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Schnee treibt die Nachfrage
Schon im Frühjahr fängt bei Sirch im Unterallgäu die Schlittensaison an. 15 000 Schlitten sind bereits produziert. Bei Bedarf werden die Einzelteile montiert, geschliffen und lackiert. Foto: Simone Dürmuth
Handwerk

Schnee treibt die Nachfrage

Das Geschäft der Schlittenhersteller ist stark von der Witterung abhängig. Manche geben darum auf, andere setzen auf ein weiteres Standbein.

04.01.2017
  • VON SIMONE DÜRMUTH

Böhen. Holzstaub liegt in der Luft. Die Alpen, die eben noch in der Ferne zu sehen waren, sind hinter einem Wäldchen verschwunden. Das Kreischen von Kreissägen ist allgegenwärtig. Auf dem Gelände der Firma Sirch in Böhen im Unterallgäu hat bereits kurz nach Ostern die Schlittensaison begonnen. Denn liegt erst mal Schnee, steigt die Nachfrage so sprunghaft an, dass die Hersteller kaum noch hinterher kommen.

Besonders in die Höhe geschnellt ist die Nachfrage im Rekordwinter 2010/2011. „Wir sind nur noch ans Telefon gegangen und haben gesagt ,Wir können nicht mehr liefern‘“, erinnert sich Edeltraud Sirch, die Frau des Firmeninhabers Wolfgang Sirch. Sie arbeitet im Vertrieb des Familienunternehmens. 60 000 Schlitten hätten sie in jenem Winter verkauft. Ähnlich ging es vielen anderen Herstellern.

Für Gloco in Lutzingen (Landkreis Dillingen) wurden die Schwankungen irgendwann zu groß, Geschäftsführer Friedrich Glogger zog die Reißleine, am 10. Juli 2013 wurde der letzte Schlitten produziert. Mehr als drei Viertel des Umsatzes machten bei Gloco die Schlitten aus – zu viel für ein Produkt, dessen Nachfrage zu 80 Prozent vom Wetter abhängt. Außerdem seien zunehmend Produzenten aus Osteuropa und Asien auf den Markt gedrängt. Ein Davoser, der Klassiker unter den Schlitten, von Gloco habe im Laden knapp 50 EUR gekostet, für einen von Sirch muss man ähnlich viel hinlegen. Doch den Trend zum Billigprodukt habe er weniger bei den Verbrauchern, sondern vor allem bei den Händlern beobachtet, sagt Glogger.

Dass die Umsätze, die mit Schlitten und Rodeln gemacht werden, rückläufig sind, bestätigt auch der Sportfachhändler Intersport (Heilbronn). Generell sehe man eine Tendenz zu Plastikrodeln. Dies liege aber nicht nur am günstigeren Preis sondern auch daran, dass die Rodel für geringere Schneehöhen geeignet seien.

Nicht still stehen soll die Produktion bei Sirch. „Für dieses Saison haben wir bereits 15 000 Schlitten an den Handel verkauft“, erklärt Edeltraud Sirch. Produziert werden zunächst die Einzelteile: Latten, Kufen und Böcke lassen sich besser lagern.

Montiert wird dann nach Bedarf. Vieles geschieht noch in Handarbeit, zwischen 25 Minuten und zwei Stunden dauert es, je nach Modell, bis ein Schlitten komplett fertig ist. 15 000 bis 65 000 Schlitten produziert das Familienunternehmen im Jahr. Von den insgesamt rund 70 Mitarbeitern widmen sich aufs Jahr gesehen etwa fünf der Schlittenproduktion. Da das Geschäft mit dem Wintersport extrem witterungsabhängig ist, machen Paletten und Holzverpackungen das Hauptgeschäft der Firma aus. „Wenn wir viele Schlitten verkaufen, tut uns das gut“, sagt Edeltraud Sirch „aber wenn wir keine verkaufen, gefährdet das nicht unsere Existenz.“

Alle Maschinen sind verkauft

Ganz im Gegensatz zu Gloco: In den vergangenen zehn Jahren hat Friedrich Glogger immer wieder ans Aufhören gedacht, 2008 stellt er vorübergehend die Produktion ein. „Ende der 70er haben wir 150 000 Schlitten verkauft, danach ist es kontinuierlich zurückgegangen.“ Auch im Superwinter 2010/2011 kann er nicht aufholen. „Wir hatten kurz vorher Mitarbeiter freigestellt, und man kann nicht aus dem Stand von Null auf 500 hochfahren“, sagt Glogger. Inzwischen musste Gloco etwa 30 Mitarbeiter entlassen, alle Maschinen sind verkauft. Glogger gibt seine Produkte jetzt bei anderen Produzenten in Auftrag, unter anderem bei Sirch.

Während Gloco seit mehr als hundert Jahren hauptsächlich auf Schlitten setzte, kam bei Sirch dieser Geschäftszweig erst nach dem zweiten Weltkrieg hinzu. Die Vorgängergeneration habe sich dann außerdem mit Paletten und Verpackungsmaterial das heute wichtigste Standbein aufgebaut, berichtet Edeltraud Sirch.

Aus dieser Zeit stammt auch noch die Maschine, in der die Kufen der Schlitten gebogen werden: 70 Jahre ist sie alt. Ein großes schweres Gerät. Das Metall ist vom vielen Biegen ganz blank gescheuert. „Nicht jeder kann das Bedienen“, sagt Edeltraud Sirch mit ein wenig Stolz in der Stimme. Um das Holz um die Form zu biegen, setzt sich ein Mitarbeiter auf eine Art Hebel. Aber mit Gefühl, denn obwohl das Holz mit Dampf behandelt wird, kann es brechen. Eine neue Maschine anzuschaffen käme nicht in Frage, schließlich funktioniert die vorhandene hervorragend.

Wäre das Geschäft mit den Schlitten nicht schon Teil der Firma, würden sie jetzt wohl auch nicht mehr einsteigen. Und der Bereich Rodelschlitten wäre alleinstehend ohnehin kaum denkbar, so Edeltraud Sirch. Die Schwankungen in der Nachfrage durch die unsteten Winter seien einfach zu groß.

Zunehmend drängen außerdem günstige Importe in die Geschäfte. „Der Markt ist verteilt“, sagt sie. Auch Friedrich Glogger würde sich nicht noch einmal in diese Branche wagen: „Es war die richtige Entscheidung, dass wir aufgehört haben.“

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04.01.2017, 06:00 Uhr

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