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Rohrstöcke für 20 Millionen Reichsmark

Schulhaus wird hundert Jahre alt

HIRRLINGEN (rum). Am heutigen Mittwoch vor genau hundert Jahren wurde das neue Schulhaus eingeweiht. Unterrichtet wurde in Hirrlingen freilich schon früher, nachweislich seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert. In der Bietenhauser Straße fand die Schule dann 1904 ihr viertes und endgültiges Quartier.

30.06.2004

Steif und gemessen war der Ton, in dem der „Neckarbote“ die Einweihung des Schulhauses feierte. Es sei ein Fest gewesen, „wie es wohl in Jahrhunderten nicht wiederkehren wird.“ Das neue Gebäude biete „dem Beschauer einen prächtigen Anblick dar, besonders die Front des Hauses mit dem stattlichen Portale.“ 31 000 Mark hatte die Gemeinde damals „lobenswerter Weise“ für den Bau aufgewandt. Der wurde nötig, weil das bis dahin als Schule genutzte ehemalige Kloster für die 209 Schüler einfach zu klein geworden war.

Bei der Übergabe des Hauses, so ist weiter in der „Neckarchronik“ zu lesen, bat Oberamtsbaumeister Kohler die Lehrer und Geistlichen, soweit es in ihren Kräften stehe, „gute Christen und rechtschaffene Bürger heranzubilden.“ Der Pfarrer forderte von den Kindern Fleiß, Aufmerksamkeit, gutes und frommes Betragen „nach dem Beispiele des Jesusknaben“, damit man später sagen könne: „Sie nehmen zu an Weisheit und Gnade wie an Alter.“

Organisierten Unterricht gab es in Hirrlingen freilich auch schon früher. Bereits im 15. Jahrhundert, so hat Hans Hecht aus den örtlichen Archiven ermittelt, sei in den Akten von einem „Schulmartin“, später von einem „Schulhansen“ die Rede.

Auch Jakob Beyter, dessen Grabstein vor der Kirche steht, war wohl Lehrer und Mesner. Beide Ämter waren damals miteinander verbunden, was aus Akten von 1592 über die „Erneuerung der Schul- und Mößnerstelle“ hervorgeht. Spätestens seit 1682 gehörte zur Schulmeister- und Mesnerstelle auch noch die des Organisten. Erst 1901 seien die Berufe voneinander getrennt worden.

Der Unterricht fand, laut Hecht, zunächst „in der engen Stube des Mesnerhauses statt (heute Wilhelmstraße 1) und zwar bis zum Jahr 1803.“ Bezahlt wurde der Mesner für seine Dienste hauptsächlich in Naturalien. 1784 erließ die österreichische Regierung eine Verordnung, die den regelmäßigen Schulbesuch für die Kinder vorschrieb.

Davor, so der heutige Schulleiter Erhard Diener, sei der Schulbesuch Sache der Eltern gewesen. „Wenn die Kartoffeln raus mussten, sind die Kinder halt nicht in die Schule.“ Trotzdem konnten laut Diener um 1750 schon 95 Prozent der Kinder schreiben und lesen. Von 1803 an wurde dann im alten Rathaus am Marktplatz unterrichtet. 1836 zog die Schule ins ehemalige Dominikanerinnenkloster, wo sie bis zum Umzug in den Neubau 1904 blieb.

Während der Inflationszeit, so hat Hecht aus den Schularchiven zusammen getragen, investierte die Schule 1923 besonders hohe Beträge in die „schulische Zucht“. Damals wurden fünf Meerrohre zu je vier Millionen Mark gekauft.

Im Zweiten Weltkrieg war der Schulbetrieb oft nur noch eingeschränkt möglich. Ab 1939 durfte in der Schule kein Religionsunterricht mehr gegeben werden. 1942 kam die „Wehrgeistige Erziehung“ hinzu.

Nach dem Krieg fehlte es an Brennholz. Bis in die 1950er Jahre musste der Unterricht öfter mal ausfallen oder verkürzt werden, weil nicht genug Heizmaterial da war. Und weil fast zwei Drittel der Kinder Untergewicht hatten, wurde eine Schulspeisung eingerichtet.

1957 musste erstmals angebaut werden. Mit der Erweiterung entstand auch das erste Lehrschwimmbecken im Kreis Tübingen. Nach kleineren An- und Umbauten wurde 1993 ein großer Neubau für 4,3 Millionen Mark in Angriff genommen und 1997 fertig gestellt. „Wir brauchten einfach Platz“, sagte Diener. Die Maschinen aus dem Werkraum hätten damals zum Teil auf dem Flur gestanden, nur mit einer Holzwand abgetrennt.

301 Kinder und Jugendliche besuchen momentan die Grund-, Haupt- und Werkrealschule. Für die Zukunft sieht Diener keine Probleme. Trotz eines kleinen Rückgangs im Jahr 2008 werde mittelfristig „der Schülerbestand in etwa so bleiben“.

Schulhaus wird hundert Jahre alt
1906 entstand dieses Foto vor dem damals erst zwei Jahre alten Hirrlinger Schulhaus in der Bietenhauser Straße. Abgebildet sind die Mädchen der Mittelklasse mit ihren kleineren Schwestern, flankiert von Schulvorstand Oberlehrer Rieger und Lehrer Rißler.

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30.06.2004, 12:00 Uhr

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