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Russland

Schlechte Karten, starkes Spiel

Schon vor seinem Wahlsieg wird Wladimir Putin von seinem Gefolge gefeiert – als der Mann, der das Land als Supermacht neu erschaffen hat.

17.03.2018
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Putins Gefolge feiert. „Russland ist offiziell Supermacht geworden“, erklärt der Duma-Abgeordnete Andrei Kosenko bei einem Wahlkampfauftritt auf der Krim. „Das Land Nummer Eins.“ Kosenko verweist auf die Videoshow, mit der Putin am 1. März bei seiner Rede zur Lage der Nation neue Atomwaffen demonstriert hatte, die er „einzigartig“ und „phantastisch“ nannte. Putins Sieg bei der Präsidentenwahl am Sonntag gilt als sicher.

Schon im Januar hatte die Trump-Regierung in ihrer neuen Militärdoktrin Russland neben China als Hauptbedrohung bezeichnet. Amerika billigt den Russen wieder den Status eines direkten Konkurrenten zu. Im Westen reibt man sich die Augen: Das marode Russland ist wieder Supermacht? Wie hat Putin das geschafft? Wohin will er sein Land noch führen?

Eigentlich ist Russland immer Supermacht geblieben. Das größte Land der Welt, mit den größten Rohstoffreserven. Erbe der Sowjetunion, eine Atommacht, mit deren Arsenal von 6000 Nuklearsprengköpfen nur die USA mithalten können.

Aber schon in den letzten Sowjetjahren hing die Weltmacht sichtlich durch. Das bankrotte Imperium überließ ganz Osteuropa dem Westen, Staatschef Boris Jelzin torkelte durch die Öffentlichkeit, dazu fiel der Ölpreis auf 10,45 Dollar pro Barrel Ende 1998. Ein Jahr später dankte Jelzin ab, zu Gunsten Putins, da kostete das Öl schon wieder 25,48 Dollar. Putin, keine 48 Jahre alt, wurde ein Präsident im Glück. Der Ölpreis stieg und stieg, bis 2013 auf 111 Dollar, das Bruttoinlandsprodukt verelffachte sich auf 2297,1 Milliarden Dollar. Russland erlebte sein Rohstoffexportwirtschaftswunder.

Putins Staat steckte den neuen Reichtum nur begrenzt ins Sozialwesen, die Zahl der Krankenhäuser hat sich unter ihm von 10 700 auf 5400 halbiert. Dafür veranstaltete Russland 2014 in Sotschi die teuersten Winterspiele in der olympischen Geschichte in Sotschi – für offiziell 44 Milliarden Dollar.

Protz verweist auf neureichen Geltungsdrang. „Es ist geradezu rührend, wie diese Leute, die in den kriminellen 90er Jahren zu Geld und Macht gekommen sind, um Anerkennung ringen“, sagt die investigative Journalistin Anastasia Kirilenko, die sich mit den Verbindungen Putins und seiner Freunde zur russischen Unterwelt beschäftigt. „Sie wollen, dass die Welt sie liebt.“

Wie die meisten Russen denkt Putin viel mehr über den Westen nach als umgekehrt, er hat seine Töchter in Moskau auf die Schule der deutschen Botschaft geschickt, 2001 bot er dem deutschen Bundestag in einer Rede auf Deutsch eine eurasische Sicherheits- und Wirtschaftsgemeinschaft an. Der Westen aber hat sein Werben nicht ernst genommen, hat nach Putins Ansicht den arabischen Frühling angezettelt, den libyschen Diktatoren-Kollegen Gaddafi töten lassen. Seither beschwert sich Putin, der Westen wolle auch dem russischen Bären das Fell über die Ohren ziehen.

Putin wappnet sich. Unter ihm explodierte der Militärhaushalt, von 3,8 Milliarden Dollar 1999 auf 90,4 Milliarden Dollar 2013. Im Jahr darauf besetzen „kleine grüne Männchen“ die Krim. Es folgen das Donbass und Syrien, wo Putins Luftwaffe Staatschef Baschar al-Assad aus der Klemme bombt. Fast scheint es, als versuche Putin als Kriegsherr, die Anerkennung des Westens zu erzwingen. „Niemand hat damit gerechnet, dass wir so entschlossen, so schnell und so dreist agieren“, freute Putin sich im Nachhinein über den Handstreich auf der Krim.

Dabei haben die vergangenen drei Krisenjahre Russlands offiziellen Wehretat auf 46 Milliarden Dollar gedrückt, ein Bruchteil der mehr als 700 Milliarden Dollar des US-Militärhaushalts. Mit einem BIP, niedriger als das Südkoreas, bleibt Russland eine Supermacht auf wackligen wirtschaftlichen Beinen.

Putin sagt über sich, von ihm heiße es, er „spiele mit schlechten Karten stark“, im Gegensatz zu seinen westlichen Gegenübern. Der russische Präsident blufft gern, hält sich für abgezockter als Merkel oder May. Aber inzwischen hat er es mit dem egozentrischen Donald Trump zu tun. Der macht auch gern den Cowboy. In Syrien mussten russische Söldner bei einem Vorstoß über den Euphrat eine blutige Niederlage gegen US-Truppen einstecken.

Zuhause aber ist Putin unangefochten. Putin, 65, ist topfit, sein Job macht ihm sichtlich Spaß, vor ihm könnten noch einige Päpste in Rente gehen. Im Wahlkampf versprach er ein ganzes Jahrhundert der Siege. „Rückständigkeit ist unser größter Feind“, rief er in seiner Rede zur Lage der Nation zum wirtschaftlichen und technologischen Durchbruch auf, das Vorhaben kündigt er seit 18 Jahren an. Zugleich aber feiert er den Heroismus seiner Krieger. Bluff oder nicht, bei Siegen scheint Putin vor allem an Schlachtfelder zu denken.

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17.03.2018, 06:00 Uhr

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