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Rhetorisches Feuerwerk zum Auftakt, Böller zum Abschluss

Schwörtag: Demokratie muss man lernen

Mit einem gut besuchten Bürgerfest erinnerte Reutlingen am Wochenende wieder an seine reichsstädtisch-demokratischen Wurzeln. Den Auftakt machte ein viel beachteter Vortrag von Prof. Heribert Prantl.

16.07.2012
  • Uschi Kurz

Reutlingen. Die Veranstalter hatten vorgesorgt: Ein Zelt im Hof des List-Gymnasiums, machte unabhängig von jedweden Wetter-Kapriolen. Am Vorabend hatten The Academy Swing Band aus der Partnerstadt Ellesmere Port und die Tübinger Coverband 7 Up die Gäste trefflich unterhalten. Und als gestern kurz nach 11 Uhr der Festzug einlief, war der Schwörhof bereits wieder gut gefüllt. Ergänzt wurden Stadtkapelle, Stadtgarde und die Zunftfahnen tragenden Vertreter der Innungen vom bunten Völkchen des Reutlinger Naturtheaters: Pippi Langstrumpf und Dracula mit Hofstaat. Als Barbara Bosch ihr Glas zum Trinkspruch hob, kam die Sonne heraus. Passend dazu sangen die Schüler/innen vom FLG-Chor „Über den Wolken“.

In ihrer Schwörtagsrede rührte die Oberbürgermeisterin die Werbetrommel für die neue Stadthalle und den Bürgerpark, an dem sich bereits 607 Bürger/innen als Sponsoren ein Stück gesichert haben. Man müsse sich die Halle „mit ganz viel Grün drum herum denken“, bat die OB wohl in Anspielung darauf, dass sich der eine oder andere noch nicht so ganz mit dem dunklen Erscheinungsbild des neuen Musentempels anfreunden kann.

Schwörtag: Demokratie muss man lernen
Rainer Kurze vom Reutlinger Naturtheater trug gestern im Festzug die Fahne der Freien Reichsstadt, geflaigt wurde sie später von Thomas Walker. Bild: Haas

Gelebter Bürgersinn und Bürgerbeteiligung war denn auch das zentrale Thema ihrer Rede, wobei Bosch mehrfach Prof. Heribert Prantl zitierte, der am Freitagabend mit seinem Vortrag den Auftakt des Schwör-Wochenendes gebildet hatte. Rund 300 Gäste hatten im Rathaus-Foyer die rhetorisch brillanten Ausführungen des Politikchefs der Süddeutschen Zeitung über „Die Apfelbaum-Demokratie“ genossen.

Dabei zeigte sich Prantl nicht nur als profunder Kenner der Reutlinger Reichsstadts-, sondern auch der Gegenwarts-Geschichte. Reutlingen, lobte er, sei in der Geschichte und in der Gegenwart „ein demokratischer Lernort“. In diesem Sinne sei der Schwörtag auch ein Lernfest. Sein Streifzug reichte vom erfolgreichen Bürgerentscheid bis zur vorbildlich gelebten Integration an der Jos-Weiß-Schule und ließ die negativen Schlagzeilen nicht aus: Auch der Süddeutschen Zeitung waren die Hells Angels eine Sonderseite wert.

Schwörtag: Demokratie muss man lernen
Prof. Heribert Prantl am Freitag nach seinem Vortrag im Rathaus.Bild: Haas

Die Demokratie sei das erfolgreichste Betriebssystem für ein Land, in dem keiner mehr wert sei als der andere. Aber Demokratie funktioniere nicht gut, wenn immer mehr Menschen sich ausklinken, beispielsweise weil sie arbeitslos wären. Demokratie beginne mit der Übernahme von Verantwortung. Es sei an der Zeit für Volksabstimmungen, erinnerte er daran, dass im Grundgesetz nicht nur das Recht auf Wahlen, sondern auch auf Abstimmungen verankert seien. Man solle aufhören, über „Wutbürger“ zu lästern. Sie seien ebenso positiver Ausdruck einer Zivilgesellschaft wie Attac oder eine Milliardärsstiftung. Man müsse sich die Demokratie als alten Apfelbaum vorstellen, den man ständig veredeln könne und müsse: „Demokratie muss man lernen. Das ist das Credo.“

„Auch wir von der Stadtverwaltung bleiben Lernende in diesem Prozess,“ nahm die OB gestern das Motto auf, bevor sie zum Schwörstab griff und versprach, ihren Bürgern weiterhin ein „unpartheyischer Ambtmann zu seyn“. Böllerschüsse – und es durfte gefeiert werden.

Der Schwörtag wurde in der Freien Reichsstadt Reutlingen von 1374 bis 1802 alljährlich am zweiten Sonntag nach dem 4. Juli gefeiert. Am Schwörtag wurde der neu gewählte Senat verkündet und die Vereidigung der Bürgermeister, aber auch der Bürgerschaft auf die neue Stadtregierung begangen.
Das politische Ereignis war „ein Tag demokratischen Frohsinns“, wie es der Chronist Christoph Friedrich Gayler berichtete.
Seit 1999 erinnern die Reutlinger mit einem Museumsfest an die demokratische Tradition.
In der jetzigen Form – als großes Bürgerfest im Hof des Listgymnasiums, dem ehemaligen Schwörhof – wird der Schwörtag seit 2005 begangen.

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16.07.2012, 12:00 Uhr

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