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Schön ist der nicht
Diözese

Schön ist der nicht

Ein Mantel reist quer durch Europa. Damit wird der neue Martinus-Pilgerweg eröffnet. Jetzt macht der Stoff mit Symbolwert Station in Rottenburg.

25.10.2016
  • Kathrin Löffler

Mitten drauf sind Flecken. Das Leinen ist alt und grob, die Farben erinnern an matschzerfurchte Ackerböden. Kein Brokat, kein Flitter, kein Geschmeide. Sieht so ein Bischofsmantel aus? Wenn er an den heiligen Martin erinnern soll: unbedingt, findet Astrid J. Eichin. Die Bildende Künstlerin hat so einen gestaltet. Sie beschreibt ihr Werk so: „Das ist kein Mantel, vor dem man steht und staunt. Das ist ein Mantel, der irgendwie scheuert.“ Grund: Martin sei ja eher „so ein unbequemer Gesell“ gewesen. Er lebte bescheiden und asketisch, auf den Bischofsthron wollte er sich nicht hocken, vornehme Kleidung mochte er nicht tragen. Also auch keinen Protzmantel.

Eichins Stoffkunstwerk hängt im Rottenburger Dom. Aber nur noch heute, der Mantel muss weiter. Seit Anfang September reist er von Ost nach West. Als symbolisches Verbindungsstück eröffnet das Kleidungsstück auf Wanderschaft die neue Mittelroute des Martinus-Pilgerwegs durch Europa. Start war im ungarischen Szomnathely, wo der heiligen Martin vor 1700 Jahren zur Welt kam. Ziel ist das französische Tours, wo er Bischof war und begraben ist. 2500 Kilometer lang ist die Strecke. Sie führt durch Österreich, Deutschland, Luxemburg und Belgien, von Diözese zu Diözese.

Altes Leinen für offene Grenzen

Einfach diesen Weg entlang gekarrt wird der Mantel aber nicht. Die Organisatoren haben seine Botschaft in Zeremonielle übersetzt. In Passau etwa trugen ihn österreichische Kinder über eine Donaubrücke, mitten drauf nahmen ihn deutsche Kinder entgegen, eine Blaskapelle spielte, viel Öffentlichkeit war da. Dann marschierte der ganze Tross in einen Kindergarten, den vor drei Jahren die Flut dahingerafft hatte, und feierte ein großes Fest.

Am Sonntag holtenVertreter der Rottenburger Martinusgemeinschaft den Mantel in Kaufbeuren ab. Nicht irgendwo in der Stadt, sondern in einer Wärmestube. In solchen Einrichtungen können Menschen ohne Wohnung oder Mittel eine Suppe und Gemeinschaft bekommen. Jene in Kaufbeuren hätten sich durch den Besuch sehr aufgewertet gefühlt, sagt Josef Albrecht. Der frühere Direktor im Konvikt Martinihaus hat sich in den vergangenen Jahren maßgeblich um Gestaltung und Beschilderung des Martinuswegs in der Diözese Rottenburg-Stuttgart gekümmert. Laut Albrecht hat man entlang der Manteletappen „gezielt Orte des Teilens“ ausgesucht.

Klar: Ein Martinsmantel ist das Sinnbild schlechthin für bereitwilliges Hergeben. Bekanntermaßen soll Martin, zu dieser Zeit noch Soldat, seinen Militärmantel einst entzwei geschlitzt und eine Hälfte einem frierenden Bettler geschenkt haben. Astrid J. Eichin hat den Wert der Großzügigkeit in ihre Replik eingearbeitet: Der Riss, der die zwei Teile trennt, ist die einzige funkelnde Stelle am künstlerischen Mantel. Eine Kordel hält die beiden Stoffstücke zusammen. Sie ist golden.

Eichins Mantel hat aber nicht nur Abbildfunktion für eine alte Legende. Laut Achim Wicker, Geschäftsführer der Martinusgemeinschaft, hat er auch „eine politische Dimension“: Der Beginn seiner Route deckt sich mit jener, die im vergangenen Jahr viele Flüchtlinge nahmen. Wicker: „Der Mantel steht für ein offenes Europa.“

Nicht einschließen

Wicker beauftragte Eichin im Oktober 2015. Die Lörracher Künstlerin webt, knotet und flicht schon seit Jahren Mäntel aus Brennesseln, Stacheldraht, Schmirgelpapier, Maisblättern. Grund: Während eines USA-Aufenthalts hatte ihr ein Fischer erklärt, dass Hummer nur wachsen, wenn sie vorher ihre harte Schale abwerfen. Dünnhäutig und verletztlich sein, um sich weiter zu entwickeln: Der Gedanke faszinierte Eichin.

Die Gestalt des Martinusmantels verantwortet sie am Ende nicht allein. Denn er wird voller und voller. Jede Gastgeberdiözese steckt in kleinen Röhrchen kleine Wegspuren in seine linke Seite. Links, weil dort das Herz sitzt. Gebetszettel sind schon drin, Weinreben, Zuckerperlen von Kindern, um an einen ausgebombten syrischen Jungen zu erinnern.

Morgen übergibt Bischof Gebhard Fürst den Mantel in Schwaigern an die Erzdiözese Freiburg. Mitte November ist die Ankunft in Tours geplant. Dann kommt der Mantel zurück, er gehört der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Zum musealen Mottenobjekt soll er nicht verstauben. Wicker: „Wir wollen, dass der Mantel wieder auf Pilgerschaft geht.“

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25.10.2016, 01:00 Uhr

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