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Mädchen, Mutti und Monarchin

Seit zehn Jahren ist Angela Merkel Kanzlerin - Hat jetzt ihr Abstieg begonnen?

Angela Merkel regiert seit zehn Jahren. Ausgerechnet zum Amtsjubiläum bröckeln aber Macht und Autorität der CDU-Vorsitzenden. Doch ob damit ihr Abstieg schon begonnen hat, ist längst nicht gewiss.

20.11.2015
  • GUNTHER HARTWIG

Am 22. November 2005 wurde Angela Merkel, die zwei Monate zuvor mit 35,2 Prozent das zweitschlechteste Ergebnis der Union bei einer Bundestagswahl erzielt hatte, zur Bundeskanzlerin gewählt. Sie ist die erste Frau seit 1949 in diesem Amt. Gerade hat das Allensbach-Institut ermittelt, dass 56 Prozent der Deutschen die 61-Jährige für eine starke Kanzlerin halten. Das sind zwar deutlich weniger als im Februar 2013 (61 Prozent), aber wesentlich mehr als vor zehn Jahren, als bloß 32 Prozent der befragten Bundesbürger damit rechneten, dass Merkel eine starke Regierungschefin werden würde.

Nun kommen allerdings auch die Demoskopen vom Bodensee nicht an der Feststellung vorbei, dass "die Zufriedenheit mit dem Kurs von Frau Merkel abseits der Flüchtlingsthematik nur begrenzt gelitten" habe, doch sei die Bevölkerung in der aktuellen Frage der Zuwanderung "auf Distanz" zur Kanzlerin gegangen. Und nicht nur das Volk - selbst im eigenen Parteilager, bei CDU und CSU, wächst die Zahl derer, die sich im Konflikt um die Flüchtlinge offen gegen ihre bislang alternativlos erscheinende Frontfrau in Stellung bringen.

Während Angela Merkel bei US-Präsident Barack Obama, der SPD-Spitze und den Grünen viel Lob für ihre "Willkommenskultur" beim Empfang syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge eingeheimst hat, musste sie sich in der Union heftige Vorwürfe gefallen lassen. Die CSU nannte die Kanzlerin gar eine "Traumtänzerin". Mitten in der hitzigen Debatte über Transitzonen, Obergrenzen und Notmaßnahmen schlugen in Paris die IS-Terroristen zu - und plötzlich bewegt ein anderes Thema Politik und Öffentlichkeit. Die Krise hat einen neuen Namen.

Daher scheint der Aufstand gegen Merkel für den Moment aufgeschoben, zumal sie ihren Kurs in den vergangenen Wochen Zug um Zug verändert hat. Nicht so grundsätzlich, dass sie ihr trotziges Diktum - "Dann ist das nicht mein Land!" - einkassieren müsste, aber immerhin so deutlich, dass der "Spiegel" schon von einer "stillen Kapitulation" vor ihren Kritikern Horst Seehofer, Wolfgang Schäuble und Thomas de Maizière schreibt. Dieses Mal haben ihre parteiinternen Gegner faktisch die Linie der Union verschoben, anders als beim Atomausstieg, dem Ende der Wehrpflicht oder der Einführung der Homo-Ehe, als die Kanzlerin selbst die traditionelle Programmatik der CDU durch praktisches Regierungshandeln konterkarierte.

Überhaupt ist in diesen dramatischen Zeiten die über weite Strecken ihrer bisherigen Kanzlerschaft probate Methode des Abwartens und Moderierens an ihre Grenzen gestoßen. Was kluge Kommentatoren eine Weile als Merkels "Kunst der Normalität" rühmten, als ebenso unaufgeregte wie unspektakuläre Art, vom Ende her zu denken und von hinten zu führen, taugte schon während der Banken- und Euro-Krise nur noch bedingt zur Problemlösung. Neuerdings macht die Bundeskanzlerin auf Beobachter und Weggefährten sogar einen eher zwiespältigen Eindruck - sie gibt sich unbeirrt gelassen, aber zunehmend ratlos.

Als Superfrau oder Heldin hat sich die promovierte Physikerin mit DDR-Biografie, Helmut Kohls "Mädchen", ja ohnehin nie aufgeführt, insofern passt sie durchaus ins Bild dieser von Soziologen so genannten postheroischen Ära. Freilich wurde schon öfter bemängelt, dass es Angela Merkel, der Quasi-Monarchin der EU und mächtigsten Frau der Welt, an einem großen Plan fehlt, an einer überwölbenden Idee für die weitere Entwicklung dieses Kontinents, ihres Landes und einer Gesellschaft im Wandel. Die Fragen lauten also: Wohin will sie mit Deutschland und Europa? Und: Was macht sie mit und aus ihrer Macht?

Doch könnte sich die vermeintliche Leerstelle im Merkelschen Zukunftspanorama ohne ihr Zutun inzwischen von selbst gefüllt haben. Wenn nicht alles täuscht, ist die lange vermisste Signatur ihrer Kanzlerschaft gefunden - die Bundesrepublik als Einwanderungsland. Das darf man getrost als eine List der Geschichte betrachten. Es ist noch gar nicht so lange her, da leugneten maßgebliche Vertreter der Union noch standhaft, dass Deutschland auf dem Weg zum Einwanderungsland sei. Bei der Feier zum 70. Geburtstag der CDU vor wenigen Monaten hatte Angela Merkel diesen Parteifreunden verschmitzt lächelnd prophezeit: "Das lernen wir auch noch."

Nun wird sich zeigen, ob die Mehrheit der Bürger und vor allem ihre eigenen Leute diese Lektion auch tatsächlich lernen wollen - und ob die Vorsitzende kurzfristig ein überzeugendes Konzept zur Aufnahme und Integration von Millionen Zuwanderern aus dem Hut zaubert. Nur dann wären die ersten Abgesänge auf eine Kanzlerin, die nach einem Jahrzehnt an der Spitze die üblichen Verschleißerscheinungen zeigt, verfrüht und alle Zweifel daran, dass "Mutti" die akuten Herausforderungen am Ende doch schafft, bis zum nächsten Wahltag im Herbst 2017 verflogen.

Seit zehn Jahren ist Angela Merkel Kanzlerin - Hat jetzt ihr Abstieg begonnen?
Die "Raute der Macht": Diese Geste Merkels, hier beim diesjährigen Bürgerfest im Schloss Bellevue, wurde charakteristisch für ihr Auftreten. Die CDU warb sogar auf Wahlplakaten damit. Foto: dpa

Seit zehn Jahren ist Angela Merkel Kanzlerin - Hat jetzt ihr Abstieg begonnen?
"Sie kennen mich" - Kanzlerin Angela Merkel bei ihren Neujahrsansprachen in den Jahren 2005-2014 (von oben links nach unten rechts). Aktuell ist sie die am längsten amtierende Regierungschefin in der Europäischen Union. Fotos: dpa

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20.11.2015, 12:00 Uhr

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