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Fall Peggy

Schrecklicher Verdacht

Gibt es Verbindungen zwischen dem Mord an der neunjährigen Peggy und den rechtsradikalen Terroristen vom NSU? Ein DNA-Fund nährt Spekulationen.

15.10.2016
  • TANJA WOLTER

Am 7. Am 7. Mai 2001 verschwand die neunjährige Peggy Knobloch im oberfränkischen Lichtenberg. Am 2. Juli 2016 wurden Teile ihrer skelettierten Leiche und einige Sachen in einem Waldstück im thüringischen Rodacherbrunn gefunden, 15 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Ein geistig behinderter Mann wurde erst als Täter verurteilt, dann in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen, mit sehr großer Sicherheit ist er nicht der Mörder. Von diesem fehlt bisher jede Spur.

Dann, gestern, meldeten Rechtsmediziner des LKA München eine elektrisierende DNA-Verbindung: Am Fundort der Leiche wurde auf einem kleinen Fetzen Stoff der genetische Fingerabdruck des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt entdeckt. Haben Böhnhardt und der NSU nicht nur neun Männer mit ausländischen Wurzeln und die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet, sondern auch Peggy Knobloch?

Seit dreieneinhalb Jahren läuft in München der Prozess gegen Beate Zschäpe, unter anderem wegen Mittäterschaft bei zehn Morden. Sie ist die einzige Überlebende des mutmaßlichen NSU-Trios. Böhnhardt und der Komplize Uwe Mundlos hatten im November 2011 Selbstmord begangen.

Am Tag nach der DNA-Meldung weiß man nur, dass man nichts Genaues weiß. Der NSU-Nebenklage-Vertreter Alexander Hoffmann warnt vor Spekulationen: „Man sollte jetzt erst einmal sehr zurückhaltend sein und weitere Ermittlungsergebnisse abwarten“, sagt er. Größere Auswirkungen auf den NSU-Prozess sieht er momentan nicht. Schließlich müssten Zschäpe oder den vier weiteren Angeklagten eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Die hätte aber gemessen an den jetzigen Anklagevorwürfen kein zusätzliches Gewicht. Anders sieht das Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler. Er hat im NSU-Prozess, der übernächste Woche fortgesetzt wird, einen Beweisantrag angekündigt. Kinderporno-Dateien, die auf einem NSU-Computer entdeckt worden waren, sollen genauer ausgewertet werden. Doch davon später.

Noch sind grundlegende Fragen offen: Steht das Stück Stoff, das nur so groß sein soll wie der Nagel eines kleinen Fingers, im Zusammenhang mit Peggys Tod? Und ist Böhnhardts DNA im Zusammenhang mit dem Mord dahin gelangt?

Es klingelt noch die Wattestäbchen-Panne vom Heilbronner Polizistenmord in den Ohren. Eine bei Kiesewetter gefundene DNA-Spur wurde an etlichen Tatorten in Deutschland entdeckt. Sie stammte von einer Mitarbeiterin der Firma, die die Stäbchen produzierte.

Beim Fund nun aber scheinen Verwechslung oder Verschmutzung unwahrscheinlich. Böhnhardts Leiche wurde zwar an der Uniklinik Jena untersucht, ebenso wie Peggys. Der besagte Fetzen aber ging direkt zum LKA nach München. Dennoch sind die Ermittler vorsichtig. Herbert Potzel, leitender Bayreuther Oberstaatsanwalt, will nichts ausschließen.

Falls die DNA „echt“ ist, sind verschiedene Hypothesen möglich. Etwa Zufall: Irgendwann könnte Böhnhardt irgendwo mit dem Stoff in Berührung gekommen sein, der laut Bayerischem Rundfunk Teil einer Decke war. Die Decke gelangt irgendwie in den Wald in Rodacherbrunn – ob in Verbindung mit Peggys Mord oder nicht. Böhnhardt hätte mit der Tat nichts zu tun.

Betrachtet man den Sachverhalt aber vor dem Hintergrund des monströsen NSU-Komplexes, zeigt sich: Es gibt Verbindungen zwischen NSU, dessen Unterstützern und Kinderpornografie, Missbrauch und Kindermord.

Da ist zunächst Böhnhardt und ein 1993 in Jena ermordeter neun Jahre alter Junge. Böhnhardt und der Neonazi Enrico T., der laut Bundesanwaltschaft eine NSU-Tatwaffe besorgt hat, waren damals ins Visier der Fahnder geraten. Nachgewiesen werden konnte ihnen nichts, der Täter wurde nie gefasst.

Auch ein weiterer NSU-Unterstützer war involviert in Kindesmissbrauch, -prostitution und -zuhälterei: Tino Brandt, Neonazi in Thüringen und Ex-V-Mann des Verfassungsschutzes. Er missbrauchte Kinder und führte sie anderen Männern zu. 2014 wurde er deshalb zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, es ging um 66 Fälle. Die Straftaten ereigneten sich zwischen 2011 und 2014, zehn Jahre nach Peggys Verschwinden.

Zudem fanden sich auf einem Computer in der ausgebrannten Wohnung in Zwickau, den Beate Zschäpe benutzt hat, Kinderporno-Dateien. Und in dem Wohnmobil, in dem sich Mundlos und Böhnhardt erschossen haben, waren wiederum Kindersachen untergebracht: Spielzeug und ein Schuh. Bisher wurde diesen Dingen keine große Bedeutung beigemessen.

Auch ein Blick auf die Landkarte könnte Hinweise geben. Der NSU lebte in Sachsen im Untergrund, meistens in Zwickau. Am 9. September 2000 wurde Enver Simsek als erstes NSU-Opfer in Nürnberg erschossen. Der zweite Mord an Abdurrahim Özüdogru geschah am 13. Juni 2001, auch in Nürnberg. Peggy verschwand am 7. Mai 2001 in Lichtenberg. Der kleine Ort liegt fast auf einer Linie zwischen Zwickau und Nürnberg, unweit der Autobahn. Es mag Zufall sein.

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15.10.2016, 06:00 Uhr

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