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Eine Art Versuchskaninchen

Schüler lernen individuell: Erster „ErKo“-Jahrgang hat seinen Abschluss

„Es waren recht entspannte Jahre“, sagen Hanai Abi Saber und Isabel Erben. Die beiden sind Schülerinnen des ersten Jahrgangs, der die „Erweiterte Kooperation“ (ErKo) an der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) komplett durchlaufen hat.

30.07.2015
  • Ute Kaiser

Tübingen.Die Grundschul-Empfehlung war eindeutig: Die beiden Mädchen sollten auf ein Gymnasium gehen. Die Eltern entschieden sich gegen G 8 und für ErKo. Der Druck im achtjährigen Gymnasium erschien ihnen zu groß. Sie wollten den Mädchen „lieber mehr Zeit und Freiraum zum Lernen lassen“, sagt Mareile Abi Saber, Mutter von Hanai und in der Arbeitsgruppe von ErKo-Eltern und -Lehrern aktiv.

Riesenverantwortung für das eigene Lernen

ErKo war 2009 mit dem Anspruch gestartet, dass die 108 Kinder in vier Schulversuchs-Klassen mit Empfehlungen von der Hauptschule bis zum Gymnasium individualisiert und eigenorganisiert lernen. Dazu hatten Schulleiter Joachim Friedrichsdorf und das Kollegium ein ausgefeiltes System entwickelt. Den Wochenplänen beispielsweise konnten die Schüler/innen entnehmen, was sie bis wann erledigt haben sollten und wo sie standen.Für viele sei es „eine Riesenverantwortung, sich den Stoff selbst beizubringen“, sagt Hanai. Aus ihrer Sicht „machen Schüler nur das, was gefordert wird und was sie machen müssen“. Erst wenn man älter werde, werde einem bewusst, „dass die Schule nicht nur eine Nebensache ist“. Hanais Folgerung daraus: Die Lehrer/innen müssten „mehr Druck machen“ – besonders bei Kindern aus Familien, in denen sich die Eltern nicht so kümmerten.

Die beiden Mädchen sind meist gut mit ihren Lernpaketen zurechtgekommen. Sie haben frühzeitig gelernt, sich zu organisieren. Die Wochenpläne zu kontrollieren, sagt Mareile Abi Saber, sei ein Riesenaufwand für die Lehrer. Deswegen habe es später nur noch Stichproben gegeben.

Nach ihren Erfahrungen sei Schülern nur schwer zu vermitteln: „Das macht ihr nur für euch.“ Aber auch der jüngere Bruder von Hanai wird im neuen Schuljahr eine Gemeinschaftsschule besuchen – weil es in Tübingen kein neunjähriges Gymnasium gibt. An achtjährigen Gymnasien gebe es definitiv mehr Stress, „für manche passt das, für manche nicht“, sagt Hanai.

Mareile Abi Saber war gut informiert, bevor sie ihre Tochter bei ErKo angemeldet hat: „Wir wussten, dass wir eine Art Versuchskaninchen sind.“ Sehr hoch rechnet sie ErKo an, dass die Verantwortlichen sich sehr bemüht haben, „alles zu ermöglichen“. Etwa Spanisch, erst gemeinsam mit Gymnasiasten, später in einem Extrakurs für zehn Schüler. In der Theorie findet Mareile Abi Saber das Gemeinschaftsschul-Konzept „sehr gut“. Die Umsetzung müsse aber noch überarbeitet werden.

Zu den Grundfesten gehört längeres gemeinsames Lernen. Die beiden inzwischen 16-Jährigen hatten damit keine Probleme. In der Klasse sei nicht über die Schulempfehlung geredet worden. Dass nicht alle gleich viel miteinander zu tun hatten, erklären Isabel und Hanai mit unterschiedlichen Freundeskreisen. Ihnen sei es recht wichtig gewesen, einen guten Abschluss zu machen. Das ist ihnen mit einem Einser-Schnitt gelungen. Ein Mitschüler habe durch einen ähnlichen Ehrgeiz trotz Hauptschul-Empfehlung die Realschul-Standards erfüllt, erzählen sie. Wie er wechseln zwei weitere Schüler, die trotz Hauptschul-Empfehlung den Realschul-Abschluss schafften, auf ein berufliches Gymnasium, sagt Friedrichsdorf.

Willkommenskultur bei Gymnasien vermisst

An beruflichen Gymnasien sehen auch Hanai und Isabel ihre Zukunft, allerdings gehen sie getrennte Wege. Hanai hat das Gymnasial-Profil „Internationale Wirtschaft“ an der Tübinger Wilhelm-Schickard-Schule gewählt. Isabel wird das Sozialwissenschaftliche Gymnasium der benachbarten Mathilde-Weber-Schule besuchen. Rund zwei Drittel der 91 Schüler entschieden sich für ein berufliches Gymnasium. Nur einer wird aufs Gymnasium der GSS wechseln.

Gern hätte auch Hanai an einem allgemeinbildenden Gymnasium Abi gemacht. Sie wollte aber nicht in eine bestehende G 8-Klasse wechseln. „Das fühlt sich an wie Sitzenbleiben“, sagen die Mädchen unisono.

In Gesprächen mit Mitschülern zeigte sich, dass sie nicht die einzigen ErKo-Absolventen waren, denen die Entscheidung über die Wahl der künftigen Schule schwer fiel. Mareile Abi Saber erklärt sich das so: Weder das Gymnasium der GSS noch ein anderes habe sich um die ErKo-Schüler bemüht. „Man fühlte sich nicht willkommen“, sagt sie.

Es gebe an den allgemeinbildenden Gymnasien noch „keine Eingangsklasse mit Willkommenskultur“, gesteht GSS-Schulleiterin Cornelia Theune auf Nachfrage zu. Darin sieht sie einen Grund für die geringe Wechslerquote auf die GSS. Außerdem sind die Anmeldetermine an den beruflichen Gymnasien schon im Februar. Da sei aber für die ErKo-Schüler noch nicht klar gewesen, ob sie die Voraussetzung für allgemeinbildende Gymnasien erfüllen. Die sehen vor, dass die Wechsler in den drei Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch maximal einmal die Note drei haben dürfen. An beruflichen Gymnasien reicht ein Notendurchschnitt von drei.

Diese „Art Prüfungshürde“ für Schüler, die in ErKo beziehungsweise an der Gemeinschaftsschule auf gymnasialem Niveau gelernt haben, sieht Mareile Abi Saber „sehr kritisch“ – besonders für manche Spätzünder, die zu sehr mit der Pubertät beschäftigt waren, um auf ihre Noten zu achten. So hätten „manche dadurch leider den Sprung in Richtung Abitur verpasst“.

Weil Theune es bedauert, dass die Schüler mit guten Chancen nicht an der GSS bleiben, soll sich etwas ändern. Das Gymnasium werde im Herbst auf die neuen ErKo-Zehntklässler zugehen und um sie werben, kündigt sie an. Und im kommenden Schuljahr soll auch mit der Planung für eine Eingangsklasse für ErKo-Schüler begonnen werden.

Schüler lernen individuell: Erster „ErKo“-Jahrgang hat seinen Abschluss

Die „Erweiterte Kooperation“ (ErKo) an der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) legte im Herbst 2009 als Schulversuch los – genehmigt vom damals noch CDU-geführten Kultusministerium. Der Schulversuch hätte nur für zwei aufeinanderfolgende Jahrgänge gelten sollen, doch dann hat sich die Stadt Tübingen erfolgreich für eine Verlängerung eingesetzt. 2012 bekam Tübingen den Zuschlag für drei Gemeinschaftsschulen im Norden (mit ErKo), Süden (Französische Schule) und Westen (Schulzentrum West). In diesem Jahr hat der erste ErKo-Jahrgang seinen
Abschluss gemacht. Joachim Friedrichsdorf, der Leiter der ErKo-Gemeinschaftsschule, war mit dem Ergebnis der 91 Absolventen „absolut zufrieden“. Was Schulleitung und Kollegium „gehofft hatten, hat sich erfüllt“. Bei den Leistungen lagen die Absolventen mit einem Notendurchschnitt von 2,3 um 0,4 Punkte besser als der langjährige Wert der Realschule. 23 Prozent der Schüler erreichten einen Einser-Notenschnitt. Die Hälfte der Absolventen bekam Preise und Belobigungen, sagt Friedrichsdorf. Das begründet er damit, dass sich Lehrer als „Coaches“ intensiv um die Lernentwicklung von je neun Kindern kümmern.

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30.07.2015, 12:00 Uhr

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