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Mit Würde in den Tod

Schwerkranke werden oft schlecht betreut, Suizid kann die Folge sein - Es gibt aber Lichtblicke

Ausgezehrt, verzweifelt, alleingelassen: Vielerorts fehlen Angebote für die Betreuung todkranker Menschen. Dabei geht es auch anders: Was die Palliativ-Medizin heute leisten kann, zeigt ein Beispiel aus Ulm.

07.11.2015
  • ANDREAS SPENGLER

In einer Schublade lag die letzte Hoffnung des Kranken. Als sein Pfleger Reinhard Danzer zu Besuch kam, zog der Patient die Schublade auf und zeigte sie ihm, die Pistole. Damit werde er sich umbringen, wenn Schmerzen und Angst unerträglich würden. Er litt unter einem unheilbaren Tumor. Immer wieder besuchte Danzer den Kranken und sprach mit ihm. Wenige Wochen später verstarb er - friedlich, zuhause und im Beisein seiner Familie. Ohne, dass er die Pistole angerührt hatte. Stunden vor seinem Tod hatte er zu Danzer gesagt: "Jetzt habe ich keine Angst mehr vor dem Sterben."

Danzer hört diesen Satz häufig, doch jedes Mal ist er eine Bestätigung für den Erfolg seiner Arbeit. Seit mehr als 20 Jahren leitet er den Palliativdienst "Brückenpflege" an der Uniklinik Ulm. Ein Sterben in Würde und ohne Schmerzen zu ermöglichen, ist sein Ziel. Sinnerfüllung statt Siechtum. Doch die persönliche Betreuung auf den letzten Metern ihres Lebensweges ist in Deutschland immer noch ein Privileg weniger Schwerkranker.

Ob kranke Menschen in der Klinik, einem Hospiz, im Pflegeheim oder in ihrem Zuhause sterben, hängt bisher nur selten vom Patientenwunsch ab. Häufig bestimmen darüber finanzielle Mittel oder das Platzangebot in den Einrichtungen. So ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung in dieser Woche, dass 75 Prozent der Menschen zuhause sterben wollen. In der Realität aber verbringt jeder Zweite der Senioren die letzten Tage seines Lebens im Krankenhaus. Die Palliativversorgung ist in vielen Teilen Deutschlands lückenhaft. In mehr als einem Viertel aller Landkreise fehlen Hospize, Palliativstationen oder Anbieter für eine spezialisierte, ambulante Palliativversorgung (SAPV). Vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen mangelt es daran.

Das soll sich ändern: Der Gesetzesvorstoß der Bundesregierung sieht vor, die Versorgung auszubauen und in die Regelleistungen der gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen. Sowohl die stationäre als auch die ambulante Betreuung vor Ort sollen gefördert werden. Besonders im Fokus stehen die SAPV-Teams. Um die ambulante Arbeit zu erfüllen, haben sich in Ulm bereits vor fünf Jahren Ärzte, Pflegedienste, Uniklinik, Brückenpflege und Hospizverein zum Palliativnetz zusammengeschlossen. Jeder Fachbereich bringt seine Expertise ein, das Zusammenspiel ist eng: Bereits während des Klinik-Aufenthalts wird ein Pflegeplan für zuhause erstellt und der Kontakt zu Pflegediensten aufgebaut. Der Übergang von der medizinischen Klinik-Welt zurück in die häusliche Vertrautheit soll so reibungslos wie möglich verlaufen.

Entscheidend ist dann, wie gut der Betroffene lernt, mit seinem Schicksal umzugehen. Häufig plagen Patienten in dieser Phase Selbstmordgedanken. Mehrere Studien belegen aber, dass die Suizidrate bei Patienten in palliativer Behandlung gegen Null geht. 18 000 solcher Fälle hat der Facharzt und Vorsitzende der Deutschen Palliativ-Stiftung, Thomas Sitte, untersucht. Bei keinem der Verstorbenen war es zu einer Selbsttötung wegen "unbehandelbaren Leidensdrucks" gekommen.

Von dieser Erfahrung erzählt auch die Oberärztin und Leiterin der Palliativstation an der Uniklinik Ulm, Regine Mayer-Steinacker: "Kein Mensch muss sich heute vorzeitig umbringen wegen körperlicher Schmerzen." Körperliches Leiden wie Übelkeit und Luftnot ließen sich durch Arzneimittel auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Als Ultima Ratio gilt die sogenannte Sedierung. Mit Beruhigungsmitteln werden dabei Funktionen des Nervensystems gedämpft. Auch Strahlen- oder Chemotherapie können eingesetzt werden, um die Schmerzen zu lindern.

Eine Herausforderung bleiben aber die seelischen Qualen. Gegen die Angst vor dem Tod gibt es keine Tabletten. "Manche Patienten stecken all ihre Kraft in den Kampf gegen die Erkrankung", sagt Danzer. Obwohl es medizinisch keine Chance auf Heilung gibt. "Das kostet viel Energie, die besser verwendet werden sollte, um sein Schicksal zu akzeptieren."

Eine letzte Aufgabe, ein wohlüberlegtes Ziel kann vielen dabei helfen. "Einer möchte eine Mittelmeer-Kreuzfahrt machen, der andere, ist schon froh, wenn er wieder alleine zur Toilette gehen kann", erzählt Oberärztin Mayer-Steinacker. Den großen Träumen sind jedoch enge Grenzen gesetzt. Im persönlichen Gespräch versuchen Pfleger Danzer und seine Kollegen von der Brückenpflege dann die oftmals unrealistischen Pläne umzulenken in kleinere, greifbare Ziele für die letzten Wochen. Doch Erfolgserlebnisse spornen die Patienten an, nähren den Optimismus. Danzer sagt: "Gelingt uns das, verliert der Tod seinen Schrecken."

So war es auch bei dem Kranken, der die Pistole in der Schublade aufbewahrte. Bei den ersten Hausbesuchen drohte Danzer zu scheitern. Unter vier Augen hätte der Patient ihm alles berichten können, über das Leiden, die Schmerzen, die Suizidgedanken. Doch immerzu redete er nur über das Wetter. Die ersten Gespräche seien ernüchternd gewesen, erzählt Danzer. "Seine unsägliche Angst vor Leid und Schmerz war der Grund, warum wir nicht vorankamen."

Nach einiger Zeit aber erwähnte Danzer, dass die meisten seiner Patienten im Durchschnitt nur noch 28 Tage zu leben haben. Da schien sein Gegenüber zu begreifen: Mein Schicksal ist kein Tabuthema, ich werde verstanden. Danzer erklärte ihm die Möglichkeiten der modernen Medizin, nahm ihm die Angst und erfuhr schließlich, dass die Geburt eines Enkels bevorstand. "Wir haben dann unseren Fokus ganz auf dieses Ereignis gelegt." Am Ende blieben dem Kranken noch fünf Wochen. Die Geburt seines Enkels erlebte er.

Schwerkranke werden oft schlecht betreut, Suizid kann die Folge sein - Es gibt aber Lichtblicke
Persönliche Betreuung und Zuneigung kann vielen kranken Menschen die Angst vor dem Tod nehmen. Foto: epd

  • Palliativmedizin Besteht keine Aussicht mehr auf eine Heilung, kommt häufig die Palliativmedizin zum Einsatz. Sie zielt darauf, Schmerzen und psychisches Leiden zu verringern, um die Lebensqualität der Patienten in der letzten Phase ihrer Krankheit zu verbessern. Viele Erkenntnisse und Methoden sind noch relativ jung. In Deutschland wird sie meist erst seit 2004 an den medizinischen Fakultäten gelehrt.
  • >Brückenpflege Ein Baustein der Palliativversorgung in Baden-Württemberg ist die Brückenpflege. Sie wurde speziell für Krebspatienten eingerichtet und ist heute an den meisten großen Kliniken und Tumorzentren im Land angesiedelt. Speziell ausgebildete Pflegekräfte organisieren den Übergang von der Klinik in das Zuhause der Patienten. Zudem leisten sie Hausbesuche, unterstützen und beraten die Kranken. Die Kosten für die Versorgung tragen die Kassen und werden den Patienten nicht extra berechnet.
  • >SAPV Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung richtet sich generell an Patienten mit unheilbarer Krankheit. Sie wird eng an den Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet. Meist leistet die Versorgung ein Team unter anderem aus Ärzten, Pflegediensten und Physiotherapeuten. asp

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