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Oma Josefine wars, oder?

Schwabenkrimi "Mord im Heiligenwald" läuft am Freitag in Rottenburg

Gedruckt sind die Schwabenkrimis kaum mehr zu zählen – jetzt erobern sie auch die Kinoleinwand. „Mord im Heiligenwald“ heißt der von halbprofessionellen Filmenthusiasten auf der Ostalb gedrehte Streifen, in dem der Mord an einem Familientyrannen ein Bauerndorf in Aufruhr stürzt. In den ersten Wochen seit Kinostart hat das in den fünfziger Jahren angesiedelte Thrillerle in seiner engeren Heimat bereits mehr als 10000 Zuschauer angelockt; am Freitag (8. Januar) um 19.15 Uhr wird es auch im Rottenburger Waldhorn-Kino gezeigt.

05.01.2015
  • BRIGITTE SCHEIFFELE

Mehr als ein Jahr lang hat die Entstehung der ersten Ostalb-Krimikomödie die Bewohner der 1900-Seelen-Gemeinde Tannhausen beschäftigt. Die Ortschaft liegt kurz vor der bayerischen Grenze am äußersten Zipfel der Ostalb, am Rand des Heiligenwaldes. Jetzt - endlich - liegt ein Toter mitten im Heiligenwald. Auf der Leinwand. Der Film ist fertig, die Tannhäuser sind neugierig und sitzen im Kino.

Zwei Dorfpolizisten finden die Leiche vom Reichle Karl, die Ermittlungen laufen an, aber unerbeten kommt Verstärkung aus der großen Kreisstadt Ellwangen: Zwei arrogante Kommissare, die mal ordentlich Landluft schmecken sollen und keine Ahnung vom Dorfleben haben, reißen das Ermittlungsruder an sich. Auch die Familie des Toten wird überprüft, und zur Überraschung aller legt die Großmutter ein Geständnis ab: "Mein Schwiegersohn war der Teufel persönlich", erklärt sie; sie selbst habe den tyrannischen Familienvater ermordet. Doch eigentlich kann sie nicht mehr geradeaus laufen.

Das Publikum ist begeistert, denn Oma Josefine ist eine Laienschauspielerin aus Tannhausen. Stolze 83 Jahre alt, schwätzt in breitestem Schwäbisch - und bewegt sich, als existiere gar keine Kamera. Absolut authentisch wirkt sie auf der Leinwand, so, wie sie jeder kennt. Sogar eine 93-jährige Dorfbewohnerin hat Birgit Kohl zu einer Statistenrolle bewegen können: "Sie lebt in dem Haus, in dessen Wohnküche wir gedreht haben", erzählt die Regisseurin, die im Film auch noch die Rolle des "Fräuleins vom Amt" übernommen hat.

Die Krimikomödie spielt in den 50er Jahren, und natürlich ziehen die Dorfpolizisten mit schwäbischem Schalk die Lacher auf ihre Seite. Jawohl, die Tannhäuser pinkeln den eingebildeten Städtern ans Bein, und überhaupt stinkt der Ellwanger Hauptkommissar ordentlich nach "Altweiberbrunze". Deftig - wie im Laienspiel vieler Dorftheaterbühnen.

In seiner Uniform als Dorfpolizist erscheint Schorsch Schlichterle vielen Zuschauern recht ungewohnt, im richtigen Leben erhalten sie nämlich von ihm die Post: Hermann Nagler ist Postbote und besetzte in diesem Film eine relevante Doppelrolle. Zum einen sichtbar und charakteristisch auf der Leinwand, zum anderen verhalf er der Drehbuchautorin Birgit Kohl zu einem großen Glücksgriff: Er kennt die meisten Leute in seinem Zustellbezirk - und übermittelte dem Vater von Filmemacher Tim Spreng Birgit Kohls Drehbuch.

Tatsächlich findet der Filmemacher bald Gefallen daran und entschließt sich zu einem gemeinsamen Filmprojekt. Von diesem Moment an zählt er mit einem weiteren Kameramann und zwei Tontechnikern zu den einzigen Profis des Teams, und die außergewöhnliche Entstehungsgeschichte nimmt ihren Lauf: Viele Leute engagieren sich ehrenamtlich, die Finanzierung wird über ein Spendenbudget gestemmt. Begeisterte Amateurschauspieler und Sänger aus Birgit Kohls heimischer Theaterbühne übernehmen Rollen. Von überall her kommt Unterstützung: für die Kulissen, die Kostüme, die Requisiten und für die Dreharbeiten. Viele Menschen aus dem Ort helfen, kochen und backen sogar während der Dreharbeiten.

