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Eine Karosse aus dem Kanzleramt

Seit bald 40 Jahren fährt der Rottenburger Josef Fäßler ein außergewöhnliches Automobil

Gut möglich, dass auf dem blauen Leder schon der Schah von Persien mit Soraya gesessen hat und sogar die Queen. Denn Josef Fäßlers Mercedes 300 Cabrio D gehörte einst zum Bonner Fuhrpark.

24.09.2010
  • WALTHER PUZA WALTHER PUZA

Rottenburg. Das Auto stammt aus einer Zeit, in der sich Staatsoberhäupter noch gerne im offenen Wagen zeigten und gepanzerte Limousinen mit verdunkelten Scheiben noch nicht der Standard waren.

Ende 1951 rollte Josef Fäßlers riesiges viertüriges Cabrio vom Band. Die Daimler Benz AG hatte sich gerade erst vom Krieg erholt und bis dato noch keine Neuentwicklung zustande gebracht: „Mercedes stand aber unter dem Druck, möglichst bald wieder ein Repräsentationsfahrzeug der Luxusklasse auf den Markt zu bringen“, erzählt Fäßler. Gewieft gingen die Stuttgarter die Sache an: Wirklich neu entwickelt hätten sie nur den Motor, erklärt der technikbegeisterte, ehemalige Rektor der Realschule Rottenburg.

Die Fachwelt war hellauf entzückt

Den 800 Kilo schweren Rahmen, auf den die schwungvolle Karosserie gesetzt wurde, hätten sie einfach von einem Vorkriegsmodell übernommen, ebenso die Hinterachse und das Getriebe, dem als Besonderheit eine Synchronisation beigegeben wurde. „Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt hat er die Fachwelt in helles Entzücken versetzt, weil er die Stilelemente des bisherigen Mercedes weitergeführte, sie aber mit moderner Form und Luxuseinrichtung verband.“

Dass die Neuentwicklung des Motors eine Meisterleistung war, zeigt sich noch heute. Mit niedrigen Drehzahlen schnurrt er ruhig vor sich hin und ermöglicht ein sanftes Dahingleiten. 115 PS aus drei Litern Hubraum in sechs Zylindern treiben den fünf Meter langen und 1 900 Kilo schweren 300-er an.

Kein anderer bot so viel offenen Luxus

„Klein, leicht, effizient und ausbaufähig“, habe die Devise für die Entwicklung des Motors gelautet; mit Modifikationen hat der Dreiliter-Sechszylinder dann auch mehrere Generationen von Mercedes-Modellen angetrieben, sogar den berühmten Flügeltürer. Aber keines der anderen Modelle bot und bietet den offenen Luxus des Mercedes 300 Cabrio D, noch dazu mit vier Türen: für die steht nämlich das D und nicht für Diesel. Ein Luxus, den Fäßler mit seiner Familie seit 1971 genießt. Fäßler: „Weil die Kinderzahl sich erhöht hat, war klar, dies Auto ist auch für die Ferien da.“ Also ließ der Vater dreier Töchter von einer Karlsruher Spezialfirma eine Anhängerkupplung fertigen und kaufte einen Wohnwagen. Mit diesem Gespann ging es über Jahre sommers an den Badesee und zu Ostern nach England. Es sei ideal gewesen, da im Mercedes hinten Platz für eine komplette Kinderstube ist: „So konnten wir ungeniert fahren so lange wir wollten.“

Je älter, desto weniger Reparaturen braucht er

Viele tausend Kilometer haben die Fäßlers so runtergespult. „Er ist ein sehr zuverlässiges Auto, das im Alter immer weniger Reparaturen braucht. So merkwürdig es klingt: Er wird immer besser“, schwärmt sein Besitzer. Als der Pädagoge ihn kaufte, sah das zunächst noch anders aus. 300 000 Kilometer dürfte der Wagen mit seinen 20 Jahren da schon auf dem Buckel gehabt haben. Der Zustand sei desolat gewesen, der Motor nur mit fünf Zylindern gelaufen, ein Bremspedal sei zwar vorhanden gewesen, aber Wirkung habe ein Druck darauf keine erzielt.

Eigentlich habe sich die Erbengemeinschaft eines Kölner Anwalts mit dem Verkauf des Mercedes einen großen Batzen Geld erhofft gehabt. Schließlich hatte der in den 1950-er Jahren mit einem Neupreis, für den auch zehn VW Käfer Export-Modelle zu bekommen gewesen wären, die Hitparade der teuersten Autos angeführt. In einen richtigen Familienzwist sei er deshalb hineingeraten. Schließlich kaufte der Rottenburger den Mercedes trotz aller Mängel. Die Erbengemeinschaft konnte sich mit dem erzielten Erlös aber nicht einmal gemeinsam einen Käfer in Basisaustattung leisten.

Ohne größere Probleme überführte Fäßler seinen neuen alten Wagen an den Neckar, wo er als erstes den Motor fachmännisch instand setzen ließ. Noch heute heißt es: „Die Kupplung ist das Fitnessprogramm, die Bremse übrigens auch.“

Die Standartenhalter sind noch dran

Davon wird die Queen neben Bundeskanzler Konrad Adenauer nichts gemerkt haben, genauso wenig wie der Schah und seine Gemahlin Soraya. In alten Wochenschauen, erzählt Fäßler, habe er unter lauter schwarzen Limousinen ein helles 300-er Cabrio gesehen. „Das muss er gewesen sein.“ Die Standartenhalter aus den Jahren beim Bundeskanzleramt trägt der Wagen jedenfalls bis heute an seiner Front.

Mit Flaggen bestückt werden die Kotflügel heute aber höchstens mal bei Hochzeiten im Verwandten- und Freundeskreis. Josef Fäßler gibt mit seinem Auto nicht an. Auch an Rallyes („ein Markt der Eitelkeiten“) habe er deswegen nie teilgenommen – außer 1975, als er sich zum Mitmachen beim Ersten Rottenburger Veteranen-Turnier des Motor-Sport-Clubs überreden ließ und prompt einen Pokal gewann, nachdem er das riesige Cabrio mutig über eine Holzwippe balanciert hatte.

Seit bald 40 Jahren fährt der Rottenburger Josef Fäßler ein außergewöhnliches Automobil
as Mercedes 300 Cabrio D gerhörte zum Fuhrpark des Bundeskanzleramtes, bevor Josef Fässler das Gefährt kaufte und an den Neckar überführte. Bild: Mozer

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24.09.2010, 12:00 Uhr

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