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Seit 1885 ist der Treff in der „Eintracht“
Armin und Stefanie Neu, das heutige Gastwirts-Paar.
Ehgner-Treff beim Stegbeck

Seit 1885 ist der Treff in der „Eintracht“

Torbeck, Gscheiter Beck, Joosebeck: Sie alle sind dahin. Doch gibt’s noch den Stegbeck, offiziell „Wirtschaft zur Eintracht“. Dort haben viele Alteingesessene seit 125 Jahren bei der Familie Neu ihr zweites Zuhause. Am Sonntag wird in der Gaststube gefeiert: Die Doppelradler machen Musik.

10.12.2010
  • Ursula Kuttler-Merz

Rottenburg.„Werten Freunden und Gönnern von Stadt und Land zeige ich hiermit an, dass ich die frühere Stegbeck’sche Wirtschaft von Witwe Ulmer käuflich erworben habe und heute Samstag bei reinen Weinen und feinem Bier eröffnen werde“. Dieses Inserat von Bierbrauer Paul Wilhelm Neu erschien am 12. Dezember 1885 im „Neckarboten“ (siehe Bild unten). Damit begann die Geschichte der Familie Neu als „Eintracht“-Wirte. Inzwischen werden die Gäste bereits in der vierten Generation mit Viertelen und Vesper beglückt.

„Stegbecken“, das waren die Bäcker beim Steg über den Neckar. Vor der Ära Ulmer und Neu waren das Johannes Ruf, dessen Sohn Martin und Enkel Johann Evangelist. Martin Ruf ging noch aus im blauen Kirchenrock mit blauer Kappe, Schwiegertochter Marianna geb. Wendelstein trug „Goldhaub, Granatnuster (Kette), rotseidenes Halstuch und Taffentschurz“ (Taftschürze). Die Hälfte vom Haus in der „Maiergasse“ mit der alten Nr. 92 und einem „verbretterten Abtritt“ (Trocken-Klo) gehörte zeitweise Johannes Strobel „Hebammen Sohn“.

Der Steg über den Neckar, jahrhundertealte Verbindung von Ehingen nach Rottenburg, war Vorgänger der Unteren Brücke (heute Josef-Eberle-Brücke). Nachfolger der Rufs wurde 1880 der Küfer Karl Adolf Ulmer. Bei seinem frühen Tod 1884 hinterließ er nicht nur seine Frau und den vierjährigen Sohn Adolf, sondern einen Berg Schulden. Im Keller lagerten 350 Liter Wein, 200 Liter Branntwein und 110 Liter „Liqueur“, dazu 80 Hopfenrahmen. Als Viehbestand wurde „1 Hund 5 Mark“ vermerkt.

Verkauft wurde das Haus mit Weinstube, Scheuer, Miste und Gemüsegarten an Paul Wilhelm Neu, den Sohn von Ökonom Paul Neu und Marianna geb. Steiner. Wenige Wochen, nachdem er seine Wirtschaft eröffnet hatte, heiratete er die Bierbrauerstochter Theresia Kuch. Das Heiratsgut der beiden lässt auf einen bescheidenen Wohlstand schließen: „Cylinderuhr mit Kette“, „Portrait“, Seidehut und schwarzer Anzug, Samtjacken, Pelzgarnitur, Goldbrosche und 18 Zeuglesschürzen (Baumwoll-Schürzen). Doch hatten sie wegen des Hauskaufs auch Schulden.

Auf Paul Wilhelm Neu folgten als „Steegwirte“ 1921 – nach seiner Rückkehr aus englischer Kriegsgefangenschaft – Sohn Rudolf Neu (Architekt), 1953 Enkel Anton Neu mit Frau Kreszentia und seit 1996 Urenkel Armin Neu mit seiner Frau Stefanie – das aktuelle Gastwirts-Paar. Armin Neu arbeitet im Hauptberuf als Wassermeister bei den Stadtwerken. Vor zehn Jahren erschien für die sangesfrohen Gäste „Stegbecks Liederbuch“. Im selben Jahr komponierte Günther Springer als musikalische Liebeserklärung den Schunkler „D Eintracht“. 2001 wurde Armin Neu in die St. Urbansbruderschaft gewählt.

Beim Stegbeck treffen sich Liederkränzler, Stricklieselen, Musiker der Stadtkapelle und der Spielmannszug der Bürgerwache: Einer der Zapfenstreich-erprobten Mannen hatte schon mal als Lorbeerkranz einen Ring Schwarzwurst auf dem Haupt. Zum alten Mittwochs-Stammtisch gehörten Originale wie der Lokal-Poet Karl Diebold, der Butterle (Martin Ulmer), der Ruckgaber-Karle mit Trompete und der Stemmler-Ludwig samt Flügelhorn. Die Runde tauschte sich aus, erzählt Armin Neu, „über Freud und Leid, den Fouquet, die Viecher oder die Landwirtschaft“. Rudolf Walter organisierte unvergessene Ausflüge.

„Eintracht“-Traditionen sind bis heute das Kutteln-Essen an Jahrmarkt-Tagen und der herbstliche „Rottenburger Abend“ mit Musik, spontanen Programmeinlagen der Gäste und Versteigerung jener Dinge, die das Jahr über liegen blieben. Der Erlös kam der Weggental- und Dom-Chororgel zugute oder einem neuen Weihwasserwedel für Moriz-Pfarrer Hans-Georg Schmolke.

An der Fasnet geht’s hoch her: „D Klara hot morgeds om halb drei d Pauke gschlaga, mo grad dr OB reikomme isch“, berichtet Neu von der 92-jährigen „Fernäz“ (Klara Herre), die, wie viele Gäste, noch unverfälschte Rottenburger Mundart spricht. Sie wurde 2007 gar zur „Miss Eintracht“ gewählt wie zuvor schon Annette Heberle, die ihre schönen roten Haare abschneiden ließ als authentische Dekoration für Armin Neus Hexenmaske.

Nicht nur seinen Fasnets-Gästen hilft der Eintracht-Wirt zum Abschied in den vom nahen Kachelofen temperierten Kittel – so auch dem Alt-Klausenmesner Karl Neu, der unter der Tür noch ein Gschichtle erzählt: Als sein Kollege, der Mesner von Kiebingen, anlässlich seines 50-jährigen Dienstjubiläums vom Geistlichen gefragt wurde, was er für sein größtes Verdienst halte, habe der geantwortet: „Dass e emmer no katholisch bee!“

Seit 1885 ist der Treff in der „Eintracht“
Die „Eintracht“ des ersten Wirts Paul Neu auf einem Privatfoto, das wohl Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht wurde.

Seit 1885 ist der Treff in der „Eintracht“
Mit dieser Anzeige am 12. Dezember 1885 im „Neckarboten“ kündigte Paul Wilhelm Neu die Eröffnung seiner Wirtschaft an.

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10.12.2010, 12:00 Uhr

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