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Leitartikel

Sehnsucht nach Stärke

Ausgerechnet Helmut Schmidt ist zum Mutmacher nach dem Anschlag von Berlin geworden. Eine 40 Jahre alte Ansprache des vor dreizehn Monaten verstorbenen Ex-Kanzlers verbreitet sich derzeit mit hoher Geschwindigkeit in den sozialen Netzwerken.

23.12.2016
  • GUIDO BOHSEM

Berlin. Schmidt reagiert darin auf die Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer durch die RAF. Terrorismus, so versichert Schmidt den Staatsfeinden und den Deutschen gleichermaßen, werde auf Dauer keine Chance haben. Der Schmidt-Clip, so scheint es, befeuert die Sehnsucht der Deutschen.

In der Sache jedoch kann man von ihm nichts lernen. Terror ist nicht gleich Terror. Die RAF war eine national handelnde Gruppe mit definiertem Opferkreis. Beim Islamischen Staat handelt es sich um eine international vernetzte Bewegung, deren todessehnsüchtigen Rekruten es völlig gleich ist, wen sie umbringen. Während die RAF vor allem gegen die politische Klasse kämpfte, zielt der IS auf die gesamte Bevölkerung.

Die Begeisterung für Schmidts Ansprache offenbart zwei völlig andere Dinge: Die Sehnsucht nach einer entschlossenen Führungspersönlichkeit und die Sehnsucht nach einem starken Staat. Weil beides derzeit fehlt, schauen die Menschen Schmidts Rede im Internet an und flüchten sich so in die (scheinbare) Geborgenheit der alten Bundesrepublik.

Seine Nachfolgerin im Amt, Angela Merkel, hat es nach den Anschlägen nicht vermocht, die Deutschen aufzurichten. Sie scheint diese Rolle nicht annehmen zu wollen, vielleicht kann sie es auch nicht. Ihr Auftritt nach der Terrorfahrt auf dem Breitscheidplatz war zwar angemessen, aber weder antreibend noch aufbauend oder ermutigend. Das Bedauern der Kanzlerin war am Ende nur eine Klage von vielen. Entschlossen wirkte sie jedenfalls nicht. Merkel sah ebenso ohnmächtig aus wie sich ihre Zuschauer fühlten. Keine Spur von Schmidt.

Wer auf einen starken Staat hofft, ist noch schlimmer dran. Man muss gar nicht rechts sein, um quälende Zweifel zu entwickeln. Wen kann der Staat noch kontrollieren, wenn er nicht einmal einen Gefährder wie Anis Amri kontrollieren kann? Was ist die europäische Zusammenarbeit wert, wenn nicht bemerkt wird, dass der Tunesier jahrelang in Italien in Haft saß, bevor er hierzulande Asyl beantragte? Wie schon im Fall des mutmaßlichen Mörders von Maria L. zeigt sich, dass die staatliche Zusammenarbeit auf europäischer Ebene nicht funktioniert. Der sichtbarste Ausdruck einer partiellen Schwäche des Staates dürfte aber sein, dass er Männer wie Amri duldet, weil er unfähig ist, sie abzuschieben.

Der Anschlag von Berlin und Erkenntnisse bei der Suche nach dem möglichen Täter hat diese schon lange vorhandene Kritik noch einmal verschärft. Die widerlichen Attacken der AfD auf Merkel und andere Regierungsmitglieder werden weiter zunehmen. Und mancher wird aus Enttäuschung und Frustration damit sympathisieren. Merkel muss den Staat deshalb in die Lage versetzen, seine Aufgaben zu erledigen. Sonst werden zu viele den Glauben an ihn verlieren.

leitartikel@swp.de

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23.12.2016, 06:00 Uhr

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