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Unternehmen

Schwarzkunst im Kollektiv

1978 machten sich vier Reutlinger Pädagogen als Drucker selbstständig. Heute setzt die Graffiti Siebdruck GmbH im Industriegebiet Mahden auf hochwertige Sonderanfertigungen, auf Wunsch sogar mit Lizenz zum Gelddrucken. Jede Farbe, jedes Produkt erzählt eine eigene Geschichte.

25.07.2014
  • TEXT: Matthias Reichert | FOTOs: Horst Haas

Angefangen hat alles im Kollektiv. Vier Pädagogen von der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen und der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen gründeten 1978 einen selbstverwalteten Siebdruck-Betrieb. „Die gleichen Wurzeln hatte zum Beispiel das Theater Lindenhof“, erzählt Gerhard Ruß, der einzige verbliebene Gesellschafter der ersten Stunde.

Es war eine politische Zeit. Durch Zufall hatten sie eine kleine Siebdruck-Anlage geschenkt bekommen. Der erste Aufkleber, den das junge Kollektiv druckte, richtete sich gegen die Jugendpolizei, die damals in Reutlingen eingerichtet werden sollte. Konzepte wie die ästhetische Erziehung bestimmten ihre Debatten. Zuerst saß Graffiti in Eningen, in einem Abbruch-Häusle von der Gemeinde. Weitere Stationen waren Sickenhausen und Ohmenhausen. 1982 gründeten sie eine GmbH. „Wir mussten nach dem Studium die Frage beantworten, wovon wir leben wollten“, erzählt Ruß. Nebenbei gaben die Pädagogen VHS-Kurse, Russ hatte noch einen Lehrauftrag an der evangelischen Fachhochschule. Denn: „Mit dem Betrieb war noch nichts zu verdienen.“

Doch dann kamen größere Aufträge. Für die Schwabenrocker von Schwoißfuaß druckten sie Plakate. Und übernahmen für den späteren Comicstar Brösel das Merchandising der Werner-Figur, stellten Aufkleber und T-Shirts her. Kennengelernt hatten sie Brösel auf der Gegenbuchmesse in Frankfurt. „Uns war langweilig. Wir wollten Kunstdrucke verkaufen und er Comics.“ Dann wurde Brösel bekannt und einer der größten Auftraggeber.

„Im Siebdruck kann man mit geringen Mitteln ansehnliche Ergebnisse erzielen“, sagt Ruß. Anfangs machte jeder der vier Gesellschafter alles im Betrieb. Doch dann wurde die Technologie komplexer, Spezialisierung war nötig. Namhafte Werbeagenturen entdeckten Graffiti. Der Betrieb druckte für den Jeanshersteller Mustang Weihnachtskarten und Aufkleber – bis heute ein wichtiger Kunde.

Die Qualität sprach sich herum. „Das zog immer größere Kreise. Irgendwann konnte man schlecht davon leben, dann besser, dann gut“, sagt Ruß. „Heute sind wir gut aufgestellt.“ Das im Jahr 2000 bezogene Firmengebäude im Reutlinger und Kirchentellinsfurter Industriegebiet Mahden und die teuren Maschinen sind abbezahlt. Graffiti hat 18 Mitarbeiter, darunter einen Auszubildenden, und machte zuletzt rund 2,1 Millionen Euro Jahresumsatz. Bei Auftrags-Spitzen beschäftigen sie zusätzlich Aushilfen. Die vier Gesellschafter/innen sind allesamt zumindest 25 Jahre dabei.

Im Gegensatz zu anderen Betrieben hat Graffiti sich nicht auf Verpackung, Aufkleber oder Großformate spezialisiert. „Wir wollen das vielseitige Siebdruck-Verfahren in allen Schattierungen entwickeln“, unterstreicht Ruß. Mit dem reinen Druck ist es in der Regel nicht getan. Graffiti entwickelt Gesamtkonzeptionen, arbeitet eng mit anderen Branchen zusammen, auch mit Designern und Buchbindern. Holz, Metall, Glas oder Kunststoffe werden verarbeitet. Für Lacoste brachten sie das Werbekrokodil in einem bedruckten Holzspielzeug in Bewegung – wenn es fährt, klappt das Maul auf. Für die Schnur zum Ziehen kauften sie einem Metzgerei-Ausstatter sämtliche Vorräte an Rollbraten-Schnur ab. „Wir machen zehntausend verschiedene Sachen“, sagt der Gesellschafter. In hoher Fertigungstiefe, möglichst viel wird selbst hergestellt.

Und zwar im Digital- und Siebdruck, für große und kleine Formate. Nicht nur auf Papier. Im Sublimationsverfahren wird erst auf Papier gedruckt, dann das Muster mit Hitze auf Stoff übertragen. Bei 195 Grad verdampft die Farbe. In der Werkstatt steht auch ein Großformatbelichter für Filme – „solange es das noch gibt, machen wir das weiter.“

Es riecht nach Farbe, trotz einer leistungsstarken Entlüftungsanlage. Gerade drucken sie eine aufwändige Serie mit 450 Kunstdrucken mit Werken von James Rizzi – in dem von Graffiti entwickelten „Serichroma Stufendruck Verfahren“. Bis zu 20 Farben werden dabei auf Büttenpapier kombiniert. Zwei Farbschichten werden am Tag gedruckt.

Eine andere Maschine spuckt Buchumschläge für ein Katalog-Projekt aus. Graffiti arbeitet dafür mit der Druckerei Grammlich in Pliezhausen und der Buchbinderei Lachenmaier in Reutlingen zusammen. Weiter produziert Graffiti Büchereiausweise für den Reutlinger Bibliothekenausstatter Ekz.

Für Mustang entwickelten sie eine Kiste für die Vertreter. Mit Holzfächern für die einzelnen Produktionsschritte, von der Baumwolle bis zum fertigen Stoff. Für Künstler Rizzi bedruckten sie vor einigen Jahren sogar Zehn-Euro-Scheine auf den Rückseiten mit Kunstwerken – mit der offiziellen Genehmigung der Bundesbank gelten die 400 Kunstdrucke als Zahlungsmittel.

Und für einen Katalog des Züricher Museums für Gestaltung wurden bei Graffiti im Jahr 2009 Umschlag und Buchschnitt umlaufend passgenau bedruckt. Dieser Katalog hat weltweit Buchpreise gewonnen.

Ob Kunstbücher, Banner für Autohäuser, Aufdrucke für Regalwände in Baumärkten bis nach Russland: Jede Farbe und jedes Produkt erzählt eigene Geschichten. Für ein Buch der Schweizer Farbmanufaktur kt.color über die Farbe Schwarz verarbeiteten die Reutlinger Drucker Farbe mit Pigmenten aus Knochenasche, die aus den Schlachthöfen von Detroit stammte. Der Planungsaufwand ist hoch, „im Billig-Workflow kann man das nicht herstellen.“

Bei Graffiti gehe es um ganzheitliche Produkte. Ruß: „Das erfordert die Fähigkeit zur Kommunikation. Die Probleme werden nicht von einem Kopf allein gelöst.“ Im Mahden gibt es flache Hierarchien. Alle Beschäftigten sind per du, mittags wird gemeinsam im Betrieb gegessen. Man spüre noch den kollektiven Geist der Anfangsjahre, sagt Ruß. Und: „Firmen, die sich behaupten wollen, müssen ein kreatives Potenzial abrufen.“

Schwarzkunst im Kollektiv
Oben sieht man den Siebdrucker Peter Scholz mit Rizzi-Drucken. Das mittlere Bild zeigt den Digitaldrucker Raimar Heldsdörfer bei der Arbeit, unten sitzt Ingo Grabenhorst gerade an der Druckvorstufe für den Siebdruck.

Schwarzkunst im Kollektiv

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25.07.2014, 12:00 Uhr

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