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Im Zeichen der Paprika

Seit 23 Jahren betreibt Vladimir Ivkovic seinen Balkanshop

Immer mehr kleine Lebensmittelgeschäfte schließen ihre Pforten. Sogar viele bunte ausländische Läden, wie der Balkanshop in der Karlstraße einer ist, sind ein Modell auf Zeit.

04.09.2010
  • Katharina Mayer

Reutlingen. Wer die Tür zum „Balkanshop“ in der Karlstraße 28 öffnet, hat das Gefühl, das Tor zu einer anderen Zeit entdeckt zu haben. Einer Zeit, in der der Dorfladen noch als Synonym der großen Warenwelt galt.

Ein überschaubares Angebot prägt auch den „Balkanshop“. Wie der Name des Ladens schon vermuten lässt, stammt es zumeist aus den Gefilden des ehemaligen Jugoslawien.

Schwartenmagen aus Slowenien

Von dort kommen, wie Betreiber Vladimir Ivkovic weiß, ungefähr 3000 Reutlinger – es gibt also Bedarf an Spezialitäten, die über das hinausgehen, was der gemeine Discounter so bietet; heimische Süßwaren stapeln sich da etwa in den Regalen, Gewürzmischungen, Eingemachtes.

Und immer wieder Paprika. In allen Formen, Farben, Variationen und Schreibweisen. Kirschpaprika, Spitzpaprika, Tomatenpaprika. Eingelegt mit und ohne Kräuter, Essig oder Öl. Rot, gelb oder grün, vermutlich gibt es keine Sorte des Nachtschattengewächses, die nicht fein säuberlich aufgereiht in Ivkovics Regalen steht. Zwischen den Gängen scheppernde Gefriertruhen mit Börek, Teigtaschen und anderen gefrorenen Spezialitäten, auch Käse lässt sich da finden. Frisches Gemüse oder Obst sucht man allerdings vergeblich, Marmeladen und Konserven decken diesen Bereich ab.

Ajvar gibt es gleich in mehreren Sorten, die beliebte Würzpaste füllt ganze Regalebenen. Hergestellt wird übrigens auch sie aus: Paprika. Und trotzdem ist eben nicht dieselbe der Verkaufsschlager im Balkanshop: „Wurst, Fleisch, Wein, Schnaps und Gewürze“, zählt der Inhaber auf.

Darunter auch Dinge wie Schwartenmagen, der in Slowenien hergestellt wird und dort “Svargla“ heißt. „Eigentlich gibt es das nirgends mehr, das ist altmodisch“, meint Ivkovic und steht hinter seiner Fleischtheke, die man in wenigen Jahren problemlos in ein Museum integrieren könnte.

Zwanzig bis dreißig Leute fänden täglich den Weg in den Balkanshop, erzählt er, Tendenz fallend. „Die Leute haben einfach kein Geld.“ Und das hat auch Folgen für ihn als Unternehmer. Bis jetzt, sagte der 61-Jährige, sei es ja noch gegangen. Aber „was morgen ist?“, darauf habe er keine Antwort. So rosig wie früher sei es auf jeden Fall nicht mehr, obwohl immer noch gelte: „In Reutlingen hab ich keine Konkurrenz“. Ohnehin liegt die Hauptsaison für den Balkanshop um Weihnachten und Neujahr herum, wenn sich die Käufer auf althergebrachte Speisen und Bräuche besinnen.

1967, mit 18, ist Ivkovic nach Deutschland gekommen, ursprünglich stammt er aus Mostar. Ein Photo der im Bosnienkrieg zerstörten und wiederaufgebauten Brücke hat er auch in seinem Laden hängen.

Musik auf allen erdenklichen Tonträgern

Nicht allzu gut läuft auch das Geschäft mit den Musikkassetten, einem weiteren Anachronismus, dem Ivkovic treu bleibt. Das nämlich ist sein zweites Standbein. Videokassetten, DVDs und Musik auf allen erdenklichen Tonträgern verkauft er im rückwärtigen Teil seines Ladens, der von einem überaus handzahmen Porzellan-Hund geschützt wird.

Aber auch in diesem Sektor hat die Zeit Ivkovics Geschäftsmodell überholt. Die guten alten „Tapes“ sind ohnehin dem digitalen MP3-Format zum Opfer gefallen: „Die werden heute gar nicht mehr produziert“. Und gekauft schon dreimal nicht, denn die potenziellen Kunden „nehmen jetzt alles aus dem Internet“, und Ivkovic bleibt auf seinem Restbestand von „drei, viertausend Stück“ sitzen. Fazit: „Früher war alles besser.“

Mit Filmen gut im Geschäft

Wenigstens das Geschäft mit den Filmen läuft noch, ja, Kriegsfilme gebe es auch, die seien gefragt. Es gebe sogar gleich mehrere Firmen im ehemaligen Jugoslawien, die sich mit der Produktion von Kriegsfilmen beschäftigten.

Videoüberwacht sei auch der ganze Laden, verrät Ivkovic. Trotzdem vertraut er lieber auf seinen nostalgischen Rundspiegel, der ein bisschen an ein Ufo erinnert. Den Balkanshop, den er seit mittlerweile 23 Jahren betreibt, hat Ivkovic sehr persönlich eingerichtet. Plakate und Kalenderseiten mit Stars und Sternchen aus der Heimat zieren die Wände ebenso wie zahlreiche Postkarten und Fahnen.

Über alledem dreht ein großer Ventilator gemächlich seine Kreise. Wie es weitergeht? Er brauche noch zwei Jahre bis zur Rente, schmunzelt er. Dann „hab ich genug.“ Es bleibt also noch einige Zeit, das Angebot im „Balkanshop“ zu entdecken.

Seit 23 Jahren betreibt Vladimir Ivkovic seinen Balkanshop
Vladimir Ivkovic vor dem bunten Sortiment des Balkanshops, den er sehr persönlich eingerichtet hat. Bild: Franke

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04.09.2010, 12:00 Uhr

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