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Arme Hirschauer Familien schickten ihre Buben für ein dreiviertel Jahr nach Herdwangen

Schon Zehnjährige mussten schuften

„Schwabenkinder“ – das waren die Fünf- bis 14-Jährigen aus Tirol oder aus dem Vorarlberg, die sich bis ins 20. Jahrhundert hinein bei reichen Bauern in Oberschwaben verdingen mussten. Was bislang kaum bekannt war: Dorthin schickten auch arme Hirschauer Familien ihre Buben. Sie arbeiteten schon als Zehnjährige ein dreiviertel Jahr lang als Knechte.

27.08.2012
  • Manfred Hantke

Hirschau. Die Ausbeutung der Vorarlberger und Tiroler Kinder aus armen Familien zählt zur unrühmlichen Geschichte der oberschwäbischen Bauern. Verstärkt im 19. Jahrhundert, aber auch noch bis in die 1920er Jahre mussten schon Fünfjährige den mühsamen Weg über die noch winterlichen Alpen zu Kindermärkten etwa nach Ravensburg auf sich nehmen und sich dort am 19. März, dem Josefstag, für eine Saison den reichen Bauern anbieten. Spätestens an Martini, dem 11. November, ging’s dann wieder heim. In Büchern wird das harte Los des zehntausendfachen „Schwabengehens“ geschildert, allgemein bekannt wurde es durch den Film von Jo Baier.

Immer am Josefstag in die Fremde

Schon Zehnjährige mussten schuften

Als die beiden Hirschauer Ortschronisten Albert Latus (83) und Hermann Endreß (76) im überregionalen Teil unserer Zeitung von den „Schwabenkindern“ lasen, erinnerten sie sich an ihre Verwandten: An Großonkel Kaspar Latus und an Vater Georg Endreß.

Um die Wende zum 19. Jahrhundert herum war Hirschau „bitterarm“, sagt der einstige Ortsvorsteher des Fleckens Hermann Endreß. Der Neckar war noch ein „wilder Geselle“, der immer mal wieder Wiesen und Felder überschwemmte und auch das Dorf bedrohte. Die Äcker waren wenig fruchtbar, die Ernte miserabel. Endreß schätzt, dass höchstens zwei, drei Bauern von ihrem landwirtschaftlichen Ertrag leben konnten.

Oft verdienten sich die Hirschauer ihr Geld als Handwerker oder als Tagelöhner. Endreß: „Außer Kindersegen hat’s bei uns keinen Segen gegeben“. Und wo zu viele Mäuler zu stopfen sind, gibt’s ein Problem. So wanderten ab 1880 viele Hirschauer aus, in andere europäische Länder oder in die USA.

Auch wenn der Esser noch klein war: „Damals war man gottfroh, wenn wieder einer von der Schüssel weg war“, sagt Latus. So wurden die Kinder schon als Zehnjährige nach Oberschwaben geschickt. „Unterlandkinder“ nennt sie Latus. Unter ihnen war der 1888 geborene Kaspar Latus. Am Josefstag 1898 machte er sich auf nach Herdwangen. Auf einem Kindermarkt brauchte er sich nicht anbieten, denn es bestanden bereits gute Beziehungen, die Adressen wurden stets durch Mundpropaganda in Hirschau weitergereicht. Mit der Bahn fuhr Kaspar Latus von Tübingen nach Sigmaringen, dann ging’s über Pfullendorf nach Herdwangen.

Den gleichen Weg nahm auch noch 1917 Georg Endreß. Er war als „Rossknechtle“ eingesetzt, weiß Latus. Morgens um 5 Uhr musste er sich um die Pferde kümmern, ihnen das schwere Arbeitsgeschirr um den Hals legen, den Wagen einspannen und mit ihnen hinaus aufs Feld gehen. Latus: „Das war eine schwere körperliche Arbeit für die Buben.“ Latus entdeckte in seinen zum Teil jahrzehntealten, auf Gesprächen mit Zeitzeugen basierenden Aufschrieben noch weitere Hirschauer Jungen. „Mindestens die halbe Klasse“ ging öfter auf die lange Reise, weiß er. So seien etwa 20 Schüler des Jahrgangs 1907 in Herdwangen gewesen.

Während ihrer Zeit bei den reichen Bauern erhielten die Buben lediglich Unterkunft und Verpflegung, so Latus. „Das Essen war gut dort oben“, sagt Endreß. Den Winter über aber wollten die Bauern die Kinder nicht durchfüttern. So machten sie sich an Allerheiligen (1. November) in Richtung Heimat auf, bekamen „ein Anzügle und ein paar Schuhe“ mit auf den Weg. Den Tag der Rückkehr nannte man auch „Bündelestag“, sagt Latus. Denn da schnürten die Buben ihr Bündel auf den Rücken und hatten einen derben Spruch parat: „Heut‘ ist mein Bündelstag, heut‘ leckt mich der Bauer am Arsch.“

Die Bauern hätten die Kinder „gnadenlos“ ausgenutzt, so Latus. Zur „Ausbeutung freigegeben“ habe sich mancher gar einen „bleibenden körperlichen Schaden“ geholt. Und wer das Pech hatte, zu einem richtigen „Bauern-Klob“ zu kommen, hätte beim Heulen mehr Wasser verbraucht als beim „Brunzen“. Großvater Adolf Latus ließ daher seine fünf Söhne nicht nach Oberschwaben gehen. Er war Vorsitzender des Katholischen Arbeitervereins in Hirschau und wollte sie „nicht zum Krüppel machen“ lassen, so Latus.

Am „Bündelestag“ ging’s wieder heim

Schon Zehnjährige mussten schuften
Die Ortschronisten Albert Latus (links) und Hermann Endreß. Bild: Hantke

Auch Mädchen im gleichen Alter kamen nicht nach Oberschwaben. Sie wurden laut Latus in die nähere Umgebung vermittelt, etwa nach Wurmlingen, Wendelsheim oder Kiebingen. Erst nach Ende der Schulzeit seien 15-, 16-jährige Mädels als Dienstmägde in die Fremde geschickt worden. Sie arbeiteten im Haushalt, putzten, nähten oder melkten die Kühe, verrichteten Hilfsdienste. Es sei auch vorgekommen, dass ein „Bauern-Klob“ ein Mädel geschwängert habe. Der jagte sie dann vom Hof. Das Baby kam in private Pflege, die junge Mutter war stigmatisiert, musste hart arbeiten, um zu überleben.

Einige Buben hätten sich in Herdwangen aber nicht aus finanziellen Gründen verdingt, weiß Latus, und so mancher „Saisonarbeiter“ hätte auch gute Erfahrungen gemacht. So brachte Thomas Hartmann, einer der reichsten Hirschauer Bauern, seinen Sohn Philipp in Herdwangen unter, auch der „Löwenwirt“ Johannes Latus schickte den Sohn Rudolf dorthin. Rudolf „muss ein gutes Haus gehabt haben“, mutmaßt Albert Latus.

Denn der später nach Chicago ausgewanderte Kellner organiserte während einer seiner Heimatbesuche 1961 eine Fahrt einstiger „Unterlandkinder“ nach Herdwangen. Auch Philipp Hartmann war dabei. Bis zum Beginn ihrer Lehre – über zwei, drei Jahre hinweg – fuhren die Buben alljährlich für ein dreiviertel Jahr nach Herdwangen. Ob sie dort oben in die Schule gingen, wissen Latus und Endreß nicht – „wohl eher weniger“, vermuten sie.

Großonkel Kaspar Latus allerdings blieb länger. Er machte in Herdwangen seine Zimmermannslehre. Wie lange die Oberland-Verschickung überhaupt andauerte, ist nicht bekannt. Vom Jahrgang 1909 seien noch welche in Herdwangen gewesen, so Latus, sie wurden also 1919/20 „verschickt“. Vermutlich war es der letzte Jahrgang.

Info: Es war bislang kaum bekannt, dass auch Kinder aus dem Landkreis Tübingen als „Saisonarbeiter“ für Monate nach Oberschwaben zogen. Wenn Sie weitere Hinweise oder gar Bilder zu dem Thema haben, wenden Sie sich doch bitte an unsere TAGBLATT-Zeitzeugnis-Redaktion, und zwar unter Telefon 0 70 71 / 93 43 72.

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27.08.2012, 12:00 Uhr

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