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Schwäbische Puten
für den Weltmarkt
Sabine und Thomas Palm halten in Heiligenbronn rund 14 000 Puten. Bei der Vermarktung müssen sie sich auch der Konkurrenz aus Thailand und Brasilien stellen. Foto: Simone Dürmuth
Landwirtschaft

Schwäbische Puten für den Weltmarkt

Nach deutschen Vorschriften produzieren und mit importierter Ware konkurrieren – das ist kaum zu schaffen, meinen die Geflügelzüchter.

17.11.2016
  • SIMONE DÜRMUTH

Heiligenbronn. Wenn man an den Ställen vorbeiläuft, hört man sie schon flattern und gackern: Insgesamt knapp 14 000 Puten leben auf dem Hof von Thomas Palm in Heiligenbronn, einem Weiler der zur Stadt Schrozberg (Landkreis Schwäbisch Hall). Der 50-Jährige ist Landwirt mit Leib und Seele. Doch er fühlt sich zerrissen zwischen dem europäischen Markt, für den er produziert, und den deutschen Vorschriften zur Tierhaltung.

„Es sind nur Centbeträge, die ein Bauer an einem Kilo Putenfleisch verdient“, erklärt Klaus-Peter Linn, Geschäftsführer des Geflügelwirtschaftsverbands Baden-Württemberg. Dies sei ein Grund, warum die Ställe der Putenhalter immer größer würden. Sie versuchen, die Fixkosten auf möglich viele Tiere zu verteilen, um am Ende noch ihr Auskommen zu haben. „100 Puten zu halten lohnt sich nur noch, wenn man in die Direktvermarktung geht“, so Linn.

2000 Puten werden verladen

Am Abend kommen zwei Lastwagen auf dem Hof von Thomas Palm, um insgesamt fast 2000 Tiere zu verladen und zum Schlachter zu bringen. Ein heikler Augenblick: Die Tiere werden im Stall in Richtung LKW getrieben, und dann einzeln von Hand verladen. „Da braucht man geschickte Leute, auf die man sich verlassen kann“, so Palm. Denn jedes Tier, das verletzt im Schlachthof ankommt, bedeutet für ihn finanzielle Einbußen. Und nach 20 Monaten, in denen er mehrmals am Tag bei den Puten im Stall war, seien ihm diese ans Herz gewachsen.

Der Wettbewerb unter den Putenzüchtern findet aber nicht in Heiligenbronn statt, wo unter 100 Einwohnern 5 Vollerwerbslandwirte für ihr Auskommen sorgen wollen. Sondern auf dem europäischen oder gar auf dem Weltmarkt. „Wir befinden uns aktuell in einem Preistief, weil Polen, Ungarn und Italien ihre Putenproduktion ausgeweitet haben“, erklärt Palm. Doch die größten Importe kommen aus Brasilien und Thailand, so Linn vom Geflügelwirtschaftsverband. Mit diesen Produzenten müssen die deutschen Landwirte konkurrieren. Der Selbstversorgungsgrad liegt in Deutschland bei Putenfleisch bei etwa 80 Prozent, im vergangenen Jahr wurden darum laut Daten des Statistischen Landesamts mehr als 2,8 Mio. Tonnen Putenfleisch aus der ganzen Welt nach Baden-Württemberg importiert.

Die Landwirte stören sich aber nicht an den Importen an sich, sondern vor allem daran, dass in ihren Augen in Europa keine Wettbewerbsgleichheit herrscht. „Die Vorschriften in Deutschland verteuern die Produktion“, so Linn. Dadurch würde das Putenfleisch teurer und somit uninteressant für Großhändler und Discounter.

Mehr als die Hälfte des Fleisches, das in Deutschland auf die Teller kommt, sei verarbeitet, so Linn. „Und in dem Moment muss die Herkunft nicht mehr gekennzeichnet werden.“ Einigen Verbrauchern sei zwar wichtig, woher ihr Fleisch komme und dass die Tiere gut gehalten werden. „Aber wo das Putenfilet im Salat herkommt, darüber denken viele nicht nach und es gibt auch keine Möglichkeit zur Deklaration“, hat Putenzüchter Palm festgestellt. Linn kritisiert, dass Produkte regelrecht „germanisiert“ würden: Durch die Verarbeitung im Inland kann Deutschland als Herkunftsland für das Produkt angegeben werden.

Kranke Tiere gehören dazu

20 Wochen lang leben die Tiere auf dem Hof von Thomas Palm. Sie kommen als kleine Küken zu ihm und werden mit gut 20 Kilo geschlachtet. Dass während der Mast Tiere sterben, gehöre dazu, so Landwirt Palm. Tiere, die erkranken, werden von der Gruppe separiert. Medikamente geben, das müsse schon auch mal sein, sagt Thomas Palm: „Kranke Tiere müssen behandelt werden.“ Medikamentenmissbrauch, glaubt er, verhindert der Markt. Denn Medikamente sind teuer und bei 1,25 EUR, die Palm für ein Kilo Pute (Lebendgewicht) bekommt, seien gar keine großen Sprünge möglich.

Der Hof von Thomas Palm existiert bereits seit 1864, er betreibt ihn in der fünften Generation. Bei seiner Gründung sei der Hof ein klassischer Mischbetrieb gewesen und auch in den späten 70er Jahren hielten die Palms noch 20 Milchkühe, 30 Schweine und ein paar Hühner. „Davon konnte man gut leben“, so Palm. Inzwischen hält er 14 000 Puten, ein weiterer Stall ist in Planung. „Ich will, dass der Hof zukunftsfähig ist“, erklärt Palm. Auch sein Sohn, der den Hof übernehmen will, soll auf dem Weltmarkt bestehen können.

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17.11.2016, 06:00 Uhr

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