Von Beruf ist Kohl Realschullehrerin, sie unterrichtet Religion und Kunst. Nach ihrem Studium in Freiburg folgte sie ihrem Mann Hansjörg auf die Ostalb, baute mit ihm 16 Jahre lang einen alten Bauernhof um und zog vier Jungs groß. Die musikalisch wie künstlerisch begabte Familie schaffte sich zudem im eigenen Haus eine Plattform für Kleinkunst: Konzerte, Ausstellungen, Theater, Kabarett, Puppenspiele, Kurzfilme, Weinproben mit Weinliedern, Lesungen fanden in ihrem "kunsTraum" statt. Und weil Hansjörg Kohl aus einer Gastronomiefamilie stammt, schwang er dazu den Kochlöffel und bekochte seine Gäste. Kochen, Wirtshäuser und die damit verbundenen Geschichten rund um den Stammtisch hatten ihn immer beschäftigt. Er wollte sie in irgendeiner Weise festhalten. Bevor er 2010 starb, ermutigte er seine Frau aber noch zu ihrem Drehbuch, das sie ihm, ebenso wie ihren Film, widmete.

Zuspruch und Unterstützung für den Film fand Birgit Kohl in ihrem Heimatdorf und in ihrem Freundeskreis. Tannhausen wurde zur Filmkulisse - und mit den Dreharbeiten begaben sich eine ganze Reihe von Menschen auf Spurensuche nach dem Dorfleben der 50er Jahre.

Auch Erinnerungen an historische Persönlichkeiten und Originale des Dorfes hat die Regisseurin in ihren Film eingewoben. Alles sei an Originalschauplätzen gedreht worden. Für Szenen in der alten Schule oder im Dorfladen habe man das Museum genutzt. Kinder wurden sauber herausgeputzt und frisiert, übten fleißig und brav das "Guten Morgen, Herr Lehrer".

Die Laiendarsteller, die Birgit Kohl bis dahin kannte, genügten nicht, um alle Rollen zu besetzen. So suchte sie in Tannhausen nach geeigneten Akteuren - und fand sie. Man erlebe nur einmal Oma Josefine, ausgestattet mit einem Identifikationspotenzial sondergleichen. Die meisten der Darsteller leisten einen wirklich erfolgreichen Beitrag. Gleichklang und hohe Spielfreude im Team sind für den Betrachter auf jeden Fall spürbar und überzeugend.

Doch es galt auch Kostüme und Requisiten zusammenzutragen, um die Reise in die Vergangenheit zu vervollkommnen. Was sich aus alldem entwickelte, ist nun mehr als eine Krimikomödie. Es ist eine dokumentierte Erinnerung und ein Stück Kulturarbeit, die Menschen aus einem Ort gemeinsam auf die Leinwand brachten. Dass sich hierbei der ein oder andere Regiefehler eingeschlichen hat, birgt sogar einen gewissen Reiz und unterstreicht die gewagte wie hervorragende Idee, einen solchen Film mit Laienschauspielern und Akteuren aus einem Dorf zu besetzen.

Tim Spreng gebührt in diesem langsamen Film, der den Zuschauer zunächst einmal von der Erwartungshaltung her entschleunigen muss, besondere Anerkennung. Gerade die Langsamkeit, die Detailtreue, die stillen Großaufnahmen, das Einholen von Bildern einer zauberhaften Landschaft, finden beim Publikum großen Anklang.

Schwabenkrimi "Mord im Heiligenwald" läuft am Freitag in Rottenburg
Logisch, dass die arroganten Kommissare aus der Stadt (rechts) alles besser wissen - meinen sie zumindest. Foto: Kunst & Kultur GbR

Schwabenkrimi "Mord im Heiligenwald" läuft am Freitag in Rottenburg
Birgit Kohl und Tim Spreng bei der Premiere von "Mord im Heiligenwald" in Ellwangen. Foto: Brigitte Scheiffele

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05.01.2015, 12:00 Uhr

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