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Hiebe mit der Ast-Schere

Schwurgericht: Nur ein Nachbarschaftsstreit?

Das Schwurgericht verhandelt derzeit gegen einen psychisch kranken Tübinger, der am 9. März 2012 einen Passanten mit einer Ast-Schere verletzt haben soll. Laut dem psychiatrischen Gutachter stellt sich die Frage, ob der Vorfall ein eskalierter Nachbarschaftsstreit war.

16.11.2012
  • Dorothee hermann

Tübingen. Der 47-Jährige soll laut Staatsanwalt Tobias Freudenberg am Morgen des 9. März mit einer Ast-Schere zwei Mal auf einen Spaziergänger eingeschlagen haben, der an seinem Grundstück in Tübingen vorbeiging. Nun muss sich der Mann, der derzeit zwangsweise in einer psychiatrischen Klinik untergebracht ist, wegen versuchten Totschlags verantworten (wir berichteten).

Der psychiatrische Gutachter Dr. Peter Winckler hielt jetzt vor dem Schwurgericht zwei Tat-Szenarien für möglich: Wenn die Provokation allein vom Beschuldigten ausging, ohne dass der Passant dazu irgendeinen Anlass gegeben hätte, sei der 47-Jährige aufgrund seiner „chronifizierten Psychose“ als schuldunfähig anzusehen. Falls aber der Spaziergänger den Beschuldigten auf irgendeine Weise mitprovoziert oder es gar einen tätlichen Angriff gegeben habe, wie es der 47-Jährige schildere, sei dieser zwar nicht schuldunfähig, jedoch in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert, so Winckler.

In diesem Fall seien womöglich einfach „zwei Hitzköpfe aneinandergeraten“. Was der Beschuldigte zu seinen inneren Tat-Antrieben berichte, habe nichts mit seiner psychischen Erkrankung zu tun, sondern mit Nachbarschaftshändeln zwischen zwei Kontrahenten, von denen keiner nachgeben wolle, sagte der Gutachter. Doch der 47-Jährige leide seit Jahren an einer chronischen Schizophrenie. „Er kann Wutaffekte, die in ihm aufsteigen, schlechter kontrollieren als ein Gesunder.“

Reden und Sport könnten helfen

Werde der Beschuldigte längerfristig zwangsweise in einer psychiatrische Klinik untergebracht, sei ein Therapie-Erfolg mittels Medikamenten fraglich, so Winckler. Angesichts von dessen chronischer Erkrankung sei es unwahrscheinlich, dass nach so langer Zeit Medikamente sein Verhalten beeinflussen könnten. Eine Zwangsmedikation ist nach einem aktuellen Urteil des Bundesgerichtshofs ohnehin ausgeschlossen.

Doch der Beschuldigte verfüge über persönliche Ressourcen: „Er ist gescheit. Er hat nette, charmante Seiten – wenn man mit ihm über Dinge redet, die nicht mit seinem Wahn zu tun haben“, meinte der Gutachter. Obwohl der 47-Jährige seit Jahren extrem zurückgezogen lebe, mit minimalen sozialen Kontakten, könne durch Behandlungsansätze wie Reden, Sport oder Ergotherapie bei ihm „vielleicht etwas bewegt werden“.

Weil das Schwurgericht einem Beweisantrag der Verteidigerin folgt, wird der Prozess erst am Mittwoch, 21. November, fortgesetzt. Bis zu diesem Termin sollen polizeiliche Kriminaltechniker eventuelle Speichelreste in der Garage des Beschuldigten untersuchen: um Hinweise dafür zu finden, ob womöglich der Spaziergänger den 47-Jährigen bespuckt und beleidigt hat, wie es dieser ausgesagt hatte.

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Jürgen Walker; Schöffen: Elisabeth Herrmann, Rudi-Jakob Hurlebaus. Staatsanwalt: Tobias Freudenberg. Vertreter der Nebenklage: Frank Atorf. Verteidigerin: Nadine Mutschler. Gutachter: Dr. Peter Winckler.

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16.11.2012, 12:00 Uhr

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