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Wettlauf mit dem Dampfross

Schönbuchbahn: Festschrift mit Anekdoten und Erinnerungen

100 Jahre Schönbuchbahn: Helga Hager, die Böblinger Kreisarchivarin, hat die Anekdoten gesammelt, die sich die Leute zwischen Dettenhausen und Böblingen von ihrem „Sauschwänzle“ erzählen. Zum Jubiläumsfest im Juli werden die „Gleisgeschichten“ als Buch erscheinen.

13.01.2011
  • Martin Mayer

Dettenhausen. Wie berichtet, nahm die Schönbuchbahn im Oktober 1910 zwischen Böblingen und Weil im Schönbuch den Betrieb auf. Bis zur Endstation Dettenhausen fuhren die Züge dann ab Juli 1911.

Die modernen Zeiten kamen auf dem „Sauschwänzle“ gemächlich daher: „Wenn der Zug den Schönaicher Fürst rauf ist, da haben wir immer gemeint, man muss schieben“, erinnert sich Eugen Laib aus Weil im Schönbuch (86). Ganz mutige Fahrgäste seien aus dem ersten Wagen abgesprungen, haben sich auf den Baumwiesen Äpfel geholt und seien hinten wieder eingestiegen: „Der Zug ist so langsam gefahren, das hat man ohne Gefahr machen können.“

Junge Burschen machten sich einen Spaß daraus, mit dem Zug um die Wette zu laufen. Wie der Schuhmacher Willi Neuffer (Jahrgang 1908) daheim in Holzgerlingen gern erzählte, haben er und seine Kollegen am Böblinger Südbahnhof oft gewartet, bis der Zug nach Dettenhausen im Böblinger Bahnhof abfuhr. Den Abfahrts-Pfiff des Schaffners habe man am Südbahnhof gut gehört. Auf dieses Signal hin sind Neuffer und seine Kollegen dann losgelaufen: „zu Fuß über die Gleise Richtung Schönaicher First, und zwar mit großem Tempo!“

Wer zu langsam war, wurde ausgelacht

Wer die Haltestelle oben auf dem First rechtzeitig erreichte, konnte mit dem Zug weiterfahren – die anderen mussten „zu Fuß nach Holzgerlingen laufen“, berichtete für die Anekdoten-Sammlung Neuffers Sohn Herbert: „Außer der Verspätung hatten sie natürlich auch den Spott und das Gelächter der Kollegen sowie der Mitreisenden zu ertragen.“

Solche „Gleisgeschichten“ sind es, die in der Festschrift zu lesen sein werden, die im Juli zu den Jubiläums-Feierlichkeit erscheint. Alte Fotos aus der hundertjährigen Bahn-Geschichte waren bereits vom 25. Oktober bis 12. Dezember im Böblinger Landratsamt ausgestellt (wir berichteten). Dort wurde das „Sauschwänzle“ auch gewürdigt als wichtiger Wohlstands-Faktor für die Schönbuch-Gemeinden.

Schönbuchbahn: Festschrift mit Anekdoten und Erinnerungen
Bauarbeiter an der Strecke: Vor gut hundert Jahren arbeiteten deutsche und italienische Arbeiter an der Schönbuchbahn.

„Für die vielen Nebenerwerbslandwirte in Dettenhausen, die beim Daimler oder in Stuttgart ihr Geld verdienten, war der Zug die einzige Möglichkeit, zur Arbeit zu kommen“, heißt es in der Dettenhäuser Ortschronik. „Wer nicht im Steinbruch schaffte, ging auf den Zug.“ So wichtig war diese Zugverbindung damals für die Pendler, dass sie dafür bei Schnee und Eis sogar freiwilligen Einsatz brachten: „In den Jahren 1948 bis 1950 erklärten sich jedes Jahr spontan jeweils sechs Dettenhäuser bereit, im Winter Schneeverwehungen von der Eisenbahnstrecke zu räumen, um sich damit im wahrsten Sinne des Wortes den Weg zur Arbeit freizuschaufeln“, überliefert die Ortschronik.

Pendler, die in Stuttgart ihr Geld verdienten, hatten den Familien daheim selbstredend auch mehr zu bieten. Aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erinnert sich eine Holzgerlingerin an die schönen Samstagnachmittage, wenn der in Stuttgart arbeitende Vater mit dem Feierabend-Zug gegen 15 Uhr auf dem Heimweg am Wohnhaus in der Holzgerlinger Schönbuchstraße vorbeifuhr.

Regelmäßig warf er „eine Tüte voll köstlicher Bananen, Orangen oder Trauben oder Feigen“ aus dem Abteilfenster: „Wir Kinder stürmten aus dem Hof auf die Straße und freuten uns über die strahlenden, winkenden Leute im Zug und natürlich über das leckere Obst in der Tüte – bekam man doch zu dieser Zeit in Holzgerlingen noch keine solchen exotischen Obstsorten“.

Die gesammelten Anekdoten werden vom Zweckverband Schönbuchbahn nun in Buchform herausgegeben. Die zugehörige Jubiläumsausstellung wandert durch die Streckengemeinden.


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