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Tagsüber draußen

Sergej hat als „Freigänger“ Privilegien

Vor den Mauern der geschlossenen Vollzugsanstalt steht das sogenannte Freigängerheim. Dort leben 21 Männer, die einer festen Arbeit nachgehen oder in Ausbildung sind. Sergej ist einer von ihnen.

14.06.2012
  • Beat Seemann, 20

Sergej fühlt sich manchmal wie in einer Jugendherberge. Seit März ist das so – so lange lebt er schon im Freigängerheim. Davor war er zwei Monate lang hinter der fünf Meter hohen Mauer. Das sei schon krass gewesen, „abends ging die Tür zu und morgens wieder auf“. Doch er habe viel Zeit gehabt, um über seine Fehler nachzudenken, sagt der 25-Jährige. Es sei schon hart, doch er habe „gelernt, von dem ganzen Müll wegzukommen“.

Wenn Sergej Glück hat, wird er im Juli entlassen, andernfalls endet seine zehnmonatige Haftstrafe im Dezember. Dass er nun tagsüber seiner Ausbildung in einem Industriebetrieb nachgehen darf, hat er seinem positiven Verhalten und den negativen Urintests in der sogenannten Beobachtungszeit zu verdanken. Diese musste er abgeben, da er wegen Fahrens ohne Führerschein und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt wurde.

Sergejs Tag beginnt um 4 Uhr morgens, um 18 Uhr ist er wieder in Rottenburg. Vier Stunden Bahnfahrt täglich. Seine Kollegen wissen, dass er in Haft ist: „Die haben mich ausgelacht, dass ich so dumm bin und hier reinkomme“, erzählt er Auch seine Familie und die Freunde hätten nur auf den Tag X gewartet, an dem es soweit wäre. Am Abend macht Sergej im Freigängerheim nicht mehr viel: duschen, fernsehen, kochen, essen, trainieren, lernen und vor allem früh schlafen gehen. Nach draußen darf er dann nicht, ab 23 Uhr ist das Stockwerk abgeschlossen.

Im Gefängnis entwickeln sich keine Freundschaften, sagt der 25-Jährige. Kontakte blieben auf eine Minimum beschränkt: „Die, mit denen ich mich drin gut verstehe, brauche ich draußen nicht.“ Seiner Meinung nach besteht sonst die Gefahr, schnell wieder im Knast zu landen.

Aufgrund der zehn monatlichen Freistellungstage kann er auch fast jedes Wochenende zu seinem Kind und seiner Frau. Den Kontakt zur Familie zu halten sei anfangs schwierig gewesen, doch mittlerweile ist er per Handy erreichbar. Computer sind dagegen verboten. Wegen der Missbrauchsgefahr, lautet die Begründung.

Der Bereichdienstleiter hält viel von diesem Konzept der Wiedereingliederung. Die Rückfallquote sei sehr gering, keiner der Freigänger sei in den vergangenen zehn Jahren abgehauen. „Die wissen zu schätzen, dass sie hier sind, schließlich haben sie Wohnung, Arbeit und Familie zu verlieren“, sagt er. Und was sind Sergejs Pläne nach der Haft? „Zuerst einmal die Ausbildung beenden, der Rest ergibt sich“. Er hat sich geschworen, sich von Drogen fernzuhalten. Beat Seemann, 20

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14.06.2012, 12:00 Uhr

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