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Schmucklos auf der Jagd

Eine Armbanduhr gab es seinerzeit zur Kommunion. Unter anderem. Das ist schon eine Weile her. Und diese Uhr nutzte ich eine Zeit lang wie vorgesehen, indem ich sie am Handgelenk trug.

04.11.2015
  • Frank Rumpel

Aber schon bald legte ich sie ab, nahm sie gelegentlich noch in der Hosentasche mit, verstaute sie dann in einer Schublade und zog sie schließlich nur noch mit um. Seither komme ich ohne tragbaren Zeitmesser gut klar, führe die Zeit außer Haus nur im Kopf spazieren.

Öffentliche Uhren dienen der Vergewisserung oder auch mal der sachten Korrektur. Da ist es nebenbei bemerkt umso misslicher, wenn immer mehr öffentliche Uhren abgebaut werden, in der Rottenburger Bahnhofstraße etwa oder auch am Rottenburger Bahnhof selbst. An Bahnhöfe gehört ja nun unbedingt eine Uhr – und zwar nicht nur am Bahnsteig, sondern eben auch zur Straßenseite hin, zeigt sie doch dem oder der Eilenden im besten Fall bereits aus stattlicher Entfernung an, ob er oder sie noch zur Zeit kommt und so bestenfalls vom gestreckten Galopp wieder in lockeren Trab fallen kann.

Ist in weniger hektischen Situationen keine öffentliche Uhr vorhanden, hilft gelegentlich die Armbandapparatur des Sitznachbarn weiter. Half, muss man sagen, denn die am Handgelenk getragenen Chronometer werden seltener. Und unzuverlässiger. Wie neulich in Kleinasien. Eine, (zugegeben aus Versehen) uhrlos angetretene Tour, auf der sich denn auch so gut wie keine öffentlichen Zeitmesser fanden. Das machte es gelegentlich notwendig, Leute anzusprechen, die da mit der Zeit am Arm unterwegs waren. Doch viele winkten ab, was keineswegs unfreundlich gemeint war. Die Geste galt der Uhr, diesem lausigen Apparat, der sich irgendwo im Stundendickicht verrannt und verheddert habe. Allesamt zogen sie stattdessen ihr mobiles Allzweckgerät aus der Tasche, streichelten es und nannten die richtige, die echte Zeit, angezeigt von einem modernen Gerät, das zuverlässig war, solange man es mit Strom fütterte. Das Ding am Arm diente da nur noch als Schmuck, ein Relikt ohne praktischen Nutzen.

Einer kurzen Schwäche nachgebend durchforstete ich nach Rückkunft ein paar Schubladen in der Wohnung. Es waren die üblichen Verdächtigen, kleine abgeschlossene Räume, in denen sich über die Jahre Dinge sammeln, die man abgelegt, aussortiert oder einfach mal aufgeräumt hat. Solche Schubladen sind gefährliches Terrain, lauern darin doch gelegentlich Zeitreisen und Schlimmeres. Ich war auf der Suche nach jener Armbanduhr, die ich seinerzeit als Neunjähriger bekommen hatte.

Mich interessierte plötzlich, ob sie noch lebte, verlässlich Auskunft geben konnte oder längst aus der Zeit gefallen war. Ich fand sie nicht, dafür manch anderes, das ich nicht gesucht hatte und beschloss: die Handgelenke schmucklos der Zeit auch weiterhin im öffentlichen Raum nachzujagen – und endlich eine dieser Schubladen auszuräumen. Bald.

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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