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Oldtimer

Schwarzwald-Ausfahrt mit Senioren

Die Rallye Histo-Monte 2019, eine Zuverlässigkeitsfahrt für klassische Autos, pausierte gestern Mittag auf dem Freudenstädter Marktplatz.

14.02.2019

Von Manuel Fuchs

Motorsport wird häufig mit einer störenden Geräuschkulisse verbunden. Gestern in Freudenstadt jedoch nicht: Einzeln chauffieren die Teilnehmer der Histo-Monte 2019 ihre Autos auf den Marktplatz. Souverän blubbert das Oldsmobile Delta 88 Royale, ein knapp 6 Meter langes Cabrio aus den frühen 70ern, an seinen zugewiesenen Platz. Leise säuselt der Heckflossen-Mercedes über das Pflaster, und brummelnd gesellen sich einige Porsche 911 dazu. Selbst Krawallschachteln wie ein englischer Riley Roadster von 1936 sowie wild dekorierte Lancia und Audi Quattro im Rallye-Trimm halten sich vornehm zurück.

Benzinkanister gluckern, es riecht nach hochoktanigem Kraftstoff, Bleiersatz-Additiven, Motoröl – und aus manchen spaltbreit geöffneten Autofenstern ein bisschen nach Männerumkleide. Auch klassischer Rallyesport ist schließlich Sport. Die Teams nutzen die Pause, um sich selbst und ihre Autos für die nächste Etappe fit zu machen: Die einen dehnen Körper, die anderen putzen Scheiben, prüfen Reifen sowie Betriebsflüssigkeiten und sortieren Streckenaufschriebe – wohl mit dem Ehrgeiz, nicht Letzter zu werden, und sicher ohne krampfhaften Blick auf den vordersten Platz.

Gelassen lehnen Jens Goepel und Uwe Siefkens an ihrem Volvo P130, Baujahr 1967, zugelassen im Landkreis Leer/Ostfriesland – und, Ehrensache, auf eigenen Reifen über 600 Kilometer zum Rallye-Start in Rothenburg ob der Tauber angereist. „Überall auf der Welt kennt man das Modell als ‚Amazon‘, erklärt Goepel. „Nur in Deutschland hielt die Firma Kreidler wegen ihrer ‚Amazone‘ den Daumen auf die Modellbezeichnung.“

Goepel hat den Volvo vor knapp 20 Jahren restauriert und mit zeitgenössischem Rallye-Zubehör wie mechanischen Wegstreckenzählern ausgestattet. Er und sein Co-Pilot Siefkens („Das Hirn sitzt rechts“) starten bei der Histo-Monte in der sogenannten Sanduhrklasse: Sie verwenden keinerlei elektronische Hilfsmittel, navigieren nach gedrucktem Roadbook, Streckenhinweisen und sogenannten Chinesenzeichen, also Durchfahrtskizzen von Kreuzungen und Einmündungen.

Navigieren und Rechnen

Wie schwierig das ist, zeigte sich etwa eine Stunde zuvor an der Strecke bei Bad Imnau: Anstatt sich Richtung Mühringen ins Tal einzufädeln, fuhren manche Teilnehmer mehrmals hin und her, bis sie den Weg gefunden hatten.

Als Teilnehmer der Sanduhrklasse dürfen Goebel und Siefkens nicht einmal einen Taschenrechner benutzen, um Aufgaben wie „Die nächsten Kontrollpunkte liegen 7,32 Kilometer voneinander entfernt. Fahren Sie dazwischen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 Kilometern pro Stunde“ in die erforderliche Zeit umzurechnen. (Excel behauptet, es sind 12 Minuten und 32,9 Sekunden.) Goepel hält in der einen Hand eine mechanische Stoppuhr, mit der anderen zeigt er auf seinen Kopf: „Passiert alles hier drin!“ Ob für Notfälle wohl ein Rechenschieber und eine Algorithmentafel im Handschuhfach liegen? 33 solcher Gleichmäßigkeitsprüfungen erwarten die Fahrer auf der 1860 Kilometer langen Strecke von Rothenburg nach Monaco, wo sie am Samstag, 16. Februar, ankommen wollen; Zwischenziele sind Freiburg, Aix-les-Bains und Cannes.

Auf dem Marktplatz herrscht aber nicht nur das geschäftige Treiben der Teams, sondern auch das staunende Schlendern des Publikums. Peter Göbel, Geschäftsführer des Rallye-Veranstalters „Plusrallye“, begrüßt über Lautsprecher jedes Fahrzeug und stellt es kurz vor. Sind die Pausen mal etwas länger, zieht er Anekdoten zu Rallyehistorie, Fahrern, Marken und Technik aus seinem Erfahrungsschatz.

Ein Vater mit drei Sprösslingen hat alle Hände voll zu tun, die Kleinste sicher auf dem Arm zu balancieren und gleichzeitig die beiden anderen nicht zwischen den bunt schimmernden Karosserien entwischen zu lassen. Und dann, Grundgütiger, hat er auch noch sein Handy zuhause vergessen und kann die zig Fotomotive, eines lohnender als das andere, nicht dauerhaft festhalten.

Um 14 Uhr sollten die ersten Teilnehmer auf die zweite Etappe des Tages über das Kinzigtal und den Kandel Richtung Freiburg aufbrechen. Aber die Realität hinkt dem Zeitplan etwas hinterher, auch um 14.30 Uhr sind noch immer nicht alle Teilnehmer in Freudenstadt eingetroffen. Von Hektik ist nichts zu spüren – man wird es schon irgendwie nach Freiburg schaffen. Und wenn es auf den Schwarzwaldhöhen etwas frischer wird, dann klappt die Oldsmobile-Mannschaft ihr Verdeck vielleicht doch mal zu.

Den Trabant 601 steuern Ralf und Markus Grünewald aus Thüringen.

Ikonen des Rallyesports gaben sich im Rahmen der Histo-Monte ein Stelldichein auf dem Freudenstädter Marktplatz. Bilder: Karl-Heinz Kuball

Jens Goepel und Uwe Siefkens nehmen mit einem 1967er-Volvo P130 an der Histo-Monte teil.

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Erstellt:
14. Februar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Februar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 01:00 Uhr

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