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Einfach bestrickend

Seit 50 Jahren treffen sich fünf Frauen im Winterhalbjahr jeden Freitag

Mit ihren Socken und Pullovern könnten sie ganz Unterjesingen warm einkleiden. Seit 50 Jahren treffen sich fünf Frauen von November bis April jeden Freitagabend zum Stricken und Reden. Ihre Familien haben das stets unterstützt: „Ganget no.“ Das galt auch für ihre Reisen – ob nach Sylt oder nach Monaco.

31.12.2014
  • Ute Kaiser

Handarbeiten in geselliger Runde: Das hat Tradition. Bis ins vergangene Jahrhundert hinein trafen sich junge Frauen reihum, um ihre Aussteuer zu fertigen. Die Lichtstuben in den langen Nächten gehörten zum dörflichen Leben. Als die Unterjesingerinnen zusammenfanden, waren sie alle schon vergeben und hatten Kinder. Doch auch die galt es zu bestricken oder zu behäkeln – mit großer Ausdauer. Die Treffen gingen früher durchaus bis 2 oder 3 Uhr morgens. „Da waren die Straßenlichter schon aus“, sagt Waltraud Zeller. Kein Wunder, dass die Frauen schnell das Etikett „Nachteulenclub“ hatten.

Waltraud Horn ist von Anfang an dabei gewesen. Sie schafft an einem Abend fast einen ganzen Socken, loben ihre Mitstrickerinnen. „Sie ist unsere Fleißigste“, so ihre Cousine Ilse Krebs, die diesmal das Treffen ausrichtet. „Ich brauche abends was in die Hand, wenn ich stricke, bleibe ich wach“, sagt Waltraud Horn. Mann, Söhne und Enkel freuen sich über die dicken Socken mit Zopfmuster.

In den Gläsern perlt Sekt. Auf dem Tisch stehen Käsestangen und Plätzchen. Früher, als die Stricknächte noch viel länger waren, gab es Kaffee und Kuchen, Vesper oder Quiche Lorraine mit Salat. Am Anfang gehörten Horns Schwägerin Martha und ihre Freundin Hilde zur Runde. Die eine wanderte vor 31 Jahren mit Mann und sechs Kindern nach Kanada aus. Die andere zog mit ihrem Gatten, der Verwalter auf Schloss Roseck war, ins Oberland.

Als der Nachwuchs klein war, traf sich das Strickquintett erst um 20 Uhr. „Da mussten die Kinder im Bett sein“, sagt Renate Schmidt. Waren sie Schüler, hatten sie samstags Unterricht. Einmal hat Ilse Krebs verschlafen, ihr Mann musste die Kinder in die Schule fahren. „Nie wieder“ hat sie sich geschworen. Und es eingehalten. Die Töchter und Söhne fanden die Frauentreffen offenbar nicht nur toll. Waltraud Horns Sohn Hans-Peter, erzählt sie, stand eines Abends auf dem Fensterbrett und schrie: „Meine Mama ist immer fort und lässt mich alleine.“

Reihe um Reihe – zum Reinwachsen

Eine Anekdote ergibt beim Gegenstück zum Männerstammtisch die nächste. Die Strickerinnen erinnern sich noch gut an die kornblumenblaue Jacke, die Waltraud Horn für ihren Filius fertigte. Sie reichte ihm – zum Reinwachsen – fast bis zu den Füßen, verrät eine aus der Runde unter großem Gelächter aller.

Renate Schmidt wohnte mit ihrer Familie schräg gegenüber von den Horns. Der Kontakt entstand über die Kinder. Schmidts Tochter Petra und Horns Sohn Hans-Peter spielten oft zusammen. Beide träumten damals davon, später ein Café in den Unterjesinger Weinbergen zu eröffnen. Aus diesem Plan wurde zwar nichts. Aber Petra hatte lange Jahre ein Restaurant in Frankreich, und Hans-Peter ist Wirt im Tübinger „Casino“. Einmal gab Renate Schmidt für die Kinder den Nikolaus. Mit dem Satz „mein lieber Schwoon“ hat sie sich enttarnt.

Stricken stärkt den Zusammenhalt. Die gebürtigen oder eingeheirateten Unterjesingerinnen der Jahrgänge 1936 bis 1942 sind ein starkes Team. Auch beim Reisen. Die Frauen zog es schon nach Berlin, wo sie unter anderem den Kudamm entlang schlenderten. Und sich „immer mal wieder verloren“, wie Waltraud Zeller sagt. Sie genossen auf Sylt Pharisäer (Kaffee mit Rum und aufgesetzter Schlagsahne). Sie waren in Wien, Salzburg und am Luganer See. Sie spazierten durch Monaco – „1982, im Jahr als Grace Kelly verunglückte“, so Helga Seibold.

In San Remo lernten sie eine Tochter und ihren Vater aus Stuttgart kennen. Die Bekanntschaft zu „Vatterle“ und seiner Tochter, wie ihn alle nannten, pflegten die Unterjesinger Strickfrauen über Jahre hinweg. Sie besuchten sich gegenseitig. Einmal kochte „Vatterle“ für seine Gäste Bratknödelsuppe, wie Helga Seibold noch genau weiß.

„In 50 Jahren hat mich das Strickvirus nie richtig ergriffen“, stapelt Helga Seibold tief. Dabei hat auch sie mindestens eine große Decke, ein Bettjäckchen und einen Hahnentrittpullover fertigt bekommen. Zum 25-jährigen Bestehen haben die fünf Frauen eine Leine aufgespannt und alles aufgehängt. Die war prallvoll. Aber Handarbeit ist nicht alles. Es wird auch geredet. Schließlich taten sich die jungen Mütter auch zusammen, um sich nett zu unterhalten. „Wir haben nie Streit gehabt“, sagt Renate Schmidt über all die gemeinsamen Jahre.

Der Gast hört tolle Geschichten. Etwa wie Ilse Krebs, Friseurin im Tübinger Salon Abele, einmal Kurt Georg Kiesinger die Haare schneiden musste – in seinem Privathaus in Bebenhausen. Das hat sie so gut gemacht, dass der Bundeskanzler seinen Chauffeur erneut in den Salon in der Neckargasse schickte, um „die schwarzhaarige Friseuse“ zu holen. Ilse Krebs – keine Spezialistin für Herrenfrisuren – war das zu aufregend. Sie bediente in der Regel Kiesingers Mutter. Deshalb bat sie ihren Chef, den Auftrag zu übernehmen.

Dörfliches Leben nach altem Muster

Wer eine Ortschronik schreiben wollte, müsste auch die Strickfrauen befragen. Sie kennen die dörflichen Gepflogenheiten alter Tage. „Früher sind die Frauen im Schurz einkaufen gegangen“, sagt Waltraud Horn, die im Gasthaus „Löwen“ geboren und groß geworden war. Einmal ging sie ohne ihre Kittelschürze auf die Gasse. Und wurde prompt von Onkel Karle erwischt. Sein Kommentar mitten auf der Straße: „Hast du immer Sonntag?“ Er sei halt ein „rechter Raubautz“ gewesen.

Die soziale Kontrolle hat funktioniert. Früher, als es nicht so viele Zugezogene gab, kannte in Jesingen jeder jeden. Allein mit der Frage, wie sich das Dorf seit 50 Jahren verändert hat, ließe sich nochmal ein ganzer Abend bestreiten. Doch das wäre eine andere Geschichte.

Seit 50 Jahren treffen sich fünf Frauen im Winterhalbjahr jeden Freitag
Ein Prost auf 50 Jahre gemeinsame Freitagabendgestaltung in den dunklen Monaten: Die Unterjesingerinnen (von links) Ilse Krebs, Helga Seibold, Waltraud Horn, Renate Schmidt und Waltraud Zeller (nicht auf dem Bild) saßen früher oft bis in die Puppen zusammen. Das brachte ihnen den Nicknamen „Nachteulenclub“ ein.Bild: Faden

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31.12.2014, 12:00 Uhr

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