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Grachmusikoff

Schwäbische Urgewalt

Am Ende liegen sich Menschen in den Armen, die sich lange Zeit nicht mehr gesehen hatten. „Was machschn du so?“ und „Wie gehd’sn deiner Frau“, fragen sie sich dialektlastig im Zentrum Zoo. Hier trifft sich, jedes Jahr an vier Terminen nach Weihnachten, eine eingeschworene Fangemeinde.

29.12.2004

TÜBINGEN (tio). Und keine Frage, wer zum Grachmusikoff-Weihnachtsspektakel kommt, spricht schwäbisch. Denn, wie es Yvonne Göller, eine Besucherin, nach dem Konzert ausdrückte: „Ich denke, Nicht-Schwaben haben nicht wirklich viel verstanden.“

Und das nicht nur wegen des Dialekts, sondern auch wegen der Inhalte, die die Lieder von Grachmusikoff transportieren: Da wird Heimat in all ihren schönen wie hässlichen Farben thematisiert und dabei Volkstümlichkeits-Seligkeit, dörfliche Spießigkeit und Kleinkariertheit auf die Schippe genommen: Im „Heimatlied“ geht‘s gegen das „Schussadal“, wo die Grachmusikoff-Frontbrüder Alexander und Georg Köberlein herkommen.

„Dr Schnorrer“ thematisiert die Punkerwelle in den Achtzigern in Tübingen („Damals war’s eine romantische Bewegung, heute ist’s ein soziales Problem“, sagt Alexander Köberlein, der das Lied dem vor fünf Jahre verstorbenen André Schnisa widmete). „St. Magnus“ wettert gegen Frömmelei und „Schwaaz Vere“ ist ein Räuber-Historien-Stück. Alles im zynisch-lustig-satirischen Ton gehalten, vieles politisch, allerdings ohne Parteien.

Die Besucher lassen sich in die Vergangenheit zurückfallen, die Band tut es, und alle haben ihren Spaß dabei. Auch weil die Köberleins als Zeitreise-Touristenanimateure eine herrliche Figur abgeben. Die gipfelt in einer Orgie der Selbstironie, wenn die beiden Frontmänner oben-ohne-bierbauchschwenkend ACDCs „Highway to Hell“ als Vorpausenkracher intonieren. „Geh aus dir raus, gib das letzte“, sagt Georg zu seinem Schulranzen tragenden Zwillingsbruder Alexander. „Headbange, du Seggl!“, herrscht er ihn an. Und Alex schwenkt sein verbliebenes Resthaar zur Gaudi der etwa 280 Zuschauer.

Allerdings brauchen Grachmusikoff nicht auf Songs fremder Gruppen zurückgreifen, sie haben selber genug Klassiker und außerdem eine extrem breite musikalische Palette. Der bekannte „Rastaman“ ist natürlich ein Reggae, der „Drecklacha-Blues“ zum Schluss des Konzertes sowieso Tradition, an Rock‘n‘Roll fehlte es natürlich nicht, gekonnte Volksmusik-Parodien waren dabei, Epen und mit „Paule Popstar“ ein gelungenes 70er-Jahre-Rockstück – ein bunter Streifzug durch die Taiga der fünf Grachmusikoff-Oligarchen, die – anders als die russischen Wälder – recht artenreich ist und dazu dieses Jahr viel frischer als zuvor klingt.

Auch die Stammgäste sind begeistert. Wie Harry Heiß, der schon auf etwa 35 Konzerten war, allein zwölf Mal an Weihnachten. Er hat alle Grachmusikoff-CDs. „Gut wared se!“, sagt Klaus Schmid. Auf die Frage, sein wievieltes Konzert dies sei, sagt er: „Das zweite!“ Und meint damit – wie könnte man auch etwas anderes meinen: in diesem Jahr.

Vor über 30 Jahren brachte Schwoißfuaß "Oinr isch emmr dr Arsch" heraus

Vor über 30 Jahren brachte Schwoißfuaß "Oinr isch emmr dr Arsch" heraus --

09:06 min

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29.12.2004, 12:00 Uhr

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