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„Dem Ötzi geht's gut“ · Interview mit Angelika Fleckinger

Seit 20 Jahren liegt der Mann aus dem Eis in einer Kühlkammer in Bozen

5200 Jahre lag der Eismann im Gletscher, seit 20 Jahren ist er der Star des Museums in Bozen. Obwohl er intensiv erforscht wurde, birgt er noch Geheimnisse, sagt die Direktorin Angelika Fleckinger.

27.03.2018

Von SVEN KAUFMANN

Liegt seit 20 Jahren bei minus 7 Grad in der Eiskammer: Ötzi ist ein Besuchermagnet. Foto: Robert Parigger/APA/dpa

Bozen. Der rund 5200 Jahre alte Ötzi hatte die Welt elektrisiert, als zwei deutsche Wanderer ihn 1991 im Gletschereis in den Alpen im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien entdeckten. Seit 1998 hat er ein Zuhause im Südtiroler Archäologie-Museum in Bozen, wo er mit seiner gesamten Ausrüstung ausgestellt wird. Wir haben mit Angelika Fleckinger, der Direktorin des Museums, über die Eis-Mumie gesprochen.

Frau Fleckinger, wie steht es um Ötzi nach 20 Jahren im Museum?

Angelika Fleckinger: Dem geht's gut. Er steht unter ständiger Beobachtung unserer Konservatoren und wird gehegt und gepflegt.

Werden wir ihn auch in 20 Jahren noch bewundern können?

Davon gehen wir stark aus. Es zeichnet sich nicht ab, dass Ötzi in den vergangenen Jahren Schaden genommen hätte oder Schaden nimmt. Aber wir planen ein Forschungsprojekt, in dem wir seine Konservierung unter die Lupe nehmen und prüfen, ob wir sie weiter optimieren können.

Ötzi muss permanent bei minus 7 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit aufbewahrt werden – haben Sie Angst vor Stromausfällen?

Nein. Wir verfügen über ein autonomes System mit Notaggregaten, damit könnten wir vier bis fünf Tage auskommen. Und wenn wir technische Probleme hier im Haus hätten, würde Ötzi ins Krankenhaus Bozen gebracht. Dort gibt es eine Kühlzelle, die permanent läuft und bereitsteht.

Angelika Fleckinger. Foto: A. Schwarz/Archäologiemuseum Südtirol

Über 700 Wissenschaftler weltweit haben die Mumie erforscht – birgt sie noch Geheimnisse?

Die großen Themen sind in der Tat abgearbeitet. Aber jetzt geht es ins Detail. Etwa im DNA-Bereich. Spannend ist: Wir haben heute andere Möglichkeiten als noch vor zehn Jahren. Und da die Technik sich weiterentwickelt, werden wir in fünf bis zehn Jahren Dinge untersuchen können, die wir jetzt noch gar nicht erahnen. Es wird immer Fragen zu einem Menschen geben, der vor über 5000 Jahren gelebt hat. Das macht ihn so einmalig.

Welches sind die letzten großen Ergebnisse in der Forschung?

Das sind sicher die DNA-Ergebnisse zu Ötzis Gesundheit. Er hatte eine Herz-Kreislauf-Insuffizienz. Das hat zur Folge, dass man darüber nachdenkt, ob die so genannten Zivilisationskrankheiten nicht doch schon in unseren Genen liegen – und wir manche durch unser Verhalten befördern können, aber nicht wirklich vermeiden. Die Verknüpfung der Eismann-Forschung zur modernen Medizin finde ich ungemein spannend.

Rekonstruktion: So soll der Eismann ausgesehen haben. Foto: Ochsenreiter/Südt. Archäologiemuseum/dpa

Die Gletscher schmelzen – rechnen Sie mit weiteren Funden, vielleicht gar mit einer Eisfrau für Ötzi?

Es gab in den letzten Jahren durchaus großartige Funde. So entdeckte man nicht weit von der Ötzi-Fundstelle einen Schnee-Schuh. Der ist einige hundert Jahre älter als der Eismann. Aber noch einmal eine sensationelle Mumie wie Ötzi zu finden, wird schwierig. Das waren schon besondere Umstände, dass er so gut erhalten war. Andere Funde wurden zum Beispiel vom Gletscher zermalmt. Meist findet man nur Kleidungs- oder Skelett-Reste.

Ist der Mann aus der Kupferzeit immer noch ein Besuchermagnet?

Aber ja, wir erwarten in diesen Tagen den fünfmillionsten Besucher. 2017 hatten wir einen Rekord mit 287?000 Besuchern. Die Räume werden eng. Wir hoffen, das Museum erweitern zu können. Für die Gäste, aber auch für andere archäologische Themen.

Hunderte Menschen aus aller Welt kommen täglich, um einen Blick auf Ötzi zu erhaschen. Sie haben ihn quasi für sich Zuhause. Besuchen Sie ihn manchmal auch alleine, nach Schließung des Museums?

Wenn ich morgens ins Büro gehe, komme ich bei ihm vorbei und gucke nach ihm, ob alles in Ordnung ist. Das ist ein eher konservatorischer Blick – aber natürlich auch ein emotionaler. Es ist immer noch außergewöhnlich, Ötzi hier zu haben. Er wird von uns allen im Museum als Mensch gesehen.

Zur Person: Dr. Angelika Fleckinger

Dr. Angelika Fleckinger (47) ist beruflich mit Ötzi eng verbunden. Sie hat Ur- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte und Archäologie studiert und arbeitet seit 1997 im Bozener Museum. Seit 2005 ist sie die Direktorin. Sie hat unter anderem die Bücher „Ötzi, der Mann aus dem Eis“ und „Ötzi 2.0“ geschrieben.

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Erstellt:
27. März 2018, 16:00 Uhr
Aktualisiert:
27. März 2018, 16:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. März 2018, 16:00 Uhr

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