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Leitartikel zur Buchmesse

Schöner lesen

Von der Buchmesse in Frankfurt ist Unglaubliches zu berichten: Es gibt immer noch Bücher – also auf Papier gedruckte! Das Buch trotzt der Digitalisierung, der Mensch liest nicht nur am Bildschirm.

21.10.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Verblüfft über diese vermeintliche Auferstehung des klassischen Buches sind allerdings nur diejenigen, die es vor Jahren unter Getöse und für alle Ewigkeit begraben haben. Marktforscher sagten voraus, dass das E-Book, dass Downloads von Text auf entsprechende Lesegeräte, bald einen Marktanteil von bis zu 20 Prozent beanspruchen könnten. Realität sind stagnierende 4,5 Prozent. Daran wird auch kaum der Discounter Aldi etwas ändern, wenn er jetzt in dieses Geschäft einsteigt.

Das klassische Buch ist, wenn es sorgfältig gestaltet ist und nicht als billig gebundene Leseware daherkommt, ein Kulturgut und mehr als ein Datensatz. Schöner lesen, heißt die Devise. Auch die gute alte Vinyl-Schallplatte ist ja unzerstörbar und erlebt gerade ein Comeback. Praktisch sind E-Books trotzdem, nicht nur für Menschen mit zu wenig Platz. Es ist das ideale Medium für den schnellen Konsum, die mobile Bibliothek. Die Frage lautet eher: Wer liest überhaupt noch ein Buch? Und wer regt dazu an?

Es sind nicht zuletzt die Buchhändler, die unverzichtbaren Mittler zwischen Leser, Autor und Verleger. Sie bieten das Schaufenster, werben mit Empathie und Sachverstand. Dass jetzt, nach dem Fall der Preisbindung für Medikamente, einmal mehr die Buchpreisbindung ins Visier der EU-Regulierer geraten könnte, schreckt die Branche auf. Ohne Buchpreisbindung würden kleine Buchläden, die zur kulturellen Grundversorgung beitragen, schwer überleben.

Selbstverständlich aber funktioniert auch der Buchmarkt nach wirtschaftlichen Gesetzen und ist keine schöngeistig romantische Spielwiese. Nur mit Geld und Marketing lässt sich der Erfolg freilich nicht kalkulieren: Der Autor bleibt, provokant gesagt, der Hauptunsicherheitsfaktor. Und wer weiß schon immer, warum der Leser wann was am liebsten liest.

Wie das so läuft? Suhrkamp geht mit Rückenwind ins entscheidende Weihnachtsgeschäft, weil der Roman „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante reißenden Absatz findet, gepuscht von der spektakulär enttarnten Identität der Autorin. Hoffmann und Campe profitierte in diesem Jahr von einem Roman aus dem Nachlass von Siegfried Lenz: „Der Überläufer“ – was sich schwer wiederholen lässt. Bei Carlsen sorgt natürlich wieder mal ein Harry-Potter-Titel für Kasse. Aber dann gibt's Beispiele, wie ein kleiner, aufmerksamer Verlag den Konzernen und ihren nicht unfehlbaren Scouts ein Buch wegschnappen kann, wie es dem Secession-Verlag mit Deborah Feldmans „Unorthodox“ gelang.

Und alle warten auf die Memoiren Barack Obamas. Bis zu 45 Millionen Dollar soll der baldige Ex-US-Präsident an dem Buchdeal verdienen können. Auch wer in Deutschland die Lizenzrechte erwirbt, wird einen Bestseller landen – was keine Kunst sein wird, eher eine Kostenrechnung. Viele Leser werden den Obama sich dann gedruckt ins Regal stellen. Das Buch bleibt.

leitartikel@swp.de

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21.10.2016, 06:00 Uhr

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