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Das Mittwochs-Interview:

Segelflieger Matthias Sturm über die WM in Texas

Mit der Silbermedaille ist Segelflieger Matthias Sturm aus Eutingen-Göttelfingen von der WM im texanischen Uvalde zurückgekehrt. Im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE blickt der 37-Jährige auf die WM zurück und verrät Details über weltmeisterliches Segelfliegen.

29.08.2012
  • Gerd Braun

SÜDWEST PRESSE: Herr Sturm, Glückwunsch zur WM-Silbermedaille. Hatten Sie mit diesem Erfolg in Texas gerechnet?

MATTHIAS STURM: Vielen Dank. Damit gerechnet habe ich nicht, aber ein Platz auf dem Treppchen war ein Wunschziel – wenngleich für mich nicht ganz so leicht abzuschätzen war, wie in der 15-Meter-Klasse die internationale Konkurrenz aussehen wird.

Fast wär’s ja Gold geworden. Was ist passiert?

Ich habe am zweiten oder dritten Tag der zweiten Flugwoche eine Aufwind-Reihung verpasst und bin damit in die Abwind-Reihung reingeflogen. Das hat mich im Gegensatz zu meinem Hauptkonkurrenten 1000 Höhenmeter gekostet. Ich war da kurz vor der Außenlandung, die ich glücklicherweise gerade noch verhindern konnte. Ich war mit diesem Schicksal an diesem Tag aber nicht allein.

Hinten raus hat’s mit der Aufholjagd nicht mehr sollen sein…

Insgesamt ging‘s in Uvalde ziemlich ab, da wurden Geschwindigkeitsschnitte bis 150 geflogen. Ohnehin ist Uvalde ein spezieller Austragungsort mit sehr konstantem Wetter. Durch diese besondere räumliche Lage hatte man auch am Ende der WM sehr stabile Verhältnisse – ganz anders als bei so genanntem Würfelwetter. Bei instabileren Bedingungen wäre vielleicht noch eine Chance dagewesen, den Weltmeister aus Polen, der ein exzellenter Segelflieger ist, nochmal einzuholen. So aber nicht.

War daran auch der Zusammenprall der beiden Flugzeuge, auf den hin der Wertungsflug sofort abgebrochen wurde, schuld?

Sicher. Ein Wertungstag weniger reduziert natürlich die Chancen entsprechend. Aber auch mit diesem Wertungstag wäre es nicht unbedingt wahrscheinlich gewesen, dass ich hier noch entscheidend näher komme.

Ärgert man sich trotz der Dramatik ein bisschen?

Naja, ein bisschen schon. Aber an dem Tag wäre wohl sowieso kein großer Sprung nach vorne möglich gewesen.

Haben Sie von dem Unfall etwas mitbekommen?

Über Funk. Meine zwei deutschen Teamkollegen haben den Vorfall selbst beobachtet, zirka drei Kilometer hinter mir. Sie haben sofort ihren Wertungsflug abgebrochen und sind, da eine Außenlandung an dieser Stelle unmöglich war, über der Absturzstelle gekreist, nachdem sie den Unfall mit den GPS-Daten durchfunkt hatten.

Waren Sie schon einmal in solch einer gefährlichen Situation?

Nein, ich hatte noch nie eine Kollision. Vor so etwas habe ich am meisten Respekt. Ich mag solche Ansammlungen von Flugzeugen gar nicht, da fliege ich lieber außen rum meinen eigenen Weg. Gerade beim gemeinsamen Kreisen in der Thermik ist eben ein Restrisiko da.

Sie haben die Flugzeugklasse gewechselt, wurden vor vier Jahren schon Weltmeister in der Clubklasse. Was ist der Unterschied zwischen den beiden Klassen?

In der 15-Meter-Klasse darf man mit einem höheren Gewicht – bis zu 535 Kilogramm – fliegen, was in der Clubklasse nicht erlaubt ist. Außerdem verfügen Flugzeuge in der 15-Meter-Klasse über so genannte Wölbplatten, mit denen sich die Flugeigenschaften besser beeinflussen lassen.

Was bewirkt Gewicht an Bord?

Gewicht verbessert, auch wenn‘s etwas paradox klingt, die Gleiteigenschaft eines Segelflugzeugs.

