Das Gebäude in seinem jetzigen Zustand lebt vom Bestandsschutz.

Arno Laudel, der Leiter der technischen Dienste, klettert die steilen Treppen hinauf in den Dachraum über dem Zuschauerhaus und zeigt auf den Eisernen Vorhang, den Hauptbrandabschnitt zwischen Bühne und Publikum. An über 300 Abenden im Jahr muss er sich heben. Manchmal aber streikt er. „Wir Techniker haben andauernd mit Unwägbarkeiten zu tun, die wir schnellstmöglich irgendwie in den Griff kriegen müssen, damit das Publikum nichts merkt. Es ist eine extreme Drucksituation“, sagt Laudel. Unvorstellbar, aber gar nicht so abwegig: Das Opernhaus ist mit 1400 Zuschauern ausverkauft, aber der Vorhang hebt sich nicht.

Vorhang aus dem Jahr 1912

„Der Vorhang ist von 1912, hier sieht man die alte Stahlkonstruktion“, zeigt Laudel. Ein Tragwerk aus den 1980er Jahren stützt es provisorisch. Aber nie wurde die alte Technik grundlegend saniert. Deshalb schafft sie ständig Probleme. Und nicht nur die Bühnentechnik ist überaltert: genauso Lüftungs- und Rufanlagen, Inspizienten-, Beleuchtungs- und Tontechnik. Laudel und seine Mitarbeiter versuchen seit Jahren unaufhaltsam, die alten Anlagen zu ertüchtigen. „Aber teilweise können wir es gar nicht, weil wir keine Ersatzteile mehr kriegen.“

Also bauen sie neue Anlagen darüber, operieren sogar parallel mit mehreren Technikgenerationen. Das Opernhaus ein Flickwerk aus teuren Provisorien, das komplex und störanfällig ist. Und das jedes Jahr etwa drei Millionen Euro verschluckt. „Es ist unheimlich viel Geld, allein um die Funktionen zu erhalten“, kritisiert Laudel. Manchmal müssten sogar Maschinenmeister aus dem Ruhestand zurückgeholt werden, weil junge Kollegen die musealen Techniken nicht mehr kennen würden.

„Bereits in den Gesprächen mit Bühnenbildnern und Regisseuren müssen wir überlegen: Was ist bühnentechnisch machbar – und was nicht?“, erklärt der Techniker. In neuen Opernhäusern docken an die Hauptbühne noch Hinter- und Seitenbühnen an, damit mit modernen Bühnenwagen komplette Bühnenbilder rein- und rausgefahren werden können. In Stuttgart müssen diese zeitaufwändig auf- und abgebaut werden. Was wiederum bedeutet: Mit großzügigeren Hinter- und Seitenbühnenflächen könnten die Spielpläne variabler gestaltet werden. Laudel fordert: „Damit wir auch in den nächsten Jahrzehnten mithalten können, muss man dem Haus jetzt eine Perspektive bieten.“

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14.01.2017, 06:00 Uhr

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