Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Sein Leben, mein Leben
Britta Sembach ist freie Journalistin und lebt in Brooklyn, New York. Foto: Gudrun Senger
Kolumne · Mein Trump-Land

Sein Leben, mein Leben

Ich gehe jetzt mit Donald Trump ins Bett. Und stehe morgens mit ihm auf. Also nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken. Nein, es ist etwas anderes: Ich versuche, in den Kopf und die Gefühlswelt des Mannes vorzudringen, der uns hier seit Anfang des Jahres regiert.

12.04.2017
  • BRITTA SEMBACH

Ich lese eine Biografie. Sie ist das letzte, was ich vor dem Einschlafen zur Hand nehme – und meistens schaue ich morgens vor dem Aufstehen noch einmal hinein.

Wenn ich sie abends zuklappe und das Licht lösche, stelle ich sicher, dass ich das Buch umdrehe, es also mit dem Cover nach unten neben mein Bett lege. Nicht auszudenken man würde nachts wach, machte das Licht an und das erste was man sähe, wäre sein Gesicht. Er sieht ziemlich grimmig darauf aus – aber das tut er ja meistens. Sei's drum. Es ist jedenfalls kein Gesicht, von dem ich mitten in der Nacht angeschaut werden möchte.

Beunruhigender als diese – zugegeben absurde Befürchtung – ist allerdings, was drin steht. Er hat immer schon angegeben und sich seine Wahrheiten zurechtgebogen, er verliert nicht gern und gibt nicht gerne nach. Aggression ist seit Jahrzehnten ein ständiger Begleiter – wie die Fotomodelle an seiner Seite.

Auch wenn ich vieles immer noch nicht nachvollziehen kann – ein bisschen besser meine ich ihn jetzt schon zu kennen. Auch wenn es keine vergnügliche Lektüre ist – das Ziel ist erreicht: Mehr über den Mann zu erfahren, dessen Namen der New Yorker Schriftsteller Paul Auster gar nicht mehr in den Mund nimmt. Er sagte letztens auf einer Lesung: „Als ich das Buch begann, war 2013, Obama war Präsident, und er, ich sage nicht den Namen, war sehr weit weg.“

Nun, seinen Namen nicht zu nennen – das ist mir hier und heute (noch) nicht gelungen, aber ich arbeite dran. Denn ich glaube mittlerweile, es lebt sich leichter, wenn man so tut, als gäbe es das alles gar nicht. Klar, man muss trotzdem ständig über ihn sprechen – dafür passiert einfach zu viel. Aber man kann ja den Namen verschweigen. Wie meine Freundin Gail aus dem Chor, in dem ich singe. Sie kam letztens auf mich zu und sagte: „Ich möchte mich persönlich bei Dir für ihn entschuldigen.“ Natürlich habe ich die Entschuldigung angenommen – und mir gewünscht, sie wäre nicht nötig gewesen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball