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Das Auge des Gesetzes

Seit 32 Jahren ist Günter Straub als Polizist in Ergenzingen vor Ort

Ein Polizeiposten, acht Ort- schaften mit 13.000 Einwohnern: Die Hälfte davon kennt er mit Namen, „90 Prozent vom Gesicht“, schätzt Polizeihauptkommissar Günter Straub. Seit 40 Jahren ist er im Polizeidienst, 32 Jahre davon in Ergenzingen.

26.09.2012
  • Fred Keicher

Ergenzingen. Manche Amts- und Würdenträger denken beim Ausscheiden nach zehn, zwölf Jahren, das sei eine lange Zeit gewesen. Der 58-jährige Günter Straub kann da nur milde lächeln. „Ich sag dem dann, ich hab deinen Vorgänger noch gekannt.“ Oder zwei oder drei oder vier.

Seit 1975 wohnt Straub in Ergenzingen, seit 1980 ist er der Polizist vor Ort. „Ich kenn meine Pappenheimer“, sagt er. Und nicht nur die. Unschätzbar ist seine Personen- und Ortskenntnis. Und zuständig ist der Polizeiposten mit drei Beamten für alles außer Kapitalverbrechen. „Wir sind die Zehnkämpfer im Polizeidienst“, sagt Straub über sich und seine Kollegen. Vor Ergenzingen war er bei der Böblinger Kripo, Abteilung P, Prostitution und Zuhälterei: „Anderthalb Jahre, aber die zählen als zehn.“

Ergenzingen, sagt Straub, sei in vielem und vor allem arbeitsplatzmäßig sehr nach Böblingen orientiert. Früher habe jeder Zweite beim Daimler gearbeitet, heute nur noch jeder Dritte. Das seien die Auswirkungen der Gewerbeansiedlung in Ergenzingen. Allerdings gebe es kaum noch Geschäfte im Ort. Wegen der Verbindung zu Daimler als Arbeitgeber ist die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich, hauptsächlich aus der Türkei, die laut Straub sehr für sich bleiben.

Der Polizeibeamte kennt die türkischen Namen und Verwandtschaftverhältnisse. Lebhaft in Erinnerung sind ihm die Schlägereien zwischen deutschen und türkischen Jugendlichen 1996. Er war damals Mitglied der Stadtteilkonferenz, der es dann auch gelang, die Situation zu entschärfen. Die Stadtteilkonferenz erhielt damals den Präventionspreis des Landes. Allerdings haben die knapp 30 Ergenzinger Vereine keine Türken als Mitglieder, außer beim Fußball.

Die Jugend brauche Anlaufstellen, sagt Günter Straub. Mit den Latschare-Plätzen an der Kirche und am Schlachthäusle habe es immer Ärger gegeben. Der Jugendraum habe das verbessert. Sorge macht Straub der übermäßige Alkoholkonsum der Jugendlichen an der Tanke. Gerade dort mache es eine Gesetzeslücke möglich, dass die ganze Nacht Alkoholika gekauft werden können.

Seine schlimmsten Aufgabe ist, eine Todesnachricht zu überbringen. Neulich sei eine Mutter bei ihm gewesen, die vor fast zehn Jahren ihr Kind verloren hatte. Sein Anorak hatte sich an der Tür des Ruftaxi eingeklemmt, es wurde zu Tode geschleift. Sie werde die Bilder nicht los, sagte die Mutter. Straub sagte ihr: Er auch nicht. „Man denkt ja, man hat alles gesehen. Erstochene, Verbrannte. Und dann kommt der Einsatz 2004 beim Überlinger Flugzeugunglück. Da liegen die Kinder, die aus 12 000 Metern heruntergefallen sind.“ Wie er mit den Bildern umgeht? „Wahrscheinlich sind wir Polizisten die Weltmeister im Verdrängen.“

Umso wichtiger sind für Straub seine Hobbys. Polizistenmützen hat er gesammelt, Koi-Karpfen gehalten: Sein Dienstzimmer ist geschmückt mit Farbbildern dieser bunt-gefleckten Fische. Für seinen Ruhestand, der unter Umständen schon in zwei Jahren beginnt, hat er schon einen Plan: mit dem Wohnmobil auf Reisen gehen, Europa von Norwegen bis Sizilien. Kanada lockt und Neuseeland: Kontakte zu Kollegen hat Straub schon geknüpft.

Seit 32 Jahren ist Günter Straub als Polizist in Ergenzingen vor Ort
Günter Straub vor seinem Aktenschrank. Auf den Ordnern steht etwa Fahrraddiebstahl, BTM (Rauschgift) und Si-Lei (Sicherheitsleistungen mit Quittungsvordrucken auch auf afghanisch). Auf dem dicksten Ordner steht Waffenanträge. Um die 400 Waffenbesitzer gibt es in seinem Bezirk. Bild: Keicher

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26.09.2012, 12:00 Uhr

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