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Zeitbomben im Frühling

Sekou Traoré mit seinem Film „L’Oeil du cyclone“ bei den Filmtagen

Der Polit- und Justizthriller „L’oeil du cyclone“ von Festivalgast Sekou Traoré rührt an den Problemzonen vieler afrikanischer Staaten. Es geht um korrupte Eliten, um Rebellen, die sich selbst bereichern, und vor allem um Kinder, die zu Kampfmaschinen umprogrammiert werden.

06.11.2015
  • Klaus-Peter Eichele

Tübingen. Traoré stammt aus Burkina Faso, wo der Film teilweise auch gedreht wurde – der Schauplatz der Geschichte ist allerdings ein fiktiver. Das Theaterstück, auf dem der Film beruht, „war psychologisch angelegt und hat sich nicht so sehr mit den politischen Hintergründen beschäftigt“, erklärt er im Interview. Das habe er in seiner Adaption zwar korrigiert – allerdings mit Versatzstücken aus verschiedenen Regionen.

Der Missbrauch von Kindern als Soldaten, sei derzeit im Kongo akut, Korruption gebe es fast überall, und die Rebellion am Ende des Films spiele auf seine Heimat Burkina Faso an – auch wenn der echte Aufstand, mit dem die dortige Bevölkerung vor Jahresfrist den Langzeit-Diktator Blaise Compaoré aus dem Amt gejagt hat, erst einen Monat nach dem Ende der Dreharbeiten losgebrochen sei. „Die Zeichen standen aber schon vorher auf Sturm“, so Traoré.

Im Mittelpunkt seines in weiten Teilen kammerspielhaften Films steht eine junge Anwältin aus der Oberschicht. Ihr wird angetragen, die Verteidigung eines Rebellenkriegers zu übernehmen, der für Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich sein soll. Tatsächlich rühmt sich der Kerl bei der ersten Begegnung schamlos seiner Morde und Vergewaltigungen. Doch nachdem die Juristin etwas Vertrauen aufgebaut hat, verschwimmt das klare Bild. So stellt sich heraus, dass die vermeintliche Bestie schon als Achtjähriger für die Rebellenarmee, die Diamantenminen kontrolliert, rekrutiert wurde. Und über den Krieg zwischen Regierung und Rebellen findet die Anwältin Dinge heraus, die den Mächtigen – nicht zuletzt ihrer eigenen Familie – höchst unangenehm sind.

Traorés Hauptanliegen ist das Schicksal von Kindersoldaten – vor allem jener, die nach ihrer Gefangennahme oder dem Ende von Konflikten ins zivile Leben zurückkehren, ohne im geringsten darauf vorbereitet sein. „Das sind Zeitbomben“, sagt der Regisseur – und führt das am Ende seines Films auch drastisch vor Augen. Um sich im Frieden zurechtzufinden bräuchten diese zu Mordmaschinen abgerichteten Menschen unbedingt psychologische Hilfe. Allerdings gebe es – zum Beispiel – in ganz Burkina Faso fünf Psychiater für 18 Millionen Einwohner.

In einem zweiten Strang des Films wirft Traoré einen kritischen Blick auf die Eliten in afrikanischen Staaten, die sich an ihre Macht klammern und sich, oft mit Unterstützung des Westens, ungeniert selbst bereichern. Wer von Kindersoldaten spricht, kann die politischen und wirtschaftlichen Interessen, die zu ihrer Rekrutierung führen, nicht ausblenden – so die Devise des Regisseurs. Allerdings sei ein Großteil der Bevölkerung der korrupten Gangs an der Staatsspitze inzwischen überdrüssig. Das habe die Revolution in Burkina Faso im Oktober 2014 gezeigt. Erst vor sechs Wochen wurde der Versuch der alten Eliten, die Macht zurückzuerobern, zurückgeschlagen.

Für Traoré ist der Aufstand in seinem Heimatland Vorbote eines afrikanischen Frühlings, der vermutlich auch andere Staaten erfassen werde. Einige hätten aus Furcht bereits demokratische Reformen eingeleitet. Für die Bevölkerung komme es jetzt darauf an, aus den Fehlern, die den arabischen Frühling in einen Winter verwandelt haben, Schlüsse zu ziehen. Traoré empfiehlt: „Hände weg von Waffen“.KLAUS-PETER EICHELE

Info: „L’Oeil du cyclone“ läuft am Samstag, 20.30 Uhr, im Atelier und am Sonntag, 22.30 Uhr, im Museum. Traoré und andere Filmemacher diskutieren am Samstag um 16 Uhr im Atelier über das Kino und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in Afrika.

Sekou Traoré mit seinem Film „L’Oeil du cyclone“ bei den Filmtagen

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06.11.2015, 12:00 Uhr

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