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Kommentar

Sehr diffizil bis in die Tiefe hinein

Manchmal wirkt der angeblich wohlsortierte Staatsapparat schon ein bisschen wunderlich, ja fast senil. Was sonst soll man von ihm denken angesichts solcher Sonderbarkeiten? Vor 26 Jahren glaubte mir dieser Staat ohne jeglichen Nachweis, dass der blaue Winzling, den mir die Hebamme damals in die Arme drückte, nicht nur von seiner Mutter, sondern zur Hälfte auch von mir abstammt. Jedenfalls wurde der „Vater: Josef“ ohne Mucken amtlich besiegelt.

23.12.2012
  • Sepp Wais

Damals hatte der Filius weder Pass noch Perso bei sich. Heute kann er beides vorweisen – und trotzdem zweifelt der Staat offenbar an seiner Identität. Will nichts mehr wissen davon, was er einst glaubte, und verlangt einen urkundlichen Beweis, eine Geburtsurkunde. Jawoll, wer sich hierzulande zum Staatsexamen anmelden will, hat eine Geburtsurkunde beizubringen. Schließlich muss das Prüfungsamt doch wissen, ob der Vater Josef oder Johann heißt.

Wozu eigentlich? Etwa zur Notenfindung? Das mag sich der Chef im Tübinger Standesamt nicht vorstellen. Seiner Meinung nach sollte in unserem Fall der Perso mit biometrischem Bild und elektronischem Fingerabdruck reichen. Freilich sei der Ausweis keine Urkunde und deshalb kein Nachweis der Geburt beispielsweise eines Prüflings. Weshalb „zumindest bei Personenstandsangelegenheiten, die sehr diffizil bis in die Tiefe hineingehen“, eben doch eine Geburtsurkunde benötigt werde.

Also ab in die Tiefe des Melderegisters von Herrenberg, wo der Kandidat einst die Weltbühne betrat: Doch, schon, wir stellen die Urkunde bei Vorauskasse auch postalisch zu, aber das kann dauern… Verstanden, es führt kein Weg an dem heilsamen Tempo-30-Terror in Unterjesingen vorbei. Auch der kann dauern, aber nicht so lange. Irgendwann ist man in der fein rausgeputzten Gäumetropole, und dort in der Alten Vogtei, die auch Tübingen gut zu Gesicht stünde.

In ihrem prächtigen Gebälk geht es so ruhig zu wie bei den Exerzitien im Kloster Heiligkreuztal. Ab und an huscht ein Mensch von einer in die andere Amtsstube, sonst ist keiner da. Man klopft an die richtige Tür und wartet und klopft und wartet – und sehnt sich bald ins Tübinger Bürgeramt oder gar ins Finanzamt, wo man immerhin zur Nummer und mit dieser der Reihe nach aufgerufen wird. In Herrenberg ist keine Reihe und niemand ruft.

Schließlich doch: „Mommeeent noch!“ Und endlich: „Herein“. Eine verlegen lächelnde Dame kriecht unter dem Tisch hervor. Tschuldigung, der Computer… Danach geht alles sehr schnell. Vier Minuten später wird laut Rechnung „der Vorgang um 11:44:51 erstellt“. Kein schlechter Preis. Eine Geburtsurkunde in doppelter Ausführung macht 24 Euro. Vielleicht ist ja das der tiefere Sinn dieser amtlichen Bescheinigung: Mit weit über 10.000 Geburtsurkunden pro Jahr macht das Tübinger Standesamt über 120.000 Euro Umsatz!

Ein Glück, dass die Obrigkeit nicht immer so geschäftstüchtig war. Man stelle sich vor, schon der römische Kaiser Augustus hätte seine Statthalter in Judäa solche Urkunden ausstellen lassen. Was hätten die wohl gemacht am 24. Dezember 0000? Ohne zuverlässigen DNA-Test wäre ihnen doch gar nichts anderes übrig geblieben, als – wie im Falle meines Erstlings – den Josef zum Vater zu erklären. Und dann???

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23.12.2012, 12:00 Uhr

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