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Totschlagsprozess: Mit Kerzenleuchter zugeschlagen

Schon vor dem tödlichen Messerstich handgreiflich?

Die 27-Jährige, die am 15. Januar in Sulzau ihren Ehemann erstochen hat, soll schon zuvor gegen den 46-Jährigen handgreiflich geworden sein. Das berichteten gestern vor dem Schwurgericht Tübingen die Mutter des Getöteten und ein Freund des Ehepaars.

10.10.2012
  • Dorothee Hermann

Tübingen / Sulzau. Die Angeklagte versetzte ihrem Mann bei einem Streit im Haus ihrer Eltern einen tödlichen Stich in die Brust (das TAGBLATT berichtete). Seit dem 25. September muss sich die Frau wegen Totschlags vor dem Schwurgericht verantworten. Sie soll zur Tatzeit angetrunken gewesen sein.

Die Mutter des getöteten 46-Jährigen schilderte das Verhältnis zu ihrer Schwiegertochter als gut: „Ich habe ihr alles gemacht. Mein Sohn hat ihr alles gemacht.“ Die 74-Jährige nimmt gemeinsam mit zwei Söhnen und einer Tochter als Nebenklägerin am Prozess teil. Unter der Woche habe meist sie sich um die beiden Enkelkinder gekümmert, berichtete sie gestern als Zeugin. Am Wochenende seien die Kinder häufig bei den Großeltern in Sulzau gewesen.

„Die Angeklagte ist oft einfach gegangen, ohne etwas zu sagen“, sagte die Zeugin. „Die Kinder fragten: Wo ist die Mama?“ Wenn die Angeklagte zur Spätschicht musste und erst um die Mittagszeit hätte aufbrechen müssen, sei sie häufig schon gegen 9 Uhr verschwunden – „ohne sich darum zu kümmern, ob ihre Kinder und ihr Mann etwas zu essen hatten“. Um des Friedens willen habe sie nie etwas gesagt, so die 74-Jährige. „Ich wollte meinem Sohn helfen und vor allem den Kindern.“

Um den Haushalt der Eheleute im nahen Bieringen habe sich vor allem ihr Sohn gekümmert. „Er hat sogar dem Kleinen den Geburtstagskuchen backen müssen, weil sie ja nicht da war.“

Kurz nachdem das Paar zusammengezogen war, sei ihr Sohn einmal mit einer blutenden Platzwunde zu ihr gekommen. „Sie hat mir einen Kerzenleuchter über den Kopf geschlagen“, habe er ihr gesagt. Als sie ihren Sohn aufforderte, zum Arzt zu gehen, habe der abgewehrt: Er könne doch dem Doktor nicht sagen, seine Frau habe ihn geschlagen.

Kleinigkeiten lösten heftige Konflikte aus

Die Anlässe für derartige Konflikte „waren oft Kleinigkeiten“, sagte die Zeugin auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Ralf Peters. Die Angeklagte habe bloß sehen müssen, dass ihr Mann etwas herumliegen lassen hatte. Ende des Jahres 2011 habe er von ihr eine SMS erhalten: „Ich weiß nicht, ob ich dich noch mag.“ Ein Facebook-Kontakt der Angeklagten soll getextet haben: „Du bist eine süße Maus. Schade, dass du verheiratet bist.“ Diese habe zurückgeschrieben: „Leider.“

In der Tatnacht wurde die Mutter des Getöteten gegen 0.30 Uhr durch ein Klingeln an der Haustür aus dem Schlaf gerissen: Draußen stand ihr ältester Sohn, begleitet von Polizisten. Die Beamten hätten nur gesagt: „Es hat eine Messerstecherei gegeben“, im Hause der Eltern der Angeklagten. Als diese die Zeugin am nächsten Abend aufsuchten, hätten sie nicht berichtet, was geschehen war, sagte die Frau. Die Mutter der Angeklagten habe nur immer wieder beteuert, ihre Tochter mache so etwas nicht.

Als weiterer Zeuge äußerte sich ein 31-jähriger Schreiner aus Sulzau, der mit beiden Eheleuten eng befreundet war. Am Morgen des Tattages habe ihm der Ehemann eröffnet, wenn seine Frau sage, sie gehe, sage er nur noch: „Dann geh’ doch.“

Kaum eine Stunde nach der Tat hatte die Angeklagte den 31-Jährigen durch die Polizei holen lassen. „Sie verlange nach ihm, ihr Mann sei verstorben“, hätten die Beamten ihm bedeutet. Im elterlichen Haus der Angeklagten sei ihm der ältere Sohn des Paars mit den Worten entgegenlaufen: „Mein Papa ist jetzt im Himmel.“ Die Angeklagte habe sediert gewirkt. Sie habe ihn umarmt, die Hände voll Blut, und gesagt: „Sie haben mir meinen Mann genommen.“ Bereits im Januar 2011 hatte der Zeuge der Angeklagten geraten, sich Hilfe zu suchen. Bei einem Besuch in Göttelfingen mit der Narrenzunft Sulzau, der die Eheleute angehörten, sei die Angeklagte mit ihrem Mann in einen heftigen Streit geraten, wobei der Ehemann „einen ziemlich tiefen Kratzer an der Wange“ davontrug. Im Nachhinein erfuhr der Zeuge, „dass es um eine Pfandmarke ging“. Zwei Männer hätten vergeblich versucht, die Angeklagte zu beruhigen. Einer Frau habe sie ein Büschel Haare ausgerissen. Zurück in Sulzau sei sie immer noch aufgebracht gewesen. Der Ehemann habe ihm unter vier Augen anvertraut: „Wenn sie ein Messer gehabt hätte, hätte sie es mir reingesteckt.“

Tags darauf habe die Angeklagte sich telefonisch bei ihm entschuldigt, sagte der Zeuge. Bei einem Treffen wenige Tage später sagte er ihr als Sulzauer Zunftmeister, so etwas dürfe nie wieder vorkommen. Er riet ihr, sich Hilfe zu suchen. Der Prozess wird am Montag, 22. Oktober, fortgesetzt.

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10.10.2012, 12:00 Uhr

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