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Teilen als soziale Chance

Sharing Economy im Spagat zwischen Kommerz, Nachhaltigkeit und Sparzwängen

Sharing, also teilen, ist an sich nichts Neues - und dennoch ein Zukunftstrend: Wie und warum teilt der Mensch künftig und welche Vor- und Nachteile wird das haben? Die Politik kann die Entwicklung beeinflussen.

07.11.2015
  • MIRIAM KAMMERER

Ulm Zum 18. Geburtstag bekommt Paula einen Wochenendtrip nach Paris geschenkt. Sabine, ihre Mutter, sucht im Internet nach einer günstigen Unterkunft für Paula und ihre Freundinnen. Dabei stößt sie auf Airbnb - also auf eine Plattform, auf der Privatmenschen ihre Wohnungen als Urlaubsdomizil für andere anbieten können. Mit wenigen Klicks hat Sabine für Paula und ihre drei Freundinnen eine Zweizimmerwohnung gebucht. Selbst günstige Hotels können mit dem Preis von 18 EUR auf Airbnb nicht mithalten.

Teilen ist zu einem Trend geworden. Trotz aller Euphorie um das Thema ist dies noch die Wirklichkeit: Der durchschnittliche Europäer besitzt 10 000 Gegenstände. "Wir ersticken faktisch in Waren," sagt Cornelia Kelber vom Frankfurter Zukunftsinstitut. Angesichts dessen klingt es seltsam, dass die Sharing Economy, die für Zugang statt Besitz steht, weiter wachsen soll.

Cornelia Kelber erklärt es so: Das Sharing ist wie das "offline sein" ein Gegentrend zu viel größeren gesellschaftlichen Trends. Trotzdem lohnt es sich die Sharing Economy genauer zu betrachten, denn sie wächst, obwohl der Mensch weiter Eigentum anhäuft.

Das Teilen ist kein neues Phänomen. Bauern haben sich schon früh zusammen geschlossen, um gemeinsam Mähdrescher zu kaufen, Nachbarn leihen sich hin und wieder Bohrmaschinen oder Fahrradpumpen aus. Die Sharing Economy, wie sie sich heute zeigt, ist mit den sozialen Netzwerken groß geworden. "Das Internet hat geographische Grenzen gesprengt", sagt Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Leuphana Universität in Lüneburg. Das Internet als Treiber habe es ermöglicht, dass Produkt-Dienstleistungssysteme funktionieren. So gab es etwa Car-Sharing vor 20 Jahren schon, aber in den vergangenen fünf Jahren kam es aus der Nische.

Prominente Beispiele für die Sharing Economy sind der Taxi-Konkurrent Uber und die Wohnungsvermittlung Airbnb. Gemeinsam bewirtschaftete Gärten und das Teilen von Büchern sind weniger profitorientierte und sozialere Ausprägungen. Energiegenossenschaften sind zivilgesellschaftliche Formen des Teilens.

In den Medien gab es in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Kritik an den Start-Ups à la Uber und Airbnb. Der Vorwurf: Die Unternehmen und deren Investoren verdienen für die Vermittlung einer nicht selbst erbrachten Dienstleistung, während der Uber-Fahrer als Kleinstunternehmer einer Scheinselbstständigkeit nachgeht und damit noch die Taxibranche bedroht.

Die Vorwürfe sind nicht aus der Luft gegriffen, denn tatsächlich befinden sich manche Formen der Sharing Economy in einem rechtlichen Graubereich in Deutschland. Was ist zum Beispiel mit dem Brandschutz, den ein Hotelier einhalten muss, den aber ein Airbnb-Nutzer, der seine Wohnung als Feriendomizil vermietet, umgeht? Heinrichs ist der Meinung, dass die Politik in diesem Bereich "fünf Jahre geschlafen" habe. Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums sieht die Diskussion zu diesem Thema in Deutschland erst am Anfang und "daher kann zum gesetzgeberischen Handlungs- und Regulierungsbedarf noch kein abschließendes Urteil abgegeben werden".

Nur Gerichte, wie das Frankfurter Landgericht im Fall Uber, haben sich bisher mit den neuen Unternehmen auseinandergesetzt. Die Urteile dienten aber dem Branchenschutz des Bestehenden. Professor Heinrichs vermisst strategische Entscheidungen.

Abseits dieser Kritik an der neuen Branche birgt diese auch Chancen, vor allem wenn es um das Teilen zwischen zwei gleichgestellten Nutzern geht. Cornelia Kelber sieht in der Sharing Economy das Potenzial, sozial zu sein. Als Beispiel nennt sie öffentliche Kühlschränke, so genannte Fair-Teiler, in die jeder noch gute Lebensmittel legen und aus denen sich jeder bedienen kann.

Kelber sieht die Zukunft in der "Coordination Economy", sie ist der dritte Schritt in einem Modell des "Institutes for the future". Dieses sitzt in Palo Alto in Kalifornien und beschäftigt sich mit wichtigen Zukunftsthemen. In der ersten Phase hat sich demnach die Kommunikation verändert, zum Beispiel durch E-Mails und Chats. In der zweiten Phase, die noch andauert, geht es um Kommerz. Akteure wie Ebay tauchten auf und veränderten Einkaufsgewohnheiten. Die meisten Unternehmen der Sharing Economy sind hier auch zuzurechnen.

Der dritte Schritt liegt noch in der Zukunft. Hier geht es darum, Mensch und Ressource zu verschränken. Übriggebliebene Ressourcen sollen genutzt werden und das möglichst unkompliziert, erklärt Kelber. Das Unkomplizierte ist dabei das schlagende Argument. Langfristig werden sich nur Angebote durchsetzen, die einfach und schnell in der Nutzung sind. Der dritte Schritt wird vor allem technischer Natur sein, sagt Kelber. Verschiedene neue Technologien werden miteinander verschränkt. So könnte eine App in die andere integriert werden und wer sich per App eine Mitfahrgelegenheit bestellt, fährt gleich noch bei einem Blumenladen vorbei, weil die App an den Hochzeitstag denkt. Solche bestehenden Möglichkeiten werden zunehmen und ausgefeilter werden.

Heinrichs sieht die Verschränkung von Mensch und Ressource als positive Vision. Aus nachhaltiger Perspektive sei es wünschenswert, mit weniger Produkten alle Konsumwünsche zu erfüllen. Er denkt, dass es ein stückweit in diese Richtung gehen könnte, sieht aber in der Gesellschaft eine relative hohe Beharrungsstarre. Was die Sharing Economy betrifft, erwartet der Pofessor keine Revolution. "Die Welt wird keine andere sein in fünf oder zehn Jahren, glaube ich."

Paula und ihre Freundinnen hatten ein tolles Wochenende in Paris. Mit der Wohnung hat alles reibungslos geklappt. Sie und auch Mutter Sabine würden wieder über Airbnb buchen. Das eigene Haus oder Zimmer zu vermieten, kommt allerdings nicht in Frage.

Sharing Economy im Spagat zwischen Kommerz, Nachhaltigkeit und Sparzwängen

Kongress Am Donnerstag, 12. November, findet der Kongress „Share Economy – Impulsgeber für den digitalen Wandel“ in Karlsruhe im Haus der Wirtschaft statt. Auf dem Kongress erhalten Teilnehmer Anregungen für nachhaltige Geschäftsmodelle. Erfahrungen aus der Wirtschaft sollen für Share Economy-Projekte beleuchtet werden. Der Kongress wird veranstaltet vom CyberForum und gefördert vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg. Die Teilnahme am Kongress ist kostenfrei. mk

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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