Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Volles Korn für die Jubiläums-Spätzle

Seit 1503 drehen sich die Mühlräder

REUSTEN (bei). Mindestens 500 Jahre lang steht die Äußere Mühle schon in Reusten. Am Wochenende feiert die Müllerfamilie Schill das Jubiläum. Zum Festmahl gibt es 1000 selbst gemachte Maultaschen und neu gemischtes Spätzlesmehl.

28.05.2003

Auf einer Holztafel ist die mit Dokumenten belegbare 500-jährige Geschichte der Äußeren Mühle in Reusten zusammengefasst. Was andernorts mit musealem Ernst zur Schau gestellt würde, spielt bei der Müllerfamilie Schill keine so große Rolle. „Wenn wir ehrlich sind, fast hätten wir das Jubiläum vergessen“, gesteht Irene Schill.

Die Mühle am Ortsausgang Richtung Altingen ist ein umtriebiger, spezialisierter Bauernhof. Das Silo-Gebäude zeigt moderne Blechverkleidung, die große Reithalle nimmt breiten Raum ein. Fast unbemerkt rauscht der Mühlkanal unter dem Hof durch. Die historischen Nachweise über die halbtausendjährige Geschichte trug Reinhold Bauer zusammen. Der geschichtsinteressierte Ortsvorsteher von Entringen fuhr früher für die Schills jahrelang Mehl aus und durchsuchte damals die Archive nach den Dokumenten über die Mühlengeschichte.

Schon 1293 wird ein Mühlplatz in Reusten erwähnt. Allerdings gibt es in Reusten zwei Standorte, die so genannte Äußere (jetzt Schillsche) Mühle und die Innere Mühle, die nur noch als Wohngebäude an der Wintergasse erhalten ist. Von 1503 gibt es ein Dokument, in dem die Aufgaben und Pflichten der Äußeren Mühle geregelt sind. Seither lassen sich über zehn Müllergenerationen die Besitzer zurückverfolgen. Beginnend vom ersten Bauer, Müller und Richter Michael Kraus waren es immer Kraus oder Krauß.

Eugen Schill, der 59-jährige jetzige Müller, überlegte, ob er nicht den alten Familiennamen wieder annehmen sollte. Erst sein Vater Gustav, gelernter Notar aus Stuttgart, der nach seiner Heirat mit Erna Krauß auf das Handwerk der Getreideverarbeitung umlernte, brachte den neuen Namen in die Mühlentradition.

Dann ließ es Schill doch bei Schill. Bezüge tief in die Vergangenheit gibt es auch ohne die Namenskontinuität. Den Mühleweg Richtung Tailfingen zum Beispiel. Den nahmen die Bauern aus dem Gäudorf, um in Reusten ihr Korn mahlen zu lassen. Sie waren nach den Vorschriften des Grundherren auf die Äußere Mühle gebannt.

Auch der Mühlewald im Schönbuch zwischen Breitenholz und Kayh erinnert an alte Rechte. Aufgereiht wie die Mühlen entlang der Ammer haben die Müller oder ihre Nachfahren dort Waldbesitz. Die Grundherren (erst das Kloster Bebenhausen, später das Haus Württemberg) stellten aus ihrem Wald das Holz, das die Mahlbetriebe für Wasserräder und Mühlenmechanik brauchten.

Mit Wasserkraft betreibt Eugen Schill auch heute noch seine vier Walzenstühle, auf denen er vor allem Weizen aus der Region vermahlt zum kleineren Teil auch Dinkel. Hat die Ammer zu wenig Wasser, übernimmt ein zwischen Turbine und Mahlwalzen geschalteter Motor die Arbeit. Wenn es nichts zu mahlen gibt, erzeugt der Motor Strom.

Wirtschaftlich leben die Schills nur zur Hälfte von der Mühle. Sie betreiben noch eine Backstube, einen Mühleladen und (nach der Ernte) eine Annahmestation für den Getreidehandel. Die andere Hälfte des Betriebsergebnisses macht die Pferdezucht. Eugen Schill ist Vorsitzender des Herrenberger Pferdezuchtvereins, die Familie züchtet Warmblüter für die Dressur.

In Pferdesportkreisen sind die Schills bekannt, die Verbindung zum Handwerk zeigen sie nebenbei. Ihr Paradepferd wurde diesen Winter in seinem Jahrgang als einer von vier baden-württembergischen Deckhengsten ausgezeichnet. Sein Name: Weltmüller. „Das lag nahe, sein Vater hieß Weltmaier“, erklärt Irene Schill.

Auch im Müllerberuf zeigt sich die Familie nach 500 Jahren innovativ. Nachdem fest stand, dass es zum Jubiläumsfest keine Pommes gibt („Das passt nicht“, sagt Irene Schill), sondern Gaisburger Marsch, musste für den Spätzlesteig das optimale Mehl gefunden werden. Müller Schill hat mit verschiedenen Mehlmischungen und Mahlgraden experimentiert. Beim familieninternen Testessen hatten die Spätzle aus Vollkorn die Nase vorn: „Überraschenderweise waren das eindeutig die besten.“ Also gibt es dieses Wochenende „Jubiläums-Spätzle“ in der Brühe mit Kartoffelschnitz.

Seit 1503 drehen sich die Mühlräder
500 Jahre oder noch länger steht die Äußere Mühle schon am Reustener Ortsausgang Richtung Altingen. Und dieses Foto ist auch schon über 100 Jahre alt. Es zeigt den Urgroßvater des heutigen Müllers mit seiner Familie und zwei Gesellen. Zu sehen ist das Mühlengebäude, das in seinen Grundmauern auf die ursprüngliche Mühle zurückgeht, noch ohne das vor rund 40 Jahren angebaute Silogebäude.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.05.2003, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball