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In Hemmendorf war historischer Markt und Heerlager

Schwert und Zelte

Tausende genossen am Wochenende in Hemmendorf die mittelalterliche Gastfreundschaft der Johanniter. Den rüpelhaften Raubritter Falkenstein traf dagegen erst das Schwert und dann der Bann.

09.07.2012
  • Martin Zimmermann

Hemmendorf. „Die Johanniter wurden in Jerusalem gegründet, um die Pilger in dreifacher Hinsicht zu schützen: militärisch mit dem Schwert, medizinisch mit Salben und Kräutern und geistlich mit Gebeten“, erklärte Uwe Ruoff, der den Komtur des Ordens spielte. Zwischen 1258 und 1806 gehörte Hemmendorf dem Johanniterorden. An diesen Teil der Ortsgeschichte erinnert der Verein Johanniter- und Bauernvolk, der zu seinem zehnjährigen Bestehen viele befreundete Mittelalterenthusiasten eingeladen hatte.

Ehrstrafen für Kirchenschwänzer

Das ganze Dorf verwandelte sich für drei Tage in ein historisches Heerlager, samt Markt und Turnierplatz. Überall in den Straßen und auf den Wiesen rund um die Zehnscheuer standen bunte Zelte. Die Straßen waren belebt von Menschen in bunten Kleidern, die auf den Köpfen Helme und seltsame Hüte trugen und eisernen Kettenhemden, Lederwämse, Umhänge und Mönchskutten trugen. Auch von gelegentlichen Regenschauern während der drei Tage ließen sich die Geschichtsfans nicht abschrecken. Stattdessen erfreuten sie sich an den Regenbögen.

Viel zu schauen und zu hören gab es bei Bauchtänzerinnen, Gauklern und Spielleuten. Händler boten Zauberburgen, Trinkhörner, Gewandungen, Schmuck und aus vergorenem Honig gewonnenen Met an. Beim Kreuzritter Ewaldo aus Rottweil erlernten Jungknappen das Bogenschießen. Mit seltsam geformten Mittelalterlichen Instrumenten sorgte die Gruppe Ars Florida für Stimmung. Jeder der drei Musiker wechselte zwischen mehreren Schlag-, Streich-, Zupf-, und Blasinstrumenten hin und her. Der Klang war abwechslungsreich und eher melancholisch. Diese Stimmung wandelte sich am Freitagabend eine Stunde vor Mitternacht, als das Konzert vom Pestumzug jäh unterbrochen wurde.

Mit Fackeln zogen die Teilnehmer des Umzugs, also Lagerer und Händler, durch das nächtliche Dorf zum Turnierplatz , wo ein Feuerspucker und eine Feuertänzerin mit ihren Flammen die Nacht erleuchteten. Die Schwertkämpfer Uwe Haufellner und Uwe Ruoff duellierten sich mit brennenden Schwertern, die dabei so heiß wurden, dass sie sich verbogen.

Für das Gruseln zur Mittagszeit sorgte der Scharfrichter zu Konstanz mit seiner Vorführung. Er schilderte nicht nur die Anwendung von Folterwerkzeugen wie der Maulbirne oder der Ketzergabel, sondern auch die der Ehrstrafen: „Wer in der Kirche einschlief oder sie gar schwänzte, der musste eine Woche lang einen überdimensionalen Rosenkranz umhängen.“ Mit der Partner-Schandgeige wurden zänkische Ehepaare und streitende Nachbarn auf dem Marktplatz ausgestellt. „Mit so einem Gerät würden 80 Prozent unserer heutigen Gerichtsverfahren wegfallen.“ Zum Schluss erzählte der Henker, dass er als Berufsfeuerwehrmann fürs Leben retten zuständig ist und seine Trinkgelder für eine Babyklappe spendet.

Auch Römer und Piraten sind dabei

Auffällig am Hemmendorfer Mittelalter ist, dass nur wenige kommerzielle Schausteller, dafür aber viele mit den Veranstaltern befreundete Gruppen aus der Mittelalterszene gekommen sind. Auch Hemmendorfer Bürger und Vereine sind mit Ständen dabei, so schenkt etwa Dieter Koller in einer Pilgerschenke Wein aus, den er von den vier Regent-Rebstöcken an der „Hemmendorfer Südwand“ seines Hauses gewonnen hat. Das anerkennende schwäbische Lob seiner Nachbarn: „Man kann ihn trinken.“

Die Schüler der örtlichen Grundschule führten in Kostümen einen höfischen Reihentanz auf. Die Veranstaltung hatte fast den Charakter eines Familientreffens. Einige wenige ärgerten sich über die Sperrung der Ortsdurchfahrt und das Eintrittsgeld für Einheimische. Auf den Wiesen rund um das Dorf lagerten Familien in historischen Zelten, kochten am Lagerfeuer, sangen gemeinsam und erklärten den Besuchern historisches Handwerk. Mit der historischen Stimmigkeit nahm man es nicht so genau – es gab Römer, Kelten, Schotten und sogar einige karibische Piraten.

„Bei den Johannitern war man tolerant. Wer über die Freibrücke kam, genoss Asyl“, erzählte Ruoff. Wie es jenen geschah die diese Gastfreundschaft missbrauchten, davon erzählte die Geschichte auf dem Turnierplatz am Samstagabend. Der finstere Raubritter zu Falkenstein plünderte die Zehntscheuer der Johanniter-Komturei. Anschließend verhöhnte er die Ritter und forderte sie zu einem Turnier heraus.

Das Gottesurteil war im Mittelalter ein gängige Form der Rechtsprechung, da man glaubte, Gott werde denjenigen gewinnen lassen der im Recht sei. In einer Reihe von Reiterspielen und Schwertkämpfen besiegten die Ordensritter und ihre verbündeten Ritter, darunter auch eine Ritterin, den Raubritter, der aus dem Dorf verbannt wurde. In der Fortsetzung der Geschichte am Sonntag kehrte der Verbannte als alter Mann ins Dorf zurück.

Schwert und Zelte

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09.07.2012, 12:00 Uhr

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