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Porträt des Tübinger Stadtschreibers Rolf Hermann

Schwimmen im Nebel

Lisa Dickreiter im November, Rolf Hermann im Dezember. Herzlich Willkommen! kann man Rolf Hermann zurufen. Noch passender wäre allerdings: Grüezi! Denn der neue Stadtschreiber und Gast Tübingens ist in der Schweiz zur Welt gekommen.

16.10.2010

Genauer: Im Jahr 1973 in der kleinen Gemeinde Leuk-Susten. Das liefert auch die Erklärung dafür, dass er immer wieder Gedichte in Schweizer Mundart verfasst.

Als Stadtschreiber wohnt Hermann für drei Monate im einstigen Aufseherhaus am Tübinger Stadtfriedhof. Im Mai dieses Jahres überraschte ihn das Kulturamt mit der Nachricht, dass er das neu eingerichtete Lyrikstipendium erhält. Dass damit explizit Autoren von Gedichten gefördert werden, war Hermann ein besonderes Lob wert: „Lyriker brauchen Unterstützung!“ Das stimmt auch. Nur selten verirrt sich ein Gedichtband auf die Bestsellerlisten.

Als sich der Tübinger Stadtschreiber vor kurzem im Rathaus öffentlich vorstellte, verriet Dagmar Waizenegger vom Kulturamt schon bei der Begrüßung, dass „Humor eine wichtige Eigenschaft“ in Hermanns Werk sei. Man könnte ergänzen: Humor ist eine wichtige Eigenschaft von Hermanns Persönlichkeit. Der Dichter, Theaterautor und Lebenskünstler – Hermann hütete nach einiger Aussage sieben Jahre lang Schafe – brach im Laufe des damaligen Abends mehrmals in Gelächter aus: Die Begegnung mit dem Publikum schien ihm Spaß zu machen.

Oft genug hat man ja als Zuhörer von Lesungen das Gefühl, der stocksteif dasitzende Autor möchte die Lesung einfach nur hinter sich bringen. Degegen Hermann: Er plauderte zum Beispiel über seinen Professor, der ihn als Literaturstudent beeindruckte und förderte, und der in seiner Freizeit aber gerne von jemandem aus einem anderen Metier schwärmte: Julia Roberts. „Humor bedeutet für mich Freiheit“, so der Autor. Deshalb: Daumen hoch.

Die Gedichte in Rolf Hermanns bisher einzigem Lyrikband „Hommage an das Rückenschwimmen in der Nähe von Chicago und anderswo“ (Verlag X-Time) beschreiben tägliche Rituale und scheinbar banale Gegenstände. Und das nicht nur, aber hauptsächlich in melancholischem Ton. So heißt es im Gedicht Nr.1 aus dem Zyklus „Billige Improvisationen“: Die Nacht war kalt und wolkenlos. Während dem Zähneputzen betrachte ich mich im Spiegel. Meine Ohren gleichen Muscheln, die viel zu groß sind für meinen Kopf.

Oder in „Keine Halbherzigkeiten“: Ungeduldiger als sonst weil mich meine Schreibmaschine enttäuscht zu kalt zum Schwimmen im Nebel über der Stadt.

Oder: Der Sand, der Asphalt und die Bretter - und auch der Kühlschrank fängt wieder zu surren an.

Schreibmaschine, Hausschuhe, Gurkensalat–- für Rolf Hermann ist es gerechtfertigt, dass alltägliche Dinge in seinen Gedichten soviel Platz einnehmen. Indem er sie aufgreift, befreit er sie aus ihrem künstlichen Status als Banalitäten. „Wenn dem Schönen nichts Banalem gegenübersteht, wirkt auch das Schöne banal“, sagte er im Gespräch.

An Tübingen, so verriet Hermann noch, habe er einen hohen Anspruch. Inspiration und Ruhe wolle er hier finden, um seinen zweiten Lyrikband zu beenden. Und vielleicht schreibt er ja auch ein paar Zeilen über die Stadt. Um – so ahnt man schon – den Details der Stadt zu huldigen, den Pflastersteinen, einem Baum im Herbstgewand, einer Katze, die nachts über die Straße huscht … Antonia Kurz

Zwei Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Tübinger Stadtschreiberstelle stehen jetzt bereits fest: Am 14. November liest Lisa Dickreiter, die Vorgängerin von Rolf Hermann, um 19 Uhr in der Stadtbücherei aus ihrem – weitgehend in Tübingen entstandenen – neuen Roman „Vom Atmen unter Wasser“, der jetzt im Verlag Bloomsbury Berlin erschienen ist und von der FAZ als „meisterhaft“ gerühmt wird. Und Am 7. Dezember ist Rolf Hermann um 19.30 Uhr im Hölderlinturm zu Gast, das ist dann die Abschlusslesung seiner Stadtschreiber-Monate.

Lisa Dickreiter im November, Rolf Hermann im Dezember

Schwimmen im Nebel
Der Schweizer Autor Rolf Hermann ist Tübingens dritter Stadtschreiber. Hier bei seiner Lesung Anfang Oktober im Rathaus. Bild: Metz

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16.10.2010, 12:00 Uhr

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