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Philosophieren bis zum Morgengrauen

„Schloßcafé“-Wirt Dominik Graf von Einsiedel starb mit 34 Jahren

Links vor der Eingangstür des „Schloßcafés“ in der Tübinger Burgsteige steht seit kurzem eine Laterne mit einer großen Kerze. Sie erinnert an Dominik Graf von Einsiedel, der das Café zusammen mit seinem Kompagnon Jan Mistygatz als Nachfolgelokal des „Irish Pub“ zu einem festen Bestandteil der Tübinger Kneipenkultur machte.

07.10.2010
  • Michael Sturm

Tübingen / München. Als Einsiedel vor knapp zwölf Jahren nach Tübingen kam, fand er schnell Anschluss an die Hobby-Kicker-Szene. Bald stellte er ein eigenes Team zusammen: die Grass-hoppers. Man fand ihn aber oft auch ohne seine angestammten Mitspieler auf den Bolzplätzen hinterm Freibad, bei den Tennisplätzen oder in Lustnau. Eben da, wo sich ein paar Leute um einen Ball scharten.

„Nicki“, wie ihn viele nannten, war ein Macher. Einer der Nischen entdecken und behaupten wollte. Er gründete „Sportkultur e.V.“, um Hobbyfußballer und Kulturmacher in einem Club zu vereinigen. Letztlich diente der Verein jedoch als Vehikel dafür, einen Sport namens „Futsal“ – Fußball in der Halle und mit anderen Regeln – in Tübingen zu etablieren, in einem der ersten Futsal-Vereine in Deutschland. Einsiedels Idee, eine Liga zu gründen und an der Futsal-WM teilzunehmen, scheiterte aber. Immerhin besiegte sein Team eine Auswahl kickender Sportstudenten zweistellig, denn er hatte mit ihnen die vom Fußball abweichenden Regeln eingepaukt und ausgeklügelte Spielsysteme einstudieren lassen.

Den traditionellen Fußball pflegte Einsiedel nach wie vor. Er trat sogar einem Verein bei, dem TSV Kusterdingen. Dort erhielt er den Spitznamen „Kaiser“. Diesen trug er voll Stolz und Selbstironie, denn es war einerseits eine Anspielung auf seine elegante Ballführung à la Beckenbauer, andererseits auch ein Fingerzeig auf seine Herkunft.

Leandro Daniel Dominik Graf von Einsiedel, so sein vollständiger Name, wuchs als Spross eines aus Sachsen stammenden Adelsgeschlechts bei München auf. Hochadel wohlgemerkt: Reichskanzler Otto von Bismarck war sein Ururgroßvater. Dominiks Vater Heinrich gehörte dem Widerstand gegen Hitler an und saß wesentlich später für die PDS im Bundestag. Der Tod des Vaters vor drei Jahren traf den Sohn tief.

Dominik, der früh Interesse an allerlei sportlichen Aktivitäten zeigte, besuchte in München die französische Grundschule. Den Schulabschluss bestritt er im Internat Glen Almond in Schottland. Zurück im heimischen Bayern trug er fortan hauptsächlich Schottenrock – ohne Unterhose – und zog mit dem Dudelsack durch die Gegend.

Nach zweijährigem Jura-Studium in München wechselte er nach Tübingen, um Rhetorik zu studieren. Zum Abschluss fehlte eigentlich nur noch die Magisterarbeit. Doch das Studium trat oft in den Hintergrund, wenn Einsiedel wieder einmal der Verwirklichung seiner anderen Pläne nachjagte.

Mit dem Schloßcafé wurde Einsiedel Gastwirt. Daneben plante er, einen Club zu eröffnen, was ihm mit seinen guten Verbindungen zu den ansässigen Disc-Jockeys sicher gelungen wäre. Dominik Einsiedel machte gern die Nacht zum Tag. Er philosophierte oft bis zum Morgengrauen und legte Wert darauf, eine Party als Letzter zu verlassen.

Wirklich verzweifelt, das sagt sein drei Jahre älterer Bruder Sebastian, habe er Dominik nur einmal erlebt: Während eines Telefonats Anfang Mai vergangenen Jahres, am Tag als Dominik die Ursache seines Unwohlseins erfuhr: ein Hirntumor.

Er hegte weiterhin Pläne, benötigte bald jedoch Pflege. Kurz nachdem er die Diagnose erhalten hatte, zog er wieder nach München. Einige seiner Tübinger Freundinnen und Freunde besuchten ihn regelmäßig und halfen bis zuletzt der Mutter bei der Pflege des Sohnes.

Am Sonntagnachmittag starb Dominik Graf von Einsiedel im Alter von 34 Jahren in München in der Wohnung seiner Mutter.

„Schloßcafé“-Wirt Dominik Graf von Einsiedel starb mit 34 Jahren
Dominik Graf von Einsiedel, Rhetorikstudent und Hobby-Philosoph, Fußballspieler und Wirt des Schloßcafés in Tübingen. Archivbild: Metz

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07.10.2010, 12:00 Uhr

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