Was hat Sie bewogen zu diesem Schritt?

Ich bin fünfmal WM in der Clubklasse geflogen und wurde 2008 Weltmeister. Für mich war‘s in der Mitte meiner fliegerischen Karriere die Chance, einen kleinen Traum zu verwirklichen. Das Flugzeug hat mir von Beginn an absolut gefallen. Da ich für 2010 schon zur WM qualifiziert war, konnte ich einigermaßen stressfrei den Wunsch, die Klasse zu wechseln, erfüllen. Es war jetzt die Chance für einen sauberen Übergang.

Nochmal zur WM in Texas: Hatten Sie in den USA Ihr eigenes Flugzeug dabei?

Ich hatte mein eigenes Flugzeug dabei, das ich mir 2009 gekauft und über zwei Jahre auf Wettbewerbsstandard gebracht habe. Das wurde im Flugzeuganhänger auf der Autofähre verschickt, so dass ich vor Ort auch eine ordentliche Lagermöglichkeit für das Segelflugzeugs hatte. So hat man also gewissermaßen ein Zuhause für die Flugzeuge während der vier Wochen, was alles auch stressfreier macht.

Fliegen sich alle Segler der gleichen Klasse – oder zumindest die selben Fabrikates – gleich oder ähnlich?

Die Flugeigenschaften unterscheiden sich zumindest zwischen den verschiedenen Fabrikaten. Flugzeuge des selben Fabrikates fliegen natürlich gleich, unterscheiden sich aber in entscheidenden Nuancen wie Abdichtungen oder den Instrumentierungen, die richtig gut funktionieren müssen.

Was macht einen Weltmeister im Segelfliegen aus?

Nüchtern gesagt: Er ist im Zwei-Jahres-Rhythmus der beste Pilot seiner Klasse. Dazu gehört eine gewisse Souveränität beim Fliegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein so genannter Schwarm- oder Pulkpilot Weltmeister wird, ist relativ gering. Man muss seine Entscheidungen treffen, und in der Summe aller Entscheidungen steht das Ergebnis.

Manchmal spielt bestimmt auch das Glück eine Rolle?

Ein kleines bisschen kann das schon sein. Aber wenn man einen Flug nicht richtig anlegt, dann wird‘s gar nichts.

Was macht Segelfliegen zu einem „echten“ Sport?

Es ist ein Konzentrationssport. Der Wettbewerb wird ausgetragen im Kopf. Man braucht zwar eine gewisse Kondition, aber entscheidend ist die mentale Verfassung. Man muss beispielsweise bei einer WM motiviert sein, jeden Tag mit 100-prozentiger Aufmerksamkeit ins Flugzeug zu sitzen. Nach sechs Stunden Flug, was geistige Höchstleistung erfordert, ist man absolut fertig, geistig ausgelutscht. Das mechanische Fliegen läuft bei uns eigentlich im Unterbewusstsein ab. Aber man muss ständig nach außen beobachten, strategische Entscheidungen treffen, viel Luftraumbeobachtungen betreiben und man muss fühlig sein, um Thermik sauber auszunutzen und so auch optimal zu steigen.

Was reizt Sie, immer wieder ins Cockpit zu steigen?

Das Gebiet, über das man fliegt, ist ja eigentlich immer das Gleiche; aber das Wetter ist immer wieder anders. Das macht für mich den Reiz aus, und ich selbst mag eben auch den Vergleich mit anderen.

Wie lässt sich das mit dem Segelfliegen in Einklang bringen? Haben Sie flexible Arbeitszeiten?

Als gelernter Modellbauer bin ich jetzt Teamleiter bei einem Automobil-Desgin-Modellbauer. In dieser Position habe ich zwar keine flexible Arbeitszeiten, aber ich bin froh, dass ich von meinem Arbeitgeber insofern unterstützt werde, dass ich meinen Urlaub passend zu den Meisterschaften nehmen kann.

Was sind Ihre nächsten großen Ziele?

Das nächste große Ziel ist 2013 die Deutsche Meisterschaft, die ich auch mitfliege, um weiter in der Nationalmannschaft zu bleiben – und dann natürlich wieder die WM 2014 in Polen.

Segelflieger Matthias Sturm über die WM in Texas
Matthias Sturm.

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29.08.2012, 12:00 Uhr

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