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Bericht zur Gemeinschaftsschule: Aus Bonbon wird bittere Pille

Schulchef und Forscher widersprechen FAZ-Bericht

Das angeblich vernichtende Gutachten über die Gemeinschaftsschule – am Beispiel der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule – sorgt weiter für Wirbel. Sowohl der zuständige Schulleiter als auch Mitglieder der Forschergruppen, die die Gemeinschaftsschulen wissenschaftlich begleiten, widersprechen vehement.

19.08.2015
  • Ute Kaiser

Tübingen. Auslöser der Debatte war – wie berichtet – ein Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) am Montag. Unter der Hauptzeile „Schwäbisches Himmelfahrtskommando“ schreibt die Autorin Heike Schmoll darin über ein „Gutachten“, das dem „Vorzeigeprojekt Gemeinschaftsschule“ ein „vernichtendes Urteil“ ausstelle.

Gestern meldete sich Joachim Friedrichsdorf, Leiter der „Erweiterten Kooperation („ErKo“) an der Geschwister-Scholl-Schule, aus dem Urlaub in Dänemark beim TAGBLATT. Das angebliche Gutachten, so Friedrichsdorf, sei ein „ nicht öffentlicher Zwischenbericht“ für die Schulen gewesen, die an der wissenschaftlichen Begleitforschung teilnehmen.

In einer von vier Professoren der Pädagogischen Hochschulen in Heidelberg, Freiburg und Weingarten unterzeichneten „Richtigstellung“ wird darauf hingewiesen, dass den zehn Gemeinschaftsschulen „vor etwa zehn Monaten Schulberichte“ zugegangen seien, „die die interne Qualitätsentwicklung unterstützen sollen“ (siehe Info). Sie hätten aus „datenschutzrechtlichen Gründen einen von der Forschungsgruppe angebrachten Vertraulichkeitsvermerk“ getragen und seien nicht ans Kultusministerium weitergegeben worden.

Friedrichsdorf sieht diese Schulberichte als „Belohnung und kleines Bonbon“ für die Teilnahme an. Die Forscher/innen beobachteten zwei „ErKo“-Klassen, darunter eine Inklusionsklasse mit 19 Kindern. Die Schule erwartet sich davon vor allem Anhaltspunkte, wie sich die Unterrichtsqualität verbessern lasse. Dass diese „internen Hinweise“, die weder ein Gutachten noch Forschungsergebnisse seien, an die Öffentlichkeit gelangten, sieht der Schulleiter als „eklatanten Missbrauch“ an.

Auch die Forschergruppe verurteilt die Weitergabe, „weil damit Tatsachen verfälscht in die öffentliche Diskussion gebracht werden“. Ein Bericht, der den Entwicklungsstand einer einzelnen Schule darstelle, „kann nicht exemplarisch für die Praxis der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg insgesamt interpretiert werden“, schreiben die Professoren.

Schmoll hatte aus dem internen Bericht unter anderem herausgelesen, dass weder „die neue Unterrichtsform des selbständigen Lernens mit Lehrern als Lernbegleitern noch die Inklusion oder die besondere Förderung der Schwächsten und Stärksten“ gelinge. Auch die Leistungsbeurteilung sei „mehr als fragwürdig“. Und: In den Fremdsprachen komme das Sprechen zu kurz.

Der Schulleiter und die Forscher beharren auf der vereinbarten Vertraulichkeit – bis zum 10. September, bis Prof. Thorsten Bohl, „der federführende Projektleiter“ von der Universität Tübingen, von seinem Auslands-Aufenthalt zurück ist. Nach bisheriger Planung soll die Forschergruppe ihre zentralen Befunde aus den vier Teilprojekten im Frühjahr 2016 dem Kultusministerium in einem Abschlussbericht vorlegen.

Der Vorwurf der Ineffektivität, so Friedrichsdorf auf Nachfrage, lasse sich durch die die Ergebnisse des ersten „ErKo“-Jahrgangs widerlegen. Bei den Leistungen lagen die Absolventen, wie er dem TAGBLATT im Juli sagte, mit einem Notendurchschnitt von 2,3 um 0,4 Punkte besser als der langjährige Wert der Realschule. 23 Prozent der Schüler erreichten einen Einser-Notenschnitt.

Die Gemeinschaftsschule werde „im Wahlkampf eine Rolle spielen“, fürchtet der urlaubende Schulleiter. Das ist längst geschehen. CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf verlangte jüngst von der grün-roten Landesregierung, „dass sie das ideologisch geprägte Konzept der Gemeinschaftsschule zum Wohle der Kinder und Jugendlichen korrigiert“. Die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid keilte zurück: Hätte er gestern beim kommunalpolitischen Gespräch in Tübingen „die CDU-Bürgermeister im Kreis Tübingen befragt, hätte er bemerkt, wie positiv sie die Gemeinschaftsschule beurteilen“. Dass die Schule „Abläufe reflektiert, um die neue Schulart noch zu verbessern“, finde ihre besondere Anerkennung.

Schulchef und Forscher widersprechen FAZ-Bericht
Die ferienbedigt verwaiste Tübinger Geschwister-Scholl-Schule steht im Mittelpunkt einer heftig aufgeflammten Debatte um die Gemeinschaftsschule.

In einem Forschungsprojekt von August 2013 bis Juli kommenden Jahres erforschen 14 Wissenschaftler und elf Nachwuchskräfte der Uni Tübingen und der Pädagogischen Hochschulen in Freiburg, Heidelberg, Weingarten und Schwäbisch Gmünd zehn Gemeinschaftsschulen im Land. Das Vorhaben umfasst vier Teilprojekte. Das erste konzentriert sich auf „alltagsnahe Begleitforschung“. Schwerpunkte sind der Umgang mit Heterogenität, Diagnostik, pädagogische Professionalität, Inklusion, Schulkultur und Fachdidaktik. Die Schulen bekommen zwei Mal einen Schulbericht. In ihm werden die Prozesse, die Organisationsstrukturen und Handlungsweisen der Akteure beschrieben, das Beobachtete „auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes“ eingeschätzt und Entwicklungshinweise gegeben, schreiben die Professoren.

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19.08.2015, 12:00 Uhr

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