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Einblicke in die Romanwerkstatt

Schriftsteller Josef Haslinger über seine Arbeit

Josef Haslinger sprach am Donnerstag mit Studenten des Studio Literatur&Theater, die sich im laufenden Semester mit dem Werk des Österreichers befasst hatten. Abends las er in der Buchhandlung Gastl aus seinem jüngsten Roman „Jáchymov“.

09.07.2012
  • Moritz Schildge

Tübingen. Die Seminarreihe „Zeitgenossen, Zeitgeschichte“ hat bereits Tradition am SLT. Nachdem in den vergangenen Jahren Autoren wie Uwe Timm, Bernhard Schlink oder Julia Franck zu Gast waren, folgte in diesem Semester Josef Haslinger der Einladung nach Tübingen.

Zum Empfang gab es ein Geburtstagsständchen – Haslinger wurde am Donnerstag 57 Jahre alt. Die gute Stimmung übertrug sich auf das Gespräch. Haslinger ist nicht nur ein guter Erzähler, er kann auch über das Erzählen spannend erzählen.

Völlig unbefangen gab er Auskunft über sein Werk und über die Entstehung seiner Bücher – insbesondere am Beispiel seines jüngsten Romans „Jáchymov“: Der Roman handelt von Bohumil Modrý, der in den 30er und 40er Jahren für die Eishockey-Nationalmannschaft der Tschechoslowakei spielte und mehrere Male die Weltmeisterschaft gewann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel er jedoch, obwohl er in seiner Heimat verehrt wurde, bei den Kommunisten in Ungnade. Modrý wurde schließlich des Hochverrats bezichtigt und im Gulag Jáchymov – auch bekannt als St. Joachimsthal – interniert. Der Name Jáchymov wurde bald zu einem Synonym für die sowjetische Repression. In diesem Zwangslager mussten die Häftlinge Uran mit bloßen Händen abbauen. Modrý starb einige Jahre nach seiner Freilassung an den Strahlenschäden. Für Haslingers Werke typisch ist diese Verschränkung von politischer und privater Geschichte, ebenso das stete Bemühen um Authentizität.

Die Geschichte von Bohumil Modrý war Haslinger von dessen Tochter Blanka Modra zugetragen worden. Es mussten jedoch zwanzig Jahre vergehen, bis er die Geschichte schließlich literarisch umsetzte. Erst nachdem er, eher zufällig, die Schauplätze besucht und wie ein „touristisches Planquadrat“ erkundet hatte, fühlte er sich dazu in der Lage, über Jáchymov zu schreiben.

Modrýs Tochter hatte sich gewünscht, dass Haslinger ein Sachbuch schreibt. Für ihn habe jedoch festgestanden, dass es ein Roman werden sollte: „Ich konnte nicht so tun, als hätte ich damals gelebt.“ Auf diese Weise entstand eine Art Buch im Buch. Der Verleger Anselm Findeisen – „in gewisser Weise ein Alter Ego“ – trifft (im Roman) Blanka Modra und bringt sie schließlich dazu, die Geschichte ihres Vaters zu erzählen. Haslinger betonte im Gespräch immer wieder, wie wichtig ihm die Recherche sei. Auch bei selbsterlebten Geschichten betreibe er Recherche: „Es gibt keine hundertprozentige Erinnerung.“

Aber bei allem Bemühen um Faktentreue wolle er den Schriftsteller nicht verstecken. „Jáchymov“ wurde auch in Tschechien mit großer Aufmerksamkeit bedacht, wie Haslinger am Abend bei der Lesung in der Buchhandlung Gastl erklärte. Dort habe die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte gerade erst begonnen.

Allerdings wolle er seinen Roman nicht primär als „Einmischung“ verstanden wissen, auch wenn er eine solche Einmischung für legitim halte. Ihm sei es vielmehr darum gegangen, „für uns“ zu schreiben. Man habe sich zur Zeit des Eisernen Vorhangs nicht dafür interessiert, „was die da drüben machen“. Der Roman lässt sich daher auch als Beitrag zu einer europäischen Geschichtsschreibung verstehen, die bislang allzu sehr in zwei Teile zerfällt, die nichts voneinander wissen.

Schriftsteller Josef Haslinger über seine Arbeit
Josef Haslinger neben Studenten des Studio Literatur&Theater. Links Dagmar Leupold. Bild: Sommer

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09.07.2012, 12:00 Uhr

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