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Vom Benehmen nach dem Abpfiff

„Schumakär, Assasin!“

"Finale, ohohoho, Finale!“ Nach dem grandiosen 7:1-Halbfinalsieg über Gastgeber Brasilien gab’s echt was zu feiern. Doch einige schwarz-rot-gold-Gewandete verloren mal wieder die Bodenhaftung. „Scheiß Franzacken“ skandierten die Einpeitscher im nationalen Rausch nach dem schlappen Viertelfinale gegen Frankreich auf der Tübinger Eberhardsbrücke.

12.07.2014

Das Fußvolk tanzte um eine Deutschlandfahne mit Bundesadler und altdeutscher Schrift. Zuvor schon hieß es Hand aufs Herz und Mitgrölen bei der Hymne, danach ertönten schrille „Sieg, Sieg, Sieg“-Rufe. Auf dem Land haben einige wieder rechtzeitig die Reichkriegsflagge gehisst. Und nach der Lektion gegen die bemitleidenswerten, an der nationalen Verantwortung zerbrechenden Gastgeber im Halbfinale tönte es hämisch aus dem deutschen Block: „Ihr seid nur ein Karnevalsverein!“ Kreativ zwar, aber auch ganz schön bösartig. Liebe Freunde des runden Leders, sorry des Brazucas: Kommt bittschön wieder runter – übt Euch in Demut, so wie es der Bundes-Jogi nach dem grandiosen Halbfinalsieg gefordert hat.

Die beste Therapie gegen nationalistische Blindflüge? Die Umkehrung der Verhältnisse suchen, einen längeren Auslandsaufenthalt planen – möglichst in einem Jahr, in dem sich die besten Fußball-Nationen um die WM-Krone streiten. Ich bin jedenfalls geheilt vom Auslandsstudium im schönen südfranzösischen Toulouse nach Tübingen zurückgekehrt. Die Spiele der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien verfolgte ich in den „Sport-Bars“ meines Wohnviertels oder am zentralen Place de Saint Sernin. Puplic Viewing? Gab’s damals nur in der intimen Variante. Knapp hundert Bar-Gäste drängten sich üblicherweise um einen Röhrenfernseher, mit einem Bildschirm-Durchmesser von bestenfalls 100 Zentimeter. An allen Tischen und Theken wildes Gestikulieren und laute Debatten über den Lauf der Welt, große Emotionen, weil Stade Toulousain in der nationalen Rugby-Meisterschaft das Achtelfinale verpasst hatte. Fußball lief nebenher, Massenhysterie ausgeschlossen.

Die WM-Live-Übertragung riss in Toulouse keinen vom Bar-Hocker – bis zum Halbfinale am 8. Juli: Da sprang der deutsche Torhüter Toni Schumacher mit der Hüfte voraus Patrick Battiston ins Gesicht, mit einem gebrochenen Halswirbel, einer Gehirnerschütterung und zwei Zähnen weniger musste der gerade eingewechselte Spieler vom Platz. Und spätestens nach der dritten Zeitlupe und dem ergreifenden Bild, wie Kapitän Michel Platini den Mitspieler händehaltend vom Platz begleitete, war das Interesse erwacht und die Atmosphäre in der Sport-Bar in Toulouse-Blagnac geladen. Noch größer der Frust, als Schumacher und die Deutschen den 1:3-Rückstand gegen die Franzosen aufholten und nach einem 5:4 im Elfmeter-Schießen doch noch ins Finale einzogen. Da tat Tarnung Not: Wir, das heißt ich und meine deutschen Begleiter, bemühten uns an diesem Abend um unser bestes Französisch. Doch irgendwann gingen wir nicht mehr als Belgier oder Welsch-Schweizer durch, waren wir als Deutsche enttarnt. Was letztlich kein Problem war, passiert ist uns nichts.

„Schumakär Assassin, hein!“ Immer wieder bekam ich am selben Abend, aber auch später von den Nachbarn oder beim Einkauf diese bittere Klage zu hören. Der deutsche Torhüter als Attentäter, der zu allem Übel nach dem Spiel dem armen Battiston noch wenig taktvoll angeboten hatte, seine Jacketkronen zu bezahlen. Das Image der Deutschen hatte schon in der Vorrunde schwer gelitten, als die zum Nachteil der Algerier mit den Österreichern einen Nichtangriffspakt geschlossen hatten, was als die „Schande von Gijon“ in die Geschichte einging. Das hatte uns Tage zuvor schon Vorhaltungen der maghrebinischen Freunde eingebracht. Doch in diesem wie in den anderen Fällen landeten die Argumente nie unter der Gürtellinie. Spätestens auf das zweite Glas Rotwein folgte verlässlich die Verbrüderung.

Beim Finale gegen Italien drei Tage später sahen wir uns einer noch kompakteren Fraktion gegenüber. Denn Freunde aus Italien waren zu Besuch, folgten uns in die Sport-Bar vor den Fernseher. An jenem 11. Juli 1982 hatten die Deutschen eigentlich schon vor dem Anpfiff verloren. Schwer und staatstragend die deutsche Hymne, leicht und beschwingt die italienische, in die auch die Franzosen einstimmten. „Qu’ils sont moches les boches – igitt, sind die Deutschen hässlich“, kommentierten die weiblichen Zuschauer die Kamerafahrt über die Gesichter der deutschen Spieler, der Förster-Brüder, der Briegels oder Stielikes. Anerkennende Ohs und Ahs dagegen beim Anblick der Rastellis namens Conti, Rossi oder Altobelli. Beim Stand von 2:0 für Italien fiel im Viertel der Strom aus: ein schwarzer Bildschirm. Keine große Aufregung, die überwältigende französische Mehrheit hatte genug gesehen – Hauptsache Deutschland mit dem Attentäter Schuhmacher im Tor hatte den Titel nicht geholt. Bernhard Schmidt

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12.07.2014, 12:00 Uhr

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