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Fair-Energie restauriert Wernersche Mühle

Schnurre, rüstige Turbine

In der Wernerschen Mühle will die Reutlinger Fair-Energie wie seit Ende des 19. Jahrhunderts Strom aus Wasserkraft gewinnen. Bis Mai soll die Restaurierung des Betzinger Industriedenkmals abgeschlossen sein.

15.03.2010
  • Matthias Reichert

„Rolle, rüstige Turbine“, reimte Gustav Werner, als er 1857 seine Papierfabrik in Dettingen an der Erms eröffnete. Diese Turbine im Technikraum der Wernerschen Mühle rollt nicht, sie schnurrt. Man sieht das historische Schwungrad mit zwei Metern Durchmesser, das einen neuen Kautschukriemen bekommen hat.

Unsichtbar im Schacht steckt eine historische Francis-Turbine aus dem Jahr 1918. Sie stammt wohl aus dem Elsässischen, eine Karlsruher Spezialfirma hat sie überholt. Turbine und Schwungrad schnurren hinter Glas, daneben steht eine historische „Erreger-Maschine“. Sie wurde per Dampfstrahler gereinigt. Im Mai soll die Anlage in Betrieb gehen. Neu ist der Hightech-Generator mit 30 Kilowatt Leistung. Die Schachtturbine bringt es auf 25 Kilowatt.

Seit November ist die Anlage in der Testphase, es hakt noch an der Feinjustierung. So weiß man nicht genau, wie viel Wasser in der Echaz von der „Marggrafenfalle“ auf dem Bosch-Gelände heranfließt. Dort bräuchte man Taucher, um das Kellergewölbe zu vermessen. Stattdessen müssen die Pegelstände jetzt empirisch erfasst werden, erläutert Fair-Energie-Projektleiter Michael Blümel.

Rund 200.000 Euro lässt sich die Fair-Energie die Reaktivierung der Wernerschen Mühle kosten. Das Unternehmen will pro Jahr 175.000 Kilowattstunden Echazstrom versorgen, womit im Schnitt 45 Haushalte versorgt werden können.

Der Schaltschrank ist ein Schmuckstück

Das Industriedenkmal zeigte deutliche Benutzerspuren. Der Kusterdinger Restaurator Fabian Schorer und sein Tübinger Kollege Karl Petzold sind seit fünf Wochen dabei, den Raum in Handarbeit zu säubern. Sie haben den Schmutzfilter an Wänden und Geräten entfernt, Gebrauchsspuren wie Risse an den Wänden und Ölflecken vom alten Zahnrad sollen aber, leicht retuschiert, sichtbar bleiben. „Als wenn der Raum gestern verlassen worden wäre“, sagt Schorer.

Oben an den Wänden sind deutlich die Ornamente zu sehen, mit denen die Anlage verziert war. Der Turbinenraum war den Betzingern offenbar lieb und teuer, Schorer hat unter den jetzt sichtbaren Schablonenmalereien zwei weitere Schichten mit Verzierungen ausgemacht. Auch der alte Schaltschrank mit schön gefassten Kippschaltern aus Holz ist ein Schmuckstück. „Das ist eine große Seltenheit“, sagt Schorer. Die Schalter sind mit einer echten Marmorplatte isoliert.

Die Restauratoren haben auch hier nur den Schmutzfilm entfernt, Gebrauchsspuren wie Ölfilme bleiben. Eingerichtet wurde der Technikraum 1907, als die damalige Zwillingsschachtturbine von Oesterlen&Schmidt aus Cannstatt in Betrieb ging. Bis 1979, als Familie Werner auszog und die Stadt Reutlingen die Mühle erwarb, wurde hier Strom für Straßenbeleuchtung erzeugt. Die alte Turbine war verrostet und nicht mehr benutzbar.

Schorer und Petzold haben von den Wänden zunächst den groben Schmutz mit Pinseln entfernt, dann wischten sie die Mauern mit kleinen Schwämmen ab. „Es muss kleinteilig sein, damit das Ergebnis flächig aussieht“, erläutert Schorer.

Schon eine Warteliste für Besichtigungen

Die renovierten Fenster und Türen werden eingebaut, wenn es wärmer ist. Die Kabel, die von der Decke hängen, sollen noch verlegt werden. Die historische Lampe mit Glasschale und Messingfassung liegt noch im Nebenraum, momentan kommt das Licht von Baulampen. Den Turbinenraum hat die Fair-Energie von der Stadt gepachtet. Künftig sind Führungen für Schulklassen und andere Interessenten geplant, Fair-Energie-Pressesprecher Thomas Steger verspricht eine „gläserne Stromproduktion“ – „es gibt schon eine große Warteliste“. Dann sollen auch gut 30 historische Exponate gezeigt werden, die bei der Restaurierung aufgetaucht sind, vom alten Ofen bis zur Leuchte.

Die Mühle wurde wohl im 16. Jahrhundert gebaut

Erstmals urkundlich genannt wird die Wernersche Mühle 1258 als Teil des Pfullinger Klarissenklotsers. Später war sie eine Lehnmühle, eine Lehensnennung datiert von 1405. Die Reutlinger Armenpflege übernahm 1627 die Mühle mit Wohnhaus, zwei Scheuern und Schweineställen. Weil es keine Hinweise auf Bautätigkeiten in den Urkunden gibt, geht Gutachter Thomas Braun davon aus, dass das heutige Mühlengebäude im 16. Jahrhundert erbaut wurde. Dafür sprächen die Architektur und die Quellenlage zu Reparaturen. Seit 1893 erzeugten hier Martin und Georg Werner in ihrer Getreidemühle an der Echaz mit Wasserkraft Gleichstrom für Handwerker, Landwirte und die Betzinger Straßenbeleuchtung. Das erste Reutlinger Elektrizitätswerk in der Pfenningstraße ging erst 1903 in Betrieb.

Schnurre, rüstige Turbine
Hinter Glas stehen der neue Hightech-Generator (vorne) und das historische Schwungrad (rechts), ganz links die alte „Erreger-Maschine“ für den Stromgenerator. Außerhalb an der hinteren Wand sieht man den Schaltschrank. Projektleiter Michael Blümel spricht mit dem Kusterdinger Restaurator Fabian Schorer (rechts).

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15.03.2010, 12:00 Uhr

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