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Wirbel um die Wörter

Segen oder Schmu? Neue Einschulungsuntersuchung für Kindergartenkinder

Als Modellprojekt lief die neu konzipierte Einschulungsuntersuchung 2006 im Land an. Seit Herbst 2009 werden Mössinger Kindergartenkinder dem Check unterzogen. Der Leiter des Tübinger Gesundheitsamts, Dr. Peter-Joachim Oertel, stellte sich am Mittwoch in der Gottlieb-Rühle-Schule Fragen – der Kindergarten-Gesamtelternbeirat hatte geladen.

05.02.2010
  • Amancay Kappeller

Mössingen. Gereiztes Gemurmel, empörte Zwischenrufe: Die Verunsicherung wegen der neu konzipierten Einschulungsuntersuchung (kurz ESU) ist groß – sowohl bei Eltern als auch bei Erzieherinnen. „Wir hatten bei der Einführung letztes Jahr enorme Akzeptanzprobleme“, gibt Oertel, Facharzt für Kinderheilkunde, zu. Dabei habe sich gar nicht so viel geändert: „Das Hauptaugenmerk liegt nach wie vor auf der sprachlichen Entwicklung der Kinder, weil diese für den Erfolg in der Schule eine entscheidende Rolle spielt“, so Oertel, der seit 1990 bei der Abteilung Gesundheit des Landratsamts Tübingen ist.

„Das Screening ist verfeinert worden, besteht aus dem Nachsprechen von Sätzen, Zahlen und Kunstwörtern sowie einer Artikulationsprüfung mittels Bildertafel.“ Außerdem werden ein Seh- und Hörtest gemacht, die Feinmotorik überprüft. Was anders ist: Die Kinder werden nicht mehr im letzten, sondern im vorletzten Kindergartenjahr vom Gesundheitsamt untersucht.

So sollen Entwicklungsverzögerungen rechtzeitig aufgedeckt werden, für gezielte Förderung vor Schulbeginn bleibt ausreichend Zeit. Oertel: „Kinder, bei denen Sprachprobleme festgestellt wurden, absolvieren dann mit logopädischer Betreuung einen speziellen Sprachentwicklungstest (SETK), der von Ärzten ausgewertet wird.“ Im Anschluss bekommen Eltern und Kindergarten eine „Förderempfehlung“: „Das können häusliche Maßnahmen sein, Förderung im Kindergarten, in einer Frühförderstelle, beim Logopäden.“

Können Kindergärten das auch noch leisten?

„Ist denn gewährleistet, dass die Eltern für die empfohlene Sprachtherapie vom Kinderarzt auch ein Rezept bekommen?“, erkundigt sich Ulrike Kleinschroth, ortsansässige Logopädin. Ihm sei kein Fall bekannt, bei dem ein Kinderarzt nach einem SETK-Bericht kein Rezept ausgestellt habe, erwidert Oertel. Applaus vom Auditorium, als eine Erzieherin einwendet: „Förderung im Kindergarten ist nur sehr begrenzt möglich, das können wir gar nicht noch zusätzlich leisten.“ Eine Mössinger Kollegin pflichtet ihr bei: „Das können wir nicht auffangen, auch nicht mit vorbereitenden Workshops.“ In Tübingen gebe es speziell ausgebildete Fachkräfte, die in die Kindergärten kämen, sagt Oertel. Auch in Mössingen sei dieses Angebot prinzipiell nutzbar.

Kinder, die beim ersten Check Förderbedarf hatten, werden drei bis sechs Monate vor Schulstart nochmals untersucht; erst dann wird über die Schulreife entschieden. „Es bestand Handlungsbedarf, weil wir in den letzten Jahren eine gestiegene Zahl von Kindern mit Sprachproblemen beobachtet haben“, sagt Oertel. „Es geht einfach nicht, dass ein Großteil der Kinder keine adäquaten Bildungschancen bekommt. Kinder mit Entwicklungsverzögerung bleiben sonst schulisch auf der Strecke.“ Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sei der Spracherwerb mit sechs Jahren abgeschlossen: „Danach muss auch die Muttersprache mühsam wie eine Fremdsprache erlernt werden“, erklärt Oertel.

Man könne die Sprachtests doch in die normalen Untersuchungen beim Kinderarzt aufnehmen, schlägt eine Mutter aus Belsen vor. Zumal das Vorsorgeheft bei der Einschulungsuntersuchung von der „Sozialmedizinischen Assistentin“ (SMA) des Landratsamts, einer medizinisch geschulten Mitarbeiterin – keine Ärztin –, sorgfältig überprüft wird. „Das ist Pflicht wegen des Kinderschutzgesetzes“, sagt der Leiter des Gesundheitsamtes. „Was passiert, wenn man die Untersuchung verweigert?“, fragt eine Mutter. „Wenn wir genug Infos haben aus dem Umfeld, dass es dem Kind gut geht, ist es okay. Wenn nicht, könnte es womöglich ordnungsrechtliche Konsequenzen haben“, antwortet Oertel.

Enttäuscht von der Untersuchung

Wirbel gab’s in jüngster Vergangenheit vor allem um den „Elternfragebogen“: Seit neuestem werden auch soziodemographische Daten abgefragt, etwa der Bildungsstand der Eltern. Die Angaben sind freiwillig. „Im Landkreis Tübingen kommen etwa 95 Prozent zurück“, sagt Oertel. Auch der „Erzieherinnenfragebogen“ ist in der Kritik: Hier machen Erzieherinnen Angaben zu Körpermotorik, sprachlichen Entwicklung, sozialer und emotionaler Kompetenz, die sie bei den Kindern beobachten. Die Eltern müssen auch hier zustimmen. „In Tübingen beträgt die Rücklaufquote 80 Prozent“, weiß Oertel. „Ich bin etwas enttäuscht von der Untersuchung“, meldet sich die Mutter einer motorisch entwicklungsverzögerten Tochter zu Wort. „Der Förderbedarf ist da, aber niemand hilft konkret weiter.“ Das sei ein bisschen das Dilemma, gesteht Oertel: „Zentralen Stellenwert hat die Sprache. Motorik, Hyperaktivität oder soziale Kompetenz bleiben bei der Untersuchung weitgehend außen vor.“

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05.02.2010, 12:00 Uhr

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