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Uta Hentsch über das „Unternehmen Wüste“

Schwierigkeiten der Erinnerung

„Unternehmen Wüste“ – Aberwitz und Irrsinn kennzeichnen diesen verzweifelten Versuch der Nazis, gegen Kriegsende an der Bahnlinie zwischen Tübingen und Rottweil durch Schieferabbau zu Öl zu kommen. Uta Hentsch erzählte in der Mössinger Kulturscheune von diesen Orten der Barbarei und den Versuchen, daran zu erinnern.

07.12.2012
  • Jürgen Jonas

Mössingen. Ganz weit weg und direkt vor der Haustür. Nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad ging der deutschen Kriegsmaschine das Öl aus. Die Nazis versuchten verzweifelt, Treibstoff-Ersatz zu schaffen. Ab Herbst 1943 wurden an der Bahnlinie zwischen Tübingen und Rottweil mehrere Werke errichtet.

Der Abbau des Posidonienschiefers, der das Kriegsende verzögern half, war gut deutsch organisiert, Tausende Zwangsarbeiter wurden herangeschafft, mindestens 1187 kamen in Bisingen ums Leben. Aus diesem Ort war Uta Hentsch in die Kulturscheune nach Mössingen gekommen, um über das tödliche Projekt und die Arbeit des Vereins und sein Museum zu berichten. Sie ist seit vielen Jahren im Gedenkstätten-Netzwerk aktiv.

Eingeladen hatte der mittlerweile fünf Jahre alte Löwenstein-Forschungsverein in seiner Reihe „Erinnerungen für die Verantwortung von heute“. Welf Schröter vom Talheimer Verlag moderierte. Beim Generalstreik gehe es, so Schröter, nicht um einen einzigen Tag in einer kleinen Stadt im Steinlachtal. Man könne nicht so tun, als sei vorher nichts gewesen und nachher nichts passiert.

Der lokale Aufstand gegen Hitler sei von Holocaust und Shoah nicht zu trennen. Die Stadt Mössingen habe sich, antisemitisch kriminell agierend, mit der „Arisierung“ der Pausa schuldig gemacht. Oberbürgermeister Werner Fifka hat sich im Jahr 2009 im Namen der Stadt entschuldigt, die Löwensteins haben die Entschuldigung angenommen. Trotzdem bleibe es stetige Aufgabe, die Erinnerung wach zu halten.

Dazu war Hentsch gekommen, erzählte den Gästen über die Gründe für die Entstehung des „Wüste“-Unternehmens, die Zustände im Lager Bisingen, dem noch Anfang März 1945 1000 Häftlinge zugeführt wurden. Besonders die Details entsetzen. Schon das Gehen im Abbaugebiet war eine Qual in dem klebrigen Erdreich für die ausgemergelten Hunger-Gestalten, der Verlausungsgrad war überaus hoch, die Leichenberge wuchsen, Massengräber mussten ausgehoben werden.

Die Qualität des Öls reichte eher hin, statt Flugzeugen Traktoren zu betreiben – der Ertrag war sehr gering. Kurz bevor die Franzosen einrückten, verbrannte der damalige Bürgermeister die Todeslisten. Niemand konnte sagen, er habe nichts gewusst, arbeiteten Lagerinsassen doch auch in einer Schuhfabrik.

Hentsch zeigte viele Bilder aus der Geschichte, aber auch von der Arbeit ihres Vereins, erinnerte an die Gruppe der Jungsozialisten, die in den 80er-Jahren die KZ-Geschichte ans Tageslicht holten und dafür als Nestbeschmutzer beschimpft wurden. Überlebende haben Bisingen besucht, prominente Politiker waren zu Gast bei Diskussionen, der KZ-Friedhof, Gedenksteine und Museum erinnern an die Opfer. Hentsch freut sich, dass es bis heute junge Menschen gibt, die sich auf Spurensuche begeben. Dennoch gebe es Menschen, denen die Frage gestellt werden müsse: Wieso wollt ihr euch nicht erinnern?

Info Das Museum in Bisingen ist an Sonntagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen sind möglich. Auskünfte beim Bürgermeisteramt Bisingen, Telefon 0 74 76 / 89 61 31.

Schwierigkeiten der Erinnerung
Lange nach Bisingen plant auch die Gemeinde Dußlingen nun ein Mahnmal auf dem Höhnisch – hier ein Entwurf des örtlichen Künstlers Werner Steinmetz. Er skizzierte eine beschriftete Stele aus hellem Granit inmitten eines Geröllfeldes aus schwarzem Schiefer.

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07.12.2012, 12:00 Uhr

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