Horb · Natur

Schöner schleichen

In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen wird Spazierengehen zum Sehnsuchtsprojekt. Expertin Anita Splitthof sagt, wie es gut wird.

30.03.2020

Von Kathrin Löffler

Selbst bizarr geformtes Totholz offenbart seine Ästhetik dem, der hinschaut.

Im normalen Leben hat Spazierengehen einen eingeschränkten Anhängerkreis. Menschen mit zeitgenössischem Erlebnistrieb gilt es als der biedere Endgegner der Freizeitbeschäftigungen. Doch nun regiert das Coronavirus. Fitnessstudios, Spaßbäder und adrenalinschwangere Gruppenwildwasserraftingtouren haben Sendepause – und durch die Gegend schlendern scheint vielen plötzlich die einzige Möglichkeit, dem Sumpf der eigenen vier Wänden zu entkommen. Für Anita Splitthof ist draußen Umherlaufen seit langem Bestandteil ihres Lebens. Als Schwarzwald-Guide geht die Alpirsbacherin regelmäßig mit Besuchern durch den Naturpark. Der SÜDWEST PRESSE erklärt sie, wie ein Spaziergang auch ohne pandemischen Anlass zur zufriedenstellenden Episode wird.

SÜDWEST PRESSE: Frau Splitthof, als Kind fand ich Spazierengehen
unfassbar ätzend. Meine Eltern
haben mich dennoch dauernd
mitgeschleift. Wie können
Erwachsene den mauligen
Nachwuchs umstimmen?

Anita Splitthof: Indem sie Erlebnisse einbauen. Einfach nur in den Wald gehen und eine Strecke ablaufen finden Kinder natürlich blöd. Das ging mir auch so. Da müssen die Eltern in Vorleistung gehen und kreativ werden.

Geben Sie mal Hilfestellung!

Man kann Sachen verstecken und die Kinder suchen lassen. Oder zuhause ein Bild von einer Pflanze ausdrucken, die die Kinder dann finden müssen. Moos zum Beispiel. Schwieriger wird es dann mit Tieren, etwa Insekten. Ich mache das manchmal sogar mit Erwachsenen.

Was ist so klasse daran,
draußen herumzulaufen?

Die Erholung, die frische Luft, das Gesamtpaket Natur. Zurzeit kann man bei uns unheimlich viele Greifvögel beobachten. Und jetzt im Frühling fängt alles an zu duften. Oder es riecht ein wenig modrig im Wald.

Was kann man beim Spazierengehen falsch machen?

Man sollte seine Ziele nicht zu hoch setzen. Ein Bürotäter, der auf einmal 10 Kilometer laufen will, wird das nicht unbeschadet überstehen. Im Internet gibt es viele Anregungen für kleine Runden. Außerdem sollte man die Geschwindigkeit den anderen anpassen und nicht einfach sein eigenes Marschtempo durchziehen. Und wenn man zu lange auf Asphaltwegen läuft, kann das ganz schön auf die Knochen gehen. Für Kinder sind übrigens Matschwege ganz toll!

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus sind die Menschen momentan angehalten, auf Gesellschaft zu
verzichten. Ist alleine Spazierengehen nicht wahnsinnig öde?

Ich laufe oft alleine. Die Natur bietet doch genug – zum Schauen, Riechen, Hören. Man muss auch mal entschleunigen und seine Gedanken fliegen lassen. Vielleicht kann das ein Effekt aus der Coronakrise sein: dass die Leute lernen, sich selbst genug zu sein. Man muss nicht immer bespaßt werden. Wer sich selbst finden und die Natur genießen will, geht am besten alleine. Das wird nicht langweilig.

Wenn man in Begleitung unterwegs ist: Schwätzen oder schweigen?

Eine Mischung ist gut. Ist eine zweite Person dabei und man unterhält sich, lenkt das natürlich komplett ab. Da kann man am schönsten Tier vorbeilaufen
und bemerkt es nicht. Man
sollte ruhig auch einmal bewusst zehn Minuten schweigend nebeneinander herlaufen, ohne
ein schlechtes Gefühl zu bekommen. Ich übe das mit meinen Gruppen auch. Ganz schwere Aufgabe. Versuchen Sie mal,
eine Gruppe zum Schweigen zu bringen!

Wann ist die perfekte Zeit,
um spazieren zu gehen?

Die gibt es nicht. Ich bin eher ein Morgenmensch. Gerade jetzt, wo die Vögel unterwegs sind und es unheimlich laut im Wald ist, weil alles singt und tiriliert. Und die ganzen Bäume schlagen aus. Da bietet es sich an, wöchentlich dieselbe Strecke zu laufen und zu beobachten, wie sich so ein Baum verändert. Im Sommer ist auch ein Abendspaziergang schön, da sind die Gerüche intensiver.

Was war das Spektakulärste,
das Sie beim Spazierengehen
gesehen haben?

Eines Morgens ist auf einer Anhöhe ein Hirsch aus dem Wald herausgetreten. Da fiel dann auch noch so ein Sonnenstrahl auf ihn. Das hatte wirklich etwas Göttliches.

Spazierengehen lädt dazu ein, die Augen offen zu halten, und sich von Grün im Großen ... Privatbilder

... wie im Kleinen verzaubern zu lassen.

So spazieren Sie richtig

Die Verordnungen des Landes Baden-Württemberg zur Eindämmung des Coronavirus gelten auch fürs Spazierengehen: Alleinelaufen ist erlaubt, im Duo ebenso. Mehr als zwei Personen dürfen draußen nur zusammen unterwegs sein, wenn sie dem gleichen Hausstand angehören. Wer anderen Spaziergängern begegnet, macht einen mindestens 1,50 Meter großen Bogen um sie.

Anita Splitthof lebt in Alpirsbach. Seit 2004 ist sie Schwarzwald-Guide. Normalerweise bietet sie im Kreis Freudenstadt Touren mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten an, beispielsweise zu Bäumen, Hecken und
Wasserfällen. Bei speziellen Moos-Wanderungen führt sie Gruppen auch barfuß durch den Wald. Momentan setzt Splitthof ihr Angebot wegen
des Ausbruchs der Lungenkrankheit Covid-19 aus. Mehr Infos zu den Angeboten sind unter www.abenteuer-schwarzwald.de zu finden.

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Erstellt:
30. März 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
30. März 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. März 2020, 01:00 Uhr

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