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Schwarzer-Peter-Spiel um Schuld für Giftgasangriff
Syrien-Konflikt

Schwarzer-Peter-Spiel um Schuld für Giftgasangriff

Das Assad-Regime weist alle Verantwortung für die Attacke von sich, der Westen macht Damaskus für die mindestens 86 Toten verantwortlich. Donald Trump sieht Linien überschritten.

06.04.2017
  • MARTIN GEHLEN

Damaskus. Einen Tag nach dem schwersten Giftgasangriff in Syrien seit 2013 ist ein heftiger internationaler Streit entbrannt, wer für das Massaker in Chan Scheichun verantwortlich ist. Das Regime von Baschar al-Assad streitet „kategorisch“ ab, mit dem Tod der bisher 86 Menschen etwas zu tun zu haben. Man habe nie „irgendwo oder irgendwann“ Chemiewaffen eingesetzt und werde das auch künftig nicht tun, hieß es aus Damaskus.

Das russische Verteidigungsministerium behauptete, bei dem syrischen Luftangriff sei eine Bombenfabrik der Rebellen mit „toxischen Substanzen“ getroffen worden. Dadurch sei das Gas freigesetzt worden.

Dagegen bezichtigten die USA, Großbritannien und Frankreich die Assad-Luftwaffe der Tat. Dessen Jets hätten am Dienstag die Stadt bombardiert. US-Präsident Donald Trump deutete einen möglichen Alleingang als Gegenreaktion an. „Für mich sind damit eine ganze Reihe von Linien überschritten worden“, sagte er in Washington. Seine UN-Botschafterin Nikki Haley sagte fast zeitgleich im Sicherheitsrat, Staaten seien beim Scheitern der Weltgemeinschaft manchmal „zu eigenen Maßnahmen gezwungen“.

Alle Informationen deuteten bislang auf eine Täterschaft von Damaskus, erklärte auch der britische Außenminister Boris Johnson am Rande der zweitägigen Geberkonferenz für Syrien in Brüssel. Sein deutscher Amtskollege Sigmar Gabriel forderte, die Regierung in Damaskus müsse für diese Barbarei zur Verantwortung gezogen werden. „Es darf keine Kumpanei mit dem Assad-Regime geben – auch nicht im Kampf gegen die Terroristen des sogenannten ,Islamischen Staates'“, so Gabriel.

Noch am Mittwoch trat der UN-Sicherheitsrat in New York zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Ein von den drei westlichen Vetomächten USA, Großbritannien und Frankreich eingebrachter Resolutionsentwurf forderte eine umfassende Aufklärung des Massakers. Zudem brauche es einen Zugang zu den Fliegerhorsten und Einsatzplänen der syrischen Luftwaffe. Zu einer Abstimmung der Resolution kam es aber nicht – auch wegen des Widerstands von China und Russland. In der Debatte machten sich die Botschafter gegenseitig Vorwürfe, auf die Lage in Syrien keine passende Antwort zu finden.

Über das eingesetzte Gas gibt es bislang keine sicheren Informationen. Augenzeugen berichteten von einem fauligen Geruch und einer gelblichen, pilzförmigen Rauchwolke nach dem Einschlag der Rakete. Ärzte erklärten, die Symptome bei den Opfern seien wesentlich gravierender als bei Chlorgasangriffen. Viele hatten Schaum vor dem Mund oder bluteten aus Nase und Mund. Überlebende mussten sich übergeben und zeigten stark verengte Pupillen. Helfer ohne Gasmasken brachen bei ihrem Einsatz zusammen.

„Die Symptome deuten nicht auf Chlorgas hin, aber wir können auch nicht sicher sagen, dass es Sarin war“, erklärte einer der Ärzte gegenüber der Website „Syrian direct“. Dazu bräuchte man ein Labor und moderne Technik. Die Weltgesundheitsorganisation diagnostizierte als wahrscheinliche Ursache phosphororganische Verbindungen. Aus ihnen bestehen die Kampfstoffe Tabun, Sarin, Soman und Cyclosarin. Sie wirken auf das Zentrale Nervensystem und lähmen bei höherer Dosis die Muskulatur. Die Betroffenen ersticken, weil ihr Atmung nicht mehr funktioniert.

Die Rebellen in Idlib kündigten derweil Rache und neue Kämpfe an allen Fronten an. Der von Russland, der Türkei und Iran im Januar in der kasachischen Hauptstadt Astana ausgerufene Waffenstillstand war zuvor bereits immer brüchiger geworden. Die Rebellenprovinz Idlib wird ständig von syrischen und russischen, aber auch amerikanischen Kampfjets angegriffen. Zudem toben nördlich der Stadt Hama schwere Kämpfe, vor denen sich tausende Menschen nach Chan Scheichun geflüchtet hatten. Martin Gehlen

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06.04.2017, 06:00 Uhr

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