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Mischung aus Georg Büchners „Woyzeck“ und „Leonce und Lena“

Schuften oder Müßiggang?

Welche Rollen spielen wir tagtäglich? Und welcher Lebensentwurf ist der richtige? Mit diesen Fragen beschäftigte sich am Wochenende die Jugendtheatergruppe II in der Alten Kelter Pfäffingen.

09.07.2012
  • FILIPP MÜNST

Pfäffingen. „Viele Deutschlehrer meinen, diese beiden Stücke kann man nicht kombinieren“, sagte Theaterpädagoge Roman Wehlisch nach der Premiere am Samstag. Er und die Jugendtheatergruppe II der Alten Kelter Pfäffingen wollten mit dem Stück „Ich.bin.ich“ das Gegenteil beweisen. „Wir gehen über die Hauptfiguren. Ihr gemeinsamer Schnittpunkt ist die Suche nach Liebe“, erklärt Wehlisch.

Woyzeck ist ein armer Soldat, der sich als Laufbursche für seinen Hauptmann abrackert, nur um seine Frau Marie und das gemeinsame uneheliche Kind zu versorgen. Marie aber fühlt sich vernachlässigt, weil er keine Zeit für sie hat, und beginnt eine Affäre mit einem Tambourmajor. Woyzeck hegt daraufhin den Plan, sie umzubringen und setzt diesen schließlich in die Tat um. Er ist ein einfacher Mann, gepeinigt und gedemütigt von der Gesellschaft.

Hier ist eine weitere Schnittstelle der beiden Stücke. Auch Leonce und Lena leiden unter gesellschaftlichen Zwängen, nur am anderen Ende der ständischen Ordnung. Die beiden Königskinder sind füreinander versprochen, kennen sich aber nicht. Aus Angst vor der unvorhersehbaren Verbindung flüchten sie, begegnen sich unterwegs zufällig und verlieben sich.

Während Leonce und Lena gedankenversunken an den beiden Rändern der Bühne thronen und sich am höfisch-müßigen Leben langweilen, tobt Jakob Boeckh alias Woyzeck scheinbar besessen über das Parkett der Alten Kelter. „Ich wollte Woyzeck nicht als armes Würstchen darstellen, sondern als jemanden, der aufbegehrt gegen das Unrecht, das ihm angetan wird. Natürlich ohne Erfolg“, erklärt Wehlisch. Er lässt beide Stücke gleichzeitig stattfinden und kontrastiert so die völlig unterschiedlichen Lebenswelten miteinander. Die Kombination der beiden Büchner-Klassiker scheint also tatsächlich zu funktionierten und das auch noch in unter einer Stunde Spielzeit.

Klar, dass dabei nur Fragmente der beiden Vorlagen übrig bleiben. Die Handlungen bleiben teils auf der Strecke, im Mittelpunkt stehen die Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Aber genau das ist es, was Wehlisch beabsichtigt hat. So irrt König Peter mit einer zerknitterten Landkarte durch den Raum und fragt sich, wann er endlich angekommen ist.

Geist mit Zylinder als zynischer Kommentator

Eine besondere Rolle spielt ein Geist mit Zylinder, der in den Büchner-Originalen nicht vorkommt. Er bezeichnet die Menschen anfangs als „Staub, Sand und Dreck“. Wer mehr sein wolle als das, der solle mit ihm mitkommen. Doch keiner folgt ihm, alle bleiben in ihrem Trott gefangen. Immer wieder kommentiert die Figur zynisch das Geschehen auf der Bühne und verbindet so die beiden Stücke miteinander.

Roman Wehlisch verfolgt mit der Jugendtheatergruppe einen pädagogischen Ansatz – ihm ging es nicht nur um die Aufführung. „Erst hat sich jeder mit seiner Figur und mit der Thematik befasst. Das eigentliche Stück haben wir dann innerhalb einer Woche zusammengesetzt“, berichtet er.

Daher ist es insgesamt verkraftbar, dass die Nachwuchs-Schauspieler ihre Texte teils etwas hastig wiedergeben. „Emotion und Körperlichkeit haben Vorrang vor dem Text“, sagt Wehlisch. Er legt Wert darauf, dass die Jugendlichen ihre Rolle und sich selbst reflektieren. „In den drei Jahren, in denen ich die Gruppe leite, haben einige von ihnen große Fortschritte gemacht und mehr zu sich selbst gefunden“, sagt Wehlisch. Auch die Königskinder Leonce und Lena finden sich am Ende, während der arme Soldat Woyzeck seiner toten Frau Marie nachtrauert. Das ist eine Botschaft des Stücks, die nur über die Kombination der beiden Werke funktioniert.

Schuften oder Müßiggang?
Einer von Woyzecks (Jakob Boeckh) „Nebenjobs“ ist es, den Hauptmann (Madlen Walker) zu rasieren. Diese Position nutzt Woyzeck aus und setzt dem Hauptmann das Messer an die Kehle. Im Hintergrund sitzt Leonce (Frederick Höckh).Bild: Münst

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09.07.2012, 12:00 Uhr